Innovationskraft muss passgenau gefördert werden

Von: Beatrix Oprée
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„Sieht richtig spacig aus“: Landtagsabgeordneter Hendrik Schmitz (CDU) hatte seine Freude beim Anprobieren der Datenbrille mit Picavi-Software. CEO Dirk Franke (l.) und beratender Gesellschafter Franz Josef Titz (M.) erläutern derweil die Zukunftsperspektiven des jungen Unternehmens. Foto: Beatrix Oprée
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Bundestagsabgeordentem Helmut Brandt (CDU) wird indessen von Dr. Bernd Reineke (l.), Geschäftsführer der Unternehmensberatung Abels & Kemmner, die Bitte um Unterstützung bei der Suche nach einem Chairman für einen neuen Preis angetragen. Foto: Beatrix Oprée

Herzogenrath. Dr. Bernd Reineke nutzt die Gelegenheit: Wenn schon ein Bundestagsabgeordneter zu Besuch kommt, warum ihn nicht gleich mit einem ganz konkreten Anliegen betrauen? Womit denn auch offenbar wird, was sich hinter dem goldlackierten Trolley im Miniformat auf königsblauem Sockel verbirgt, der den Tisch im Versammlungsraum von Abels&Kemmner im Technologiepark Herzogenrath (TPH) ziert.

Die mehrfach preisgekrönte Unternehmensberatung – jüngst beim Deutschen Mittelstands-Summit noch als eines der besten Management-Beratungsunternehmen Deutschlands ausgezeichnet – möchte nämlich ihrerseits einen Preis ausloben: den goldenen Einkaufswagen. Ab 2017 soll dieser an Unternehmen verliehen werden, die besonders große Fortschritte in ihren Bemühungen hin zu einem nachhaltigen Bestandsmanagement gemacht haben.

Einen Schirmherrn brauche es dazu noch, erbittet Reineke beim Volksvertreter aus der Städteregion Fürsprache auf der Suche nach einem gewichtigen Namen und überreicht ihm den symbolträchtigen Trophäen-Prototyp als Erinnerungsstütze, „anstelle des Knotens im Taschentuch“. Und Helmut Brandt (65/CDU) sagt erwartungsgemäß zu, sich zu kümmern: „Wir werden da bestimmt eine gute Lösung finden.“

Auf Sommertour in Unternehmen der Region ist der Bundestagsabgeordnete aus Alsdorf, in wohlgeübter Praxis zusammen mit seinem Landtagspendant Hendrik Schmitz (38) aus Baesweiler, jeweils begleitet von örtlichen Lokalpolitikern. Um in Augenschein zu nehmen, was für Betriebe es in ihrem Beritt überhaupt gibt und welches Know-how hier gebündelt wird, wie sie unisono bekunden.

In den auserkorenen Firmen selbst scheint der hohe Besuch eine angenehme Abwechslung darzustellen. Kaffee, Kaltgetränke, Kekse und sogar frisches Obst stehen für den Besuchertross bereit, die Chefs höchstpersönlich warten am Empfang.

Seinen Glückwunsch für die Summit-Auszeichnung spricht Brandt aus, Managing Director Professor Dr. Götz-Andreas Kemmner reagiert mit einem Understatement: Es freue einen, „wenn man zur Kenntnis genommen wird“, sagt er. Der Preis, mittlerweile zum dritten Mal erhalten, stelle für sein Unternehmen allenfalls einen „Benchmark“ dar, einen Vergleichswert, um die eigene Position im Markt zu eruieren: „Es ist gut, ein positives Feedback zu bekommen. Und zu sehen, wo man weitermachen kann.“

Weitermachen im Kampf gegen Ressourcenverschwendung – wie sie auch ein Überfluss an Waren zur falschen Zeit am falschen Ort nach sich ziehen kann. Firmen sehen sich dem Dilemma ausgesetzt, jederzeit rechtzeitig liefern können zu müssen, andererseits aber nicht zu hohe Bestände aufzubauen und dadurch unnötig viel Kapital zu binden oder gar das Risiko einzugehen, Waren wegwerfen zu müssen.

Eine optimal eingestellte Lieferkette spare Kosten und schone die Umwelt, so das Credo, von dem Abels&Kemmner durch seine Software-Produkte zur Bestandsoptimierung und nicht zuletzt den avisierten „Goldenen Einkaufswagen“ immer mehr Betriebe überzeugen möchte. Nachhaltigkeit ist das willkommene Stichwort für die Männer aus der Politik. „Verschwendung zu reduzieren, kann nicht hoch genug bewertet werden“, fasst Schmitz plakativ zusammen.

