Im Filzwerkraum wird eine alte Handwerkskunst neu interpretiert

Von: Johannes Schaffeldt
Letzte Aktualisierung:
Filz
Gabi Schmertz verdeutlicht Besucherin Zoë Koch anhand eines schon fertigen Kissens und der ausgelegten Wolle für ein neues (im Vordergrund) wie stark die Wolle beim Filzen komprimiert wird.
Filz
Kunst mit Funktionalität: Gabi Schmertz filzt in vielen Größen blütenartige Gefäße, die zur Aufbewahrung der verschiedensten Dinge benutzt werden können.

Alsdorf. Das Schaufenster eines alten Ladenlokals in der Mariadorfer Querstraße eröffnet den Blick auf sehr ungewöhnliche Objekte. An eine trockene Baumrinde schmiegt sich eine große Schale, die etwas an den Kelch eines Pilzes erinnert, von weitem täuschend echt aussehende wollene Kieselsteine, knallbunt umhüllte Äpfel und Kaffeetassen.

Im Lokal dahinter gibt es noch viele weitere kleine und große Dinge zu entdecken. Hier hat die Künstlerin Gabi Schmertz ihren Filzwerkraum eingerichtet, in dem sie eine Handwerkskunst ausübt, die, wie sie sagt, „lange stiefmütterlich behandelt worden ist“. Nebenan ist ein Metzger, bei dem Marina Brants gelegentlich einkaufen geht. Bei einem dieser Einkäufe fiel ihr Blick auf die Schaufensterauslage von Gabi Schmertz.

Die Organisatorin der „Offenen Alsdorfer Atelierhäuser“ nahm den Kontakt und dann die Filzkünstlerin in die Kunstroute auf. Vergangenes Wochenende waren die Türen des Filzwerkraumes weit geöffnet und die Besucher konnten sich davon überzeugen, welches breite Potenzial in einem Material steckt, was die meisten wohl nur von Hausschuhen und Hüten kennen.

Mit Textilien arbeitet die heutige Filzkünstlerin schon lange. Das Nähen hat sie bereits von ihrer Mutter erlernt und näht auch heute noch. Eher durch Zufall hat sie einen Kurs im Helene-Weber-Haus besucht, bei dem sie zum ersten Mal mit der Filzherstellung in Berührung gekommen ist. Das ließ sie nicht mehr los. Schnell musste sie feststellen, dass eine Selbstaneignung, wie sie es mit anderen Techniken gemacht hat, beim Filzen so nicht möglich ist.

Das Wissen, auf dem sie heute aufbauen kann, hat sich Gabi Schmertz in der Filzschule im württembergischen Oberrot angeeignet. Über drei Jahre fuhr sie jeweils im Frühjahr und im Herbst für eine Woche in die Schule. Von der Materialkunde über Farbe bis hin zum Formen von Körpern wurde vor Ort alles Wesentliche vermittelt. Zwischen den Blöcken bekamen die Teilnehmenden Aufgaben zur Erledigung zu Hause, bei denen schon eine Menge Kreativität gefordert wurde.

So entstanden Sitzkissen mit außergewöhnlichen Motiven, zu sehen sind beispielsweise die Steine vom „Wassertisch“ im Annapark. Sogar Einschlüsse, Verschmutzungen und Überwucherungen hat die Künstlerin versucht mit Filz darzustellen.

Für ihre Abschlussarbeit an der Schule hat sie sich von den Menhiren (im Deutschen auch als Hinkelsteine bekannt) der Bretagne inspirieren lassen. Dazu hat sie Filz über ein Gerippe aus Aluminiumstäben und einer Plexiglashaube gezogen. Drei Wochen hat es gedauert einen dieser „Steine“ zu bearbeiten, die ihre Erschafferin um fast zwei Köpfe überragen.

Um im Raum nicht von so einem massiven Objekt erdrückt zu werden, hat sie ihre Filzmenhire vom Original abgewandelt. „Menhire sind ja als Steine ganz geschlossen, bei mir hat es eben einen Durchblick.“ In die Mitte jedes ihrer drei Objekte hat sie ein ovale Löcher gearbeitet. Hintereinander ausgerichtet kann dieser ovale Durchblick den Betrachter wie ein Tunnel auf eine dahinter platzierte Sache fokussieren. Am Ende der Ausbildung stand ein Zertifikat, dass zu diesem Zeitpunkt leider noch nicht im Textilhandwerk anerkannt war. Erst seit etwa zwei Jahren ist das Filzhandwerk als eigener Ausbildungszweig anerkannt.

