„Hommage an die Zigeuner” geht gegen Klischees vor

Von: Stefan Herrmann
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Der Baesweiler Autor Hans-Werner Kiefer sagt: „Die Zigeunerwelt und die Nicht-Zigeunerwelt sind zwei völlig unterschiedliche Lebenswelten.” Foto: Stefan Herrmann

Baesweiler. „Alles was du sagst, sollte wahr sein. Aber nicht alles was wahr ist, solltest du auch sagen.” Für Hans-Werner Kiefer war das Zitat des französischen Schriftstellers und Philosophen Francois Marie Arouet, besser bekannt als Voltaire, so etwas wie der Leitfaden seiner Arbeit.

Das Ergebnis, ein 350 Seiten starkes Werk mit dem Titel „Hommage an die Zigeuner”, ist seit einigen Wochen im Buchhandel zu erwerben.

Kiefer hat ein streitbares Schriftstück geschaffen. Das weiß der 52-jährige gebürtige Baesweiler nur zu gut. Ist nicht allein das im Titel aufgegriffene Wort „Zigeuner” eine diskriminierende Bezeichnung? „Das Buch ist im Sinne der Sinteza Melanie Spitta ein Beitrag zu einem Dialog auf Augenhöhe zwischen Zigeunern und Nicht-Zigeunern”, sagt Kiefer.

Spitta war eine der ersten, mit der Kiefer sprach. Eine Sinteza. Immer wieder sei er dabei auf Widersprüchliches gestoßen. „Der Zigeuner sagt: Ich bin stolz ein Zigeuner zu sein. Aber du darfst mich nicht Zigeuner nennen.” Das, glaubt Kiefer, mache es schwer für Außenstehende, das Volk, das eigentlich aus über 100 eigenständigen Stämmen besteht, zu begreifen.

Schwierige Annäherung

Der Baesweiler hat es trotzdem versucht. Kiefer ist Autor, Künstler, Lyriker. Seine Herangehensweise war dementsprechend breit gefächert. So erwarten den Leser neben Sachbuchbeiträgen auch Bilder und Gedichte.

„Zu Beginn existierten bei mir ebenfalls all die Klischees, all die Vorurteile”, gibt Kiefer zu. Was er, der aus der Gadjewelt - der „Nicht-Zigeunerwelt” - kam, lernte, rückte auch sein politisches Verständnis, wie sich die Sinti und Roma selbst sehen und wie sie von der Gesellschaft gesehen werden, in ein anderes Licht.

„Innerhalb der Volksstämme und Familienverbünde sind sie größtenteils extrem zerstritten. Dabei spielt sowohl der Namensstreit über die Eigen- und Fremdbezeichnung Zigeuner als auch die bisher nicht verantwortlich aufgearbeitete Geschichte, hauptsächlich in der Zeit des Nationalsozialismus, eine entscheidende Rolle”, erzählt der Autor.

Durch die ganze Bundesrepublik reiste er, um Mitglieder des Fahrenden Volkes zu treffen. Die Annäherung war schwierig, viel Skepsis schwappte ihm entgegen. Gerade als die Veröffentlichung des Buches näherrückte, sprangen einige, die Beiträge liefern wollten, ab. Kiefer spricht von einem „Bienennest”, in das er da thematisch gestochen habe. Er sei sich stets bewusst gewesen, dass man mit „so einem Buch nur Ärger bekommen kann”.

Immer politischer geworden

Doch eine Diskussion über das Verständnis und Selbstverständnis der Sinti und Roma, mahnt er an, sei längst überfällig. Offiziell leben zirka 70.000 deutsche Sinti und Roma in der Bundesrepublik. „Das Thema ist bisher völlig tabu”, bedauert Kiefer.

Sein Buch, hofft er, könne zu einem Schritt Richtung Öffnung beitragen. Vor allem, betont der 52-Jährige, müsse aber bei dieser Volksgruppe intern eine Auseinandersