„Ich bin keiner, der nicht abgeben kann“

Von: Stefan Schaum
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Musik ist überall: Drei Orgelpfeifen zieren den Hausflur von Josef Paffen – und Noten säumen das Treppengeländer. Foto: Stefan Schaum

Baesweiler. Die 40 Jahre hat er nicht ganz erreicht. Aber dazu fehlen dem Kantor nur wenige Monate. Knapp vier Jahrzehnte lang hat Josef Paffen nicht nur in St. Petrus für den Wohlklang in der Kirche gesorgt. Auch sonst gab es im Gemeindeleben viel zu tun für den 65-Jährigen, der Ende Februar seinen Ruhestand antritt. Darüber spricht er im Wochenendinterview.

Noch acht Monate, dann könnten Sie das 40-Jährige in Baesweiler feiern. Keine Lust, noch ein wenig zu verlängern?

Paffen: Lust spielt dabei keine Rolle, das ist nun mal der reguläre Gang. Meine Aufgabe ist ja kein Hobby oder ein Ehrenamt, das ist eine ganz normale Arbeit – und nun ist eben die Zeit gekommen, um Abschied zu nehmen.

Und die Gefühlslage?

Paffen: Sicher liegen mir der Chor und die Gemeinde sehr am Herzen. Das ist ja klar. Aber ich bin andererseits niemand, der nicht aufhören und abgeben kann. Es ist doch gut, dass ich den Kirchenchor in einer guten Form abgeben kann, so dass mein Nachfolger mit ihm ordentlich weiterarbeiten kann. Es bringt ja nichts, wenn ich bis 70 weiter in die Kirche krieche und dann am Ende vom Chor vielleicht nur noch ein Wrack übrigbleibt, mit dem niemand mehr etwas anfangen kann. Jetzt geht das noch gut, denke ich.

Wie steht es um die Zukunft der Kirchenmusik im allgemeinen? Der Lovericher Kirchenchor hat sich bereits aufgelöst, der Puffendorfer Chor wird nach Ihrem Abschied zumindest die Probenarbeit beenden.

Paffen: Um die Zukunft der Kirchenmusik ist es nicht gut bestellt. Ich sehe da Schwarz. Zumal es gar nicht mehr genug gelernte Kirchenmusiker gibt – und auch keine hauptamtlichen Kräfte mehr eingestellt werden. Das ist besonders im Bistum Aachen ein Problem. In Köln sieht es schon anders aus – da gibt es noch einen richtigen Stellenplan. In unserer Region gibt es allenfalls noch die Ausbildung zum C-Musiker.

C-Musiker?

Paffen: Das ist ein Jahreskurs, in dem die wichtigsten Dinge rund um das Orgelspiel und die Chorarbeit vermittelt werden. Anschließend besteht dann vielleicht die Möglichkeit, eine 50-Prozent-Stelle zu bekommen. Aber ganz ehrlich: davon kann niemand wirklich leben.

Also müssen Ehrenamtler es richten?

Paffen: Darauf hofft die Kirche wohl. Ich bin eher skeptisch, dass es gelingt.

Und die Sänger selbst? Stehen in St. Petrus noch genügend parat?

Paffen: Im Kinder- und Jugendbereich ist es schwierig. Die gestiegenen Anforderungen und Unterrichtszeiten in den Schulen sorgen einfach dafür, dass der Nachwuchs immer weniger Zeit hat. Mangelndes Interesse ist sicher auch ein Thema. Aber der große Kirchenchor ist schon noch gut aufgestellt. Als ich ihn Ende 1975 übernommen habe, hatte er knapp 50 Mitglieder, dann wurden es 80 – und diese Zahl blieb bis heute relativ konstant. Das Chorsterben betrifft uns in Baesweiler insofern noch nicht. Sicher ist der Chor mittlerweile überaltert – aber das gilt ja auch für die Besucher der Kirche.

