In der Unterwelt der Realschule

Von: Karl Stüber
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Nur wenige Betriebsstunden: Di
Nur wenige Betriebsstunden: Die beiden Notstromaggregate haben lediglich die vorgeschriebenen Testläufe absolviert, wie hier der Hausmeister der Realschule in Ofden, Wolfgang Graf, abliest. Foto: Karl Stüber

Alsdorf. Einmal im Monat macht sich Wolfgang Graf auf den Weg in den Untergrund der städtischen Realschule in Ofden - auf eine Reise in die Vergangenheit.

Der Hausmeister schaut in einem Keller der besonderen Art nach dem Rechten, prüft, ob die Leitungen noch dicht sind und die (Not-)Beleuchtung noch funktioniert. Das Bauwerk, auf dem die Schule thront, ist besonders massiv gebaut, sollte es doch Kriegseinwirkungen trotzen und der medizinischen Betreuung Überlebender dienen.

In der weitläufigen Bunkeranlage wurde ein komplettes Hilfskrankenhaus für den Verteidigungsfall vorgehalten. Graf kennt sich aus, hat alles Wissenswerte über die verborgene Anlage von seinem Vorgänger Wolfgang Sanft erfahren.

Engagiert und kompetent führt er den Besucher durch die Räume, genau dem Weg folgend, den zum Beispiel nach einem atomaren Schlag Verletzte nehmen würden, von der Dekontaminationsschleuse mit Entgiftung und Dusche bis hin zur postoperativen Betreuung. Dabei lässt sich die Nutzung der Räume nur noch durch die Beschriftung erahnen, denn in 2001 und 2002 wurden Gerätschaften und Krankenhausutensilien abgeholt und für humanitäre Zwecke bereitgestellt.

Für 200 Menschen ausgelegt

Im Fall des Falles wäre das Hilfskrankenhaus für die medizinische Betreuung von rund 200 Menschen ausgelegt gewesen. Die OP-Ausrüstung war eingelagert. Von der chirurgischen Vorbehandlung inklusive Röntgenabteilung, Toiletten, Büroräumen, Wäschekammer und zwei OP-„Sälen” bis hin zum Sterilisationsraum für Instrumente und OP-Besteck war alles bestens gerüstet. Die so Versorgten wären dann oberirdisch in der Schule auf schnell eingerichteten Stationen verteilt worden.

Die Bunkeranlage verfügte über ein autarkes Belüftungs- und Heizsystem. Die angesaugte Luft wäre durch Filter gereinigt worden. Zwei schwere Dieselaggregate mit Daimler-Motoren und Siemens-Steuerungstechnik hätten die notwendige Energie geliefert, wäre die externe Energieversorgung zusammengebrochen. Und notfalls hätten fleißige Hände per Handpumpe den Treibstoff aus dem 1100-Liter-Tank zu Notstromaggregaten gelenkt. Aber zu all dem kam es nicht. Zum Glück! So wurden die Maschinen nur zu Standardtestes angeworfen. Die Instrumente zeigen gerade mal 168,5 bzw. 270,5 Betriebsstunden an.

Keine Tunnel zum Gymnasium

Nach Angaben der Stadt Alsdorf „ist davon auszugehen”, dass das Hilfskrankenhaus infolge des „Sofortprogramms zur baulichen Vorbereitung von Ausweich- und Hilfskrankenhäusern” vom Mai 1965 errichtet wurde. Gemäß Gesetz über den Zivilschutz und die Katastrophenhilfe des Bundes wurden die öffentlichen Schutzräume mit Mitteln des Bundes errichtet. Eigentümerin und Verwalterin des Objektes ist die Stadt Alsdorf. Nutzung und Unterhaltung wurden zuletzt per Vertrag aus dem Jahre 1974 geregelt. Die Bezirksregierung erstattete die Kosten.

Nach Abtransport der Ausrüstung vor rund zehn Jahren wurde das ehemalige Hilfskrankenhaus bis zur Auflösungsvereinbarung im September vergangenen Jahres zum Schutzbauwerk. Nach Ende des Kalten Krieges hatte es ausgedient. Hausmeister Graf zeigt auf Armaturen an gekachelten Wänden. Kein Arzt und kein Pflegepersonal haben sich dort je gereinigt. Alte Formulare liegen herum.

Graf räumt mit einem hartnäckigen Gerücht auf: Nein, es gibt keine unterirdische Verbindung zum gegenüberliegenden Gymnasium. Der vermeintliche Gang endet in einem Lagerraum.

Was geschieht mit dem massiven Betonklotz, wenn nach Umzug der beiden Ofdener Schulen in das nun zu bauende Kultur- und Bildungszentrum auf dem Annagelände die Stadt das Gelände als Bauland vermarkten will? Das damit zu erlösende Geld ist bereits verplant. Bürgermeister Alfred Sonders teilt auf Anfrage mit, dass damit verbundene Fragen sämtlich Gegenstand eines künftigen Bebauungsplanverfahrens sind.

Hierbei sei die Frage der Entwicklung des Grundstücks grundsätzlich zu klären. Dabei ist die Hanglage für Wohnbebauung attraktiv und offenbar diffizil zugleich. Die Stadt hat einen Vermessungsauftrag erteilt, damit ein Höhenmodell zur weiteren Planung erstellt wird. Im Zuge des Bebauungsplans wird eine Reihe von Gutachten erarbeitet werden müssen, etwa zu Bodenverhältnissen und Entwässerung. Zudem sollen, so die Auskunft der Verwaltung, verschiedene Varianten betrachtet werden.

Beseitigen oder belassen?

Kann also der Bunker bleiben, wo er ist, oder muss er aufwändig „zurückgebaut” werden? Welche Auswirkungen hat das auf den Hang? Findet sich ein Investor oder Vermarktungspartner, der die Kosten übernimmt? Hausmeister Graf wird bis zur Klärung noch so manchen Kontrollgang durch „sein” unterirdisches Reich unternehmen müssen - mit oder ohne interessierte Gäste.
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