Die Materialkunde sei wichtig, es handele sich um ein sehr lebendiges Material. Nicht jede Wolle ist gleich gut für jeden Zweck geeignet und jeder Filzkünstler präferiert eine andere. Ausgangsmaterial der Wahl ist für Gabi Schmertz die Wolle von Bergschafen aus Österreich. Vor dem Filzen wird zunächst die Menge berechnet und dann ausgelegt. Mit lauwarmen Wasser gemeinsam wird Seife aufgebracht. Derzeit eine rückfettende Zitronenseife. Mit kreisenden Bewegungen der Hände wird die Wolle angefilzt.

Auf Schaumstoff rollt die Künstlerin weiter und filzt die Wolle. Ist eine gewisse Festigkeit erreicht, wird gewalkt, der Filz also rollend geknetet bis das gewünschte Ergebnis erreicht ist. All das braucht Kraft, Ruhe und Geduld. Im Prozess verschlingen sich die Fasern miteinander.

Um zu Filz zu werden geht die Wolle also Verbindungen ein. Eine Fähigkeit, die sie auch gut mit anderen Materialien kombinierbar macht. Hauptsächlich arbeite sie mit dem Filz allein, wenn sich allerdings ein Material, ein Gegenstand besonders anbiete, arbeite sie ihn gerne ein. Die Kombination führt zu ganz eigenen interessanten Effekten.

Gabi Schmertz hat ein Kleid entwickelt. Außen besteht aus knallig grünem Filz, innen aus schwarzer Seide. Als die beiden Materialien ihre Symbiose eingingen, schlug die Seide Blasen, die dem Kleid eine weitere unverwechselbare Komponente hinzufügten. Viel arbeitet sie mit Fundstücken oder Mitbringseln aus anderen Materialien.

An einem ausgetrockneten Baumstamm vor dem Fenster hat sich ein Falter niedergelassen. Mit kräftigen Beinen hält er sich fest. Erst auf den zweiten Blick ist erkennbar, dass der Körper aus einer kleinen Gartenharke besteht und die Beine ihre Zinken sind. Um den Hals trägt die Filzkünstlerin eine blaue Kette, in deren Mitte prominent ein Wasserstein prangt.

Einen Jaspis hat sie mit mehreren bunten Lagen Filz umhüllt, dass er wie eine Kastanie aus ihrer aufgeplatzten Hülle schaut. Mit Schmucksteinen wie diesen arbeitet Gabi Schmertz häufiger. Im Herbst wird sie aber auch wieder mit echten Kastanien arbeiten. Anders als die Steine verändern sich die Kastanien beim Austrocknen noch und verändern so auch das Objekt, in das sie eingearbeitet sind.

Wenn Gabi Schmertz über ihre Wolle, den Filz und die kleinen und großen Werke spricht, leuchten ihre Augen vor Begeisterung. Eine Begeisterung, die sie teilt und verbreitet. In der Offenen Ganztagsschule in der Broicher Siedlung gibt sie Techniken, aber auch ihre Leidenschaft für das Material an die Schüler weiter. Das kommt so gut an, dass es mittlerweile einen eigenen Raum zum Nähen und Filzen gibt.

Zoë Koch, eine dieser Schülerinnen, ist der erste Gast am Wochenende der „Offenen Alsdorfer Atelier Häuser“ im Mariadorfer Atelier. Immer wenn es neue Arbeiten von Gabi Schmertz irgendwo zu sehen gibt, kommt sie und schaut sie sich an. Im Atelier war sie zum ersten Mal. Die Faszination ist sofort wieder spürbar, als Gabi Schmertz ihr verschiedene ihrer Arbeiten zeigt und detailreich erklärt, wie es entstanden ist.

Auf Anfrage öffnet sie auch ihr Atelier in der Querstraße für andere Interessierte. Bis zu vier Personen können beim Filzabend in die Faszination eintauchen. Die gesamte Vorbereitung, also Berechnen des Materials und Schneiden der Trennfolien für Hohlkörper übernimmt sie, so dass die Gäste sich voll auf das Material und den Schaffensprozess konzentrieren können.

Am Ende gehen sie mit einer selbst gemachten Schale wieder nach Hause. Das Ergebnis hat nicht nur sehr viel mit der eingesetzten Wolle zu tun, sondern auch mit der Persönlichkeit der Person, die damit arbeitet. Vom Auslegen der Wolle bis zum Walken wird die Interaktion zwischen Gegenstand und Person sehr stark vom Wesen und dem aktuellen Gemüt beeinflusst. Die Unterschiede werden schnell sehr deutlich sichtbar.

Wie alles Lebendige ist natürlich auch ihr Filz vergänglich. Ein Umstand mit dem sich Gabi Schmertz in letzter Zeit intensiver beschäftigt. Bei Gebrauchsgegenständen, wie Filzpantoffeln, Hüten oder Kleidern aus Filz wird dies besonders sichtbar, da sie irgendwann verschlissen sind. Aber auch alle anderen Objekte überdauern nicht in alle Ewigkeit. Eine parallele zum menschlichen Leben und seiner Vergänglichkeit.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert