Alsdorf - In „Alsheim” lebt der Bergbau im Modell wieder auf

In „Alsheim” lebt der Bergbau im Modell wieder auf

Von: Holger Bubel
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Kein „Kilometerfresser auf Modellbahnschienen: Harald Richter lässt zwar auch schon mal die Räder rollen, aber den meisten Spaß hat er beim Gestalten und Basteln. Foto: Holger Bubel

Alsdorf. In einer Kommune, die, wie so viele, von der Schließung des Bergbaus stark gebeutelt wurde, hat es ein Stadtentwickler leicht. Mannigfaltige Möglichkeiten zur Umstrukturierung und Gestaltung stehen nach einer Zechenschließung offen, denn eine solche bedeutet auch freie Fläche, die bebaut sein will.

Dass dem nicht (ganz) so ist, zumindest, dass die Möglichkeiten der kreativen und zugleich zukunftsorientierten Entfaltung doch arg eingeschränkt sind, das musste Harald Richter, Technischer Dezernent der alten Bergbaustadt Alsdorf - gerne auch als sich im Strukturwandel befindliche Kommune betitelt -, recht schnell feststellen.

Dabei liebt dieser Mann das kreative Gestalten, den Bergbau und die Historie. Das alles lebt der 56-jährige Wahl-Alsdorfer nicht nur seit der Verwurzelung mit seiner neuen Heimat und dem Alsdorfer Rathaus zumindest aber im Kleinen aus: Modelleisenbahn ist seine Leidenschaft, und das seit über 40 Jahren.

„Irgendwann wollte der Jung´ eine Eisenbahn”, schwelgt Harald Richter in Gedanken an seine erste große Liebe, nämlich die zur Modelleisenbahn. Klein hatte er damals begonnen, im Keller seines Elternhauses in Monheim, „doch dann musste die Bahn, nämlich beim Eintritt in die Pubertät, einem Partyraum weichen”, erinnert sich der heutige Vater dreier Kinder im allerbesten Pubertäts- und Erwachsenenalter an das Frühlingserwachen seiner Männlichkeit.

Jetzt, in den Wintermonaten, in denen die Abende lang und nicht lau sind, sehen ihn ebendiese Kinder - Nico (14), Ben (17) und Hannah (19) - nicht so häufig. Und auch Gattin Brigitte muss den Hausherrn in diesen Tagen mit mahnendem Ruf die Kellertreppe hinunter zum gemeinsamen Abendessen im Kreise der Familie bitten. Denn besonders im Winter verbringt Dezernent Richter seine knapp bemessene Freizeit gerne in seinem Keller, mit einer stattlichen Modelleisenbahn, Maßstab H0 (1:87).

„Diese Stunden sind stressfrei, es quatscht einem keiner dazwischen”, schätzt Harald Richter diese „klassische Modellbauzeit”. Seine Jungs, hat der Familienvater feststellen müssen, haben kein richtiges Interesse an der Bahn im Keller. „Das ist ganz alleine mein Reich.” Und das hat der Stadtentwickler auch ganz nach seinem Gusto entworfen. Fünf Motive bilden sein gestaltetes Reich, das fiktive „Alsheim”, ein Kunstname aus den Wortteilen von Alsdorf, seiner neuen Heimat, und Monheim, seiner Geburtsstadt.

Stationen des eigenen Lebens

Alsheim besteht im Wesentlichen aus Motiven, Betriebspunkten für den Eisenbahnverkehr, die Harald Richter wichtig sind: dem Massengüterbahnhof, einem Bergwerk, einem Stadtanschluss mit Hauptbahnhof, einem Güterbahnhof und einem Postanschluss. Immer wieder entdeckt der Betrachter in Alsheim Kleinigkeiten, szenische Erinnerungen und Stationen aus dem Leben von Harald Richter. Da gibt es etwa das alte „Muckefuck”, in dem der Dezernent einst seine Frau kennengelernt hat, oder die Stammtankstelle seines Geburtsortes Monheim, den Betrieb eines Freundes...

„Es ist kein zusammenhängendes Landschaftsbild. Anfangs hatte ich viel zu viele Motive. Um glaubwürdige Funktionsabläufe auf die Bahn zu bringen, musste ich mich schon sehr zurücknehmen”, erinnert sich Richter. Und auch typische, zeitgeschichtliche Momentaufnahmen - Zeugnisse des Geschichtsbewusstseins des Modelleisenbahners - sind zu sehen: eine Demo gegen die Einführung der Samstagsarbeitszeit, der Schichtwechsel im Bergwerk, Arbeiten an den Gleisen und vieles mehr.

Kein „Nietenzähler”

„Meine Bahn ist angelehnt an die Epoche zwischen 1948 und 1976/77, dem Ende des Dampflokbetriebs”, erklärt Richter. Das gilt nicht nur für die Zugmaschinen und Waggons, die sich auf 19 Bahnen mit 60 Weichen und 120 Metern Gleisen durch Alsheim bewegen. Auch die Gebäude, Bauwerke, Industrieanlagen, Fördermaschinen sind auf diese Epoche getrimmt: „Ich altere die einzelnen Bauteile mit Ölen und sandähnlichem Material”, verrät Richter.

„Kaufen kann jeder”, sagt er, „aber wenn ich ein neues Teil habe, dann muss ich es erstmal versauen.” Dabei hat Harald Richter auch durchaus kulturhistorische, soziologische Gedanken bei seinem Hobby: „Die Eisenbahn ist eine technische Basiserfindung, ohne sie hätte es keine industrielle Revolution gegeben. Die Faszination für die gesellschaftliche Infrastruktur begleitet mich bei bei der Auseinandersetzung mit Alsheim.” Aber, räumt Richter auch ein, „das ganze sollte nicht zu sehr verwissenschaftlicht werden, sondern zweckfrei Spaß machen”.

Als „Nietenzähler”, das sind Modelleisenbahner, die es ganz genau nehmen und etwa den Fahrplan der Deutschen Bahn nachahmen, betrachtet sich der Dezernent zumindest bei seinem Hobby nicht. Zwar dauerte alleine die Planungsphase - „Schließlich muss man alle Relationen in seine Überlegungen einbeziehen” - ein ganzes Jahr, doch „die Fähigkeit zu erhalten, zu spielen - auch als erwachsener Mann - ist mein Hauptanliegen.”

Unberechtigte Vorurteile

Als „kauziger” Hobbylokführer sieht er sich übrigens durchaus nicht, auch wenn er hier und da einmal mit einem „Original Rheindahlener Eisenbahner”-Kräuterlikör ein Richt(er)fest in seinem Keller feiert. „Ich ärgere mich ein wenig darüber, dass man als Modelleisenbahner mit so einem seltsam-mitleidigen Blick angesehen wird. Dabei ist die Beschäftigung mit einer Bahnanlage ein individuelles, aber durchaus familienverträgliches Hobby.”

Was seine Familie bestätigt. Nein, kauzig ist der Vater nicht, bekräftigen die Kinder und Gattin Brigitte.
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