Strikter Expansionskurs

Warenbestände und ihre Bearbeitung hat auch die Picavi GmbH im Blick, im wahrsten Sinne des Wortes. Der Entwickler des weltweit ersten Datenbrillensystems für Hochregallager im Echtbetrieb ist auf der gleichen Etage wie Abels&Kemmner im TPH angesiedelt. Ebenfalls ein Jungunternehmen mit vielversprechender Zukunft. Vor rund drei Jahren unter dem Namen Logcom GmbH gegründet, ist der jüngst mit dem Innovationspreis-IT prämierte Betrieb auf striktem Expansionskurs.

Der Vorteil der Warenkommissionierung per Datenbrille: Der Mitarbeiter muss keinen Handscanner mehr bedienen, hat beide Hände frei, um die Packlisten abzuarbeiten. Seit Mitte 2015 wird das System in immer mehr Betrieben eingesetzt, Zeitersparnis: 20 Prozent, wie CEO Dirk Franke seinen Gästen aus der Politik erläutert. Landtagsabgeordneter Schmitz, offenbar affin für digitale Informationstechnik, zeigt sich begeistert von den Möglichkeiten der Brille, in deren Bügel sich ein Minicomputer verbirgt.

„Sieht richtig spacig aus“, probiert er verschiedene Modelle an, ist beeindruckt von der Klarheit des Displays, das direkt vors Auge projiziert wird. Zufrieden nehmen der Landes- und der Bundespolitiker auch die Aussage der Experten zur Kenntnis, dass Deutschland in Sachen Lagerlogistik weltweit führend sei. Welche Aussichten mit Blick auf den wachsenden Sektor des E-Commerce. Wenn auch, wie Brandt anmerkt, der Einzelhandel das Nachsehen haben könnte.

„Der Mix macht’s“, stellt der Software-Entwickler selbstbewusst fest. Und wie sieht’s mit dem Datenschutz aus?, hakt der Abgeordnete noch nach: Vor allem Betriebsräte könnten Misstrauen hegen, ob das Tragen der Brille nicht etwa in die Nähe der Videoüberwachung gerückt werden könne. Nur der Barcode nicht etwa die Umgebung werde gespeichert, beschwichtigt der Picavi-Chef.

Existenzberechtigung

Letzte Station in Kohlscheid an diesem Tag ist schließlich der Besprechungsraum des TPH-Geschäftsführers: Ingo Klein stellt bei Kaffee und belegten Brötchen die Grundstruktur des Herzogenrather Gründer- und Technologiezentrums vor und sieht sich mit seinem Konzept des auf die individuellen Wünsche der Mieter abgeschnittenen Facility Managements und dem flexiblen Breitbandausbau gut gerüstet für die Zukunft. Stolz verweist er auf eine Auslastungsquote von 96 Prozent, Stand 1. Juli.

Zur Untermauerung seiner Ausführungen stellt er den Gästen den Begründer eines weiteren schnell wachsenden Start-ups im TPH vor, Thomas Bretgeld, Chef des Software-Büros Bretgeld Engineering. Auf 15 über den Business Inkubator Co:Forward gemieteten Quadratmetern Fläche hat der junge Ingenieur vor wenigen Jahren mit einem Mitarbeiter begonnen. Sein Metier: Software für Lichtmischtechnik, die er mittlerweile weltweit vermarktet – für Bühnenshows, in Discos, bei Präsentationen. Die Einsatzbereiche sind vielfältig.

Umzug in dreieinhalb Stunden

Heute nimmt Bretgeld mit nunmehr sieben Mitarbeitern 153 Quadratmeter im TPH in Anspruch. Gerade dreieinhalb Stunden habe der Umzug samt Umbau in Anspruch genommen, ist der Jungunternehmer angetan von den Dienste der TPH GmbH.

Bundestagsabgeordneter Brandt hört auch das gerne: So ziemlich jede Stadt habe vor Jahrzehnten mit dem Bau von Gründerzentren „ihr eigenes Ding“ entwickelt. Da sei es gut zu sehen, dass ein Ort wie das TPH heute immer noch seine Existenzberechtigung habe – und mit dafür sorge, dass NRW ein attraktiver Wirtschaftsstandort werde: „Wir müssen alle mit dafür sorgen.“

Und was sollten die Besucher noch aus Kohlscheid mit nach Berlin und Düsseldorf nehmen? Unternehmensförderprogramme passgenauer und unbürokratischer als bislang zuzuschneiden, ist den Gesprächen als Wunsch zu entnehmen.

Und es klang auch hier wieder durch: Der Mittelstand als Basis auch der Innovationskraft in Deutschland sieht sich immer noch nicht so ganz adäquat unterstützt. An mangelnder Würdigung, natürlich auch durch die örtlichen Abgeordneten, dürfte das allerdings nicht liegen.

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