Soll heißen: Die guten Zeiten liegen lange zurück?

Paffen: Es war mal ganz anders. 1976 wurde das Pfarrheim Im Sack gebaut, dort boomte das Ehrenamt regelrecht. Es gab etliche Gruppen, die sich engagierten. Ein Familienferienwerk und vieles andere waren darunter. Das war schon eine unheimlich lebendige Gemeinde.

Nicht zuletzt auch Ihr Verdienst, oder?

Paffen: Die Organisation des Pfarrheims gehörte zu meinen Aufgaben. Nicht nur räumlich – es ging auch um die Frage, was dort hineinpasst, welche Angebote es geben müsste. Mit Hilfe vieler Mitstreiter konnten wir da einiges in die Wege leiten. Sogar eine große Küche konnten wir einrichten und die Räume auch für private Feiern anbieten. Das war eine schöne Zeit.

Neben der Ausbildung von Messdienern sowie bei der Erstkommunion- und Firmvorbereitung waren Sie zuletzt auch an Schulen aktiv.

Paffen: Das begann vor 15 Jahren. Im Rahmen meiner Ausbildung hatte ich auch die Befähigung zum Religionsunterricht erhalten. Ich haben an der Friedens- und an der Grengrachtschule so genannte Kontakt- und Seelsorgestunden angeboten. Aber das wurde zunehmend schwieriger, weil der Lehrplan immer mehr aufnehmen musste. Dadurch rutschte das Angebot zeitlich immer weiter nach hinten. Erst in die siebte Unterrichtstunde, dann sollte es in der achten Stunde stattfinden. Das hätte keinen Sinn mehr ergeben.

Wie haben Sie die Fusion der Baesweiler Gemeinden mit Beginn des Jahres 2013 erlebt?

Paffen: Überraschend kam sie ja nicht – aber die Zusammenlegung war für viele mit Wehmut verbunden. Vor allem die Mitglieder in den kleineren Gemeinden fürchteten, dass ein Teil der Eigenständigkeit verloren geht. Wer bis dato mit dem Herzen nur in der eigenen Gemeinde verwurzelt war, musste nun in einer anderen Dimension denken. Sicher kein leichter Schritt, aber wir haben die Fusion gut hinbekommen.

Ihre persönlichen Höhepunkte aus 40 Jahren?

Paffen: Es gibt viele Kryptakonzerte, an die ich mich gerne erinnere. Oder 1983: damals haben wir „Die Jahreszeiten“ von Joseph Haydn mit 180 Sängern präsentiert. Das war eine Wahnsinnsresonanz. Es kamen überhaupt immer gerne Gastsänger zu uns. Viele, die sich nicht fest an einen Chor binden wollten, aber bei Bedarf gern zur Verfügung standen.

Weil die Qualität im Chor stimmt?

Paffen: Das auch. Aber viele Gastsänger sagen mir, dass sie sich bei uns einfach unheimlich wohl fühlen und deshalb so gerne kommen. Es wird viel gemeinsam gefeiert und gegessen. Wir machen den Gästen das Singen einfach schmackhaft. Der Zusammenhalt war mir immer wichtiger als die Perfektion im Gesang. Ich habe nie angestrebt, die vollkommene Kirchenmusik zu machen oder zur Konkurrenz für Profi-Chöre zu werden. Die Arbeit mit den Menschen war mir wichtiger als das Streben nach Perfektion.

Und zukünftig? Werden Sie nun selbst als Sänger im Chor stehen?

Paffen: Nein. Zumindest nicht in Baesweiler. Das will ich meinem Nachfolger ganz sicher nicht antun. Aber es kann schon sein, dass ich als Gastsänger mal bei einem anderen Chor mitmachen werde.

Ein Wunsch zum Abschied?

Paffen: Dass die Kirchenmusik in der Gemeinde lebendig bleibt. Ich bin ganz sicher niemand, der sehen will, dass es ohne ihn nicht geht.

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