In den Ruhestand: 20 Jahre war Anton Simons auf Streife

Von: Beatrix Oprée
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Um mit einem alten Vorurteil aufzuräumen: Auch ohne Kappe ist ein Polizist eine vollständig ernst zu nehmende Amtsperson. Foto: Beatrix Oprée
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Mit oder ohne Mütze – in Kohlscheid ist der Bezirksbeamte Toni Simons gern gesehener Partner gewesen, etwa für Friedrich Reuters und Eduard Beissmann aus der Siedlung Roland. Foto: Beatrix Oprée
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Oder für Bernd Leo Kaever, Inhaber der Firma Robertz, der die Wichtigkeit der Langjährigkeit von Bezirksbeamten betont. Foto: Beatrix Oprée
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Gut kooperierte Simons auch mit Hauptschulleiterin Barbara Ertel-Angerhausen. Foto: Beatrix Oprée

Herzogenrath. Ein zusätzliches Berufsjahr hatte er sich noch eingeklagt, doch nun ist Schluss. Definitiv. Mit unverhohlener Wehmut fährt Polizeihauptkommissar Anton Simons durch die Straßen, nur noch Stunden trennen ihn von seiner Pensionierung. 20 Jahre lang ist Kohlscheid sein Revier gewesen.

 Hier kennt er „jeden Strauch, jede Straße und sehr viele Menschen“, wie er sagt. Und natürlich seine Pappenheimer. „Man hat leider nicht immer mit Leuten zu tun, die lieb und brav sind“, konstatiert er trocken. Tatsächlich hat die Vollstreckung von Haftbefehlen einen Großteil seiner Arbeit ausgemacht. Bei standhaft säumigen Knöllchenzahlern etwa – „die Städte erwirken bei der Staatsanwaltschaft einen Haftbefehl, mitunter wegen 15 Euro“. Zahlt der Sünder immer noch nicht, könnte eine zwei- bis dreitägige Erzwingungshaft die Folge sein. Kaum hat er dieses Prozedere beschrieben, stutzt PHK Simons: „Diesen Wagen kenne ich doch...“

Seit Tagen schon ist er hinter einem Schuldner her, bei dem weitaus mehr als ein nicht gezahltes Verwarnungsgeld zu kassieren ist. Bisher war der nicht anzutreffen, nun steht sein Pkw vor der Haustür. Also nichts wie hin zum Eingang eines bescheidenen Hinterhauses. Zwei Fenster im Parterre sind gekippt, in der Küche läuft offenbar eine Waschmaschine... doch niemand öffnet. „Da ist ganz bestimmt jemand zu Hause“, mutmaßt Simons. „In solch einem Fall würde ich jetzt normalerweise den Schlüsseldienst rufen...“ Doch eigentlich hat er die Akte auch schon an die Kollegen übergeben.

Weiter also mit der Abschiedstour durchs Revier. Immer wieder winken Passanten. „Ich dachte, Sie sind schon im Ruhestand?“, ruft die Inhaberin eines Zeitungsladens. „Irrtum, noch nicht ganz“, grinst Simons zurück. Mit den Menschen auf Augenhöhe zu kommunizieren, ist sein Credo: „Man muss sich klar machen: Wie spreche ich den Bürger an?“ Ein „Kohlscheider Jung“ zu sein, ist ihm da stets zu pass gekommen. Etwa bei der Gefährderansprache eines 80-jährigen Hausbesitzers, der eine Frau, die ihm den Mietzins schuldig geblieben war, massiv bedroht und ihr sogar ein Fenster eingeschlagen hatte. „Er wollte sie rausekeln“, erinnert sich Simons, wie er mit einer Kollegin vor der Wohnungstür des rabiaten Vermieters gestanden hatte. Mit einem barschen „Watt wollt Ühr da hey?“, habe dieser die Beamten empfangen. „Und ich habe in Platt geantwortet, da war sofort die Luft raus“, sagt Simons und schmunzelt: Sein strenger Blick und seine tiefe Stimme seien generell von Vorteil gewesen, um sich den nötigen Respekt zu verschaffen.

