In harten Zeiten hilft nur Zusammenhalt

Von: Thomas Vogel
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Altes, kaputtes Spielzeug - und im Sparschwein herrscht Ebbe: Die Belastungen durch Armut, nicht nur in materieller Hinsicht, sind für Kinder besonders schwerwiegend. Foto: Thomas Vogel

Nordkreis. Die Schuhe haben Löcher, aber einfach ein neues Paar kaufen - das ist nicht drin. Denn wenn der Kühlschrank leer ist, dann müssen zuallererst Lebensmittel her. Oft ist aber schon in der Mitte des Monats auch dafür das Geld nicht mehr da.

Leben unterhalb der Armutsgrenze schränkt ein. In materieller Hinsicht sowieso, aber auch die Psyche leidet nicht selten unter den schwierigen Verhältnissen. Besonders für Kinder ist das Leben in einer von Armut betroffenen oder bedrohten Familie ein hartes Los. In Deutschland sind es vor allem Alleinerziehende, deren Haushaltseinkommen weniger als 50 Prozent des Bundesdurchschnitts beträgt und die somit als arm gelten.

Auch in der nördlichen Städteregion haben die Tafeln Konjunktur. Sie sammeln bei Produzenten und Einzelhandel Lebensmittel, die ausrangiert wurden, und verteilen sie an Bedürftige. Für diese ist es oft die einzige Möglichkeit, über die Runden zu kommen.

Monika S. lebt in Herzogenrath. Sie ist Mutter von vier Kindern. Mit dem Vater ist sie eine lange Zeit verheiratet, und obwohl sie keine Berufsausbildung hat, ist sie seit mehr als zehn Jahren bei einem großen Unternehmen fest angestellt - kurzum: ein gutes Umfeld, um Kinder aufzuziehen. Bis ihre Tochter im Jahr 2001 bei einem Unglück ums Leben kommt. „Der Vorfall hat mich aus der Bahn geworfen”, erzählt die junge Mutter. Sie kündigt ihren Job, um fortan mehr Zeit mit ihren übrigen Kindern zu verbringen.

In den Jahren darauf verschlechtert sich die persönliche und finanzielle Situation der Familie weiter. Erst wird der Vater arbeitslos, dann folgt die Trennung der Eltern. Die 39-Jährige ist nun alleinerziehend. Sie hat zwar einen Minijob, der aber vorne und hinten nicht ausreicht, um die Familie zu versorgen.

Mit der Unterstützung durch den Vater und das Kindergeld müssen zuerst laufende Kosten wie Kredite und Versicherungen bezahlt werden. Zum Leben bleiben danach noch rund 250 Euro übrig. Monikas Jüngster ist sechs Jahre alt. Er versteht nicht, warum er nicht die Sachen bekommt, die er gerne haben möchte. „Warum geht Mama nicht in die Bank und kauft mir dann Spielsachen?”, fragt er oft, wie seine Mutter mit bedrücktem Gesichtsausdruck verrät. Glücklicherweise ist Mobbing von Kameraden kein Thema. In dem Alter definieren die Kinder ihren Status noch nicht über Markenklamotten oder teures Spielzeug. Dabei kann es in der Pubertät zum Problem fürs Selbstbewusstsein werden, wenn andere sich zu Hause um die neueste Spielkonsole versammeln oder Wert auf besondere Kleidung legen - und man selbst nicht mithalten kann. Hier droht ein Ausschluss aus der Gemeinschaft.

Monikas Kinder wissen, dass ihre Hosen und Pullis gebrauchte Sachen von der Nachbarin sind oder vom Flohmarkt kommen. „Das macht ihnen aber nichts aus. Dass wir wenig Geld haben, schweißt uns eher zusammen”, sagt sie. Ihr ältestes Kind ist bereits aus dem Haus, sorgt für sich selbst. Die Sorgen der Mutter sind dennoch auch seine Sorgen. „Manchmal steckt er mir 50 Euro zu”, sagt sie - ob stolz, dass der Zusammenhalt in der Familie so stark ist, oder leicht beschämt, darauf angewiesen zu sein, lässt sie nicht durchblicken.

Wachsen Kinder in prekären Lebensverhältnissen auf, wirkt sich das oft auch auf ihren weiteren Lebensweg aus. Im Durchschnitt sind ihre schulischen Leistungen schlechter, sie besuchen seltener Hochschulen und sind später häufiger arbeitslos. Auch die Ernährung der Kinder kann unter den eingeschränkten finanziellen Möglichkeiten der Familie leiden. Geht es um Gesundheit und Bildungschancen des Nachwuchses, hängt also gerade in von Armut betroffenen Haushalten viel von den Eltern ab. „Meine Tochter bringt sehr häufig Zettel aus der Schule mit nach Hause, auf denen Sachen vermerkt sind, die sie für den Unterricht braucht”, erzählt Ingrid M.. Sie ist Mutter von zwei Kindern, Hartz-IV-Empfängerin und ebenfalls alleinerziehend. Durch Zusatzleistungen, beispielsweise aus dem Bildungspaket der Bundesregierung, versucht die Mittdreißigerin die Belastung zu stemmen.

Auch Monika S. ist bemüht, ihre Kinder die Geldsorgen nicht spüren zu lassen. „Erst durch Angebote wie das der Tafel ist es möglich, die Kids kostengünstig und gleichzeitig gesund zu ernähren”, bekräftigt sie. Vor den Besuchen bei der Hilfsorganisation ging der Griff hauptsächlich ins Konservenregal.

Der Anteil an Kunden, die Kinder mitversorgen müssen, liegt bei der Herzogenrather Tafel über 50 Prozent. Und er steigt weiter, wie Vorsitzender Dieter Lecher weiß: „In den letzten Jahren kommen immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund zu uns - und diese haben auch die meisten Kinder.”

Wie erschütternd Kinderarmut ist, erleben er und seine Frau Waltraud Lecher, zweite Vorsitzende der Roda-Tafel, regelmäßig. „Es kam vor, dass Kinder in der Tür standen und zu mir gesagt haben: ,Waltraud, ich habe Hunger. Hast du Essen?.”
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