Auch Schlägertypen hätten da schnell gewusst, woran sie waren. Lieber war es ihm aber, Menschen, die auf die schiefe Bahn geraten waren, wieder auf den richtigen Weg zu lenken. „Wenn das gelingt, hat sich die Arbeit gelohnt“, sagt er zufrieden. Namen fallen ihm ein von einst auffälligen Jugendlichen, die auch dank seiner Hilfe die Kurve gekriegt, einen ordentlichen Job haben und heute Familienväter sind. „Da war auch wichtig, dass sie die richtige Frau gefunden haben, dann läuft das.“ Nicht immer den strengen Beamten herauskehren, je nach Situation schon mal fünf gerade sein zu lassen, auch das machte seinen Erfolg im Job aus. Seine Dienstwaffe hat er übrigens nie gebraucht.

Hunderte Geschichten könnte PHK Simons erzählen, wohl wissend, was viele der Kohlscheider Fassaden verbergen. Er zeigt auf einen grauen Wohnblock, mit dem er immer einen seiner schlimmsten Einsätze verbinden wird: Vor 35 Jahren, bei seinem ersten Nachtdienst, wurde der junge Polizist dort hin zu einem „Schutzersuchen“ gerufen. Eine unter Schock stehende Frau berichtete, ihr Freund habe gesagt: „Ich glaube, ich habe den D. umgebracht.“ Im Schlafzimmer fanden die Polizisten das leblose Söhnchen der Frau in seinem Bettchen, sorgfältig zugedeckt, das Doppelbett daneben voller Blut. Der Täter war geflüchtet. Tatmotiv: Er hatte die Sportschau sehen wollen, als der Zweieinhalbjährige anfing zu weinen. Aus blanker Wut darüber stach er auf den kleinen Körper ein.

Das schrecklichste Erlebnis seiner Berufsjahre, so sagt Anton Simons, sei jedoch der unverschuldete tödliche Verkehrsunfall eines 17-jährigen Mopedfahrers gewesen. Als er mit Schultasche und Helm des Jungen bei den Eltern vorfuhr, um die schreckliche Mitteilung zu machen, musste er feststellen, dass es sich bei dem Vater des Toten um einen guten Freund handelte – der sich zunächst freute, als er ihm die Tür öffnete... Im Laufe seiner insgesamt 38-jährigen Dienstzeit hat Anton Simons viele Todesnachrichten überbringen müssen, auch das gehört zu den Aufgaben eines Bezirksbesamten. Gewöhnen tut man sich nie daran.

Und was waren ihm die liebsten Einsätze? „Der Kontakt zu den Schulen“, sagt der 63-Jährige spontan. Verkehrsunterricht und Schulwegsicherung sind ihm ein großes Anliegen. Genau hört er hin, wenn ihm Eltern von möglichen Gefahrenstellen berichten. Gezielt hat sich Simons, der auch im Personalrat tätig war, fortgebildet, in Sachen Kommunikation, Sprach- und Sprechtraining, Lernbiologie von Kindern sowie Verkehrsaufklärung von Senioren. Später war er auch Multiplikator für andere Bezirksbeamte. Denn man muss wissen, wie man vor 50 Leuten bei einem Elternabend spricht, welches Auffassungsvermögen Sechsjährige haben – und „dass man Senioren nicht mehr erziehen kann“.

„Ich kenne Herrn Simons schon aus meinen Kindergartentagen“, berichtet eine junge Mutter fröhlich, die ihr Töchterlein in die Schule an der Ebertstraße gebracht hat. Mit Rektorin Hedwig Ahrens hat der Bezirksbeamte gerne und gut zusammen gearbeitet. Und mit den vielen Kindern. Wie sehr die Grundschüler ihn schätzen, beweist das Abschiedsinterview, das die Viertklässler Dimitri Nelissen und Fabian Schmidt mit ihm für die Schülerzeitung geführt haben, vor der Fahrradprüfung. Ob man dem Polizisten Simons aber glauben kann, dass er sich wirklich nicht an seine schlechteste Schulnote erinnern kann?

Auch von Barbara Ertel-Anger-hausen, Leiterin der auslaufenden Hauptschule, verabschiedet er sich. „Wir sind sehr gut miteinander ausgekommen“, sagt die engagierte Pädagogin. „Er war immer sofort da, wenn es galt, etwas zu klären.“ Beide erinnern sich an diverse Schüler, die drohten abzudriften und aufgefangen werden konnten: „Herr Simons ist der richtige Mann am richtigen Ort und Platz gewesen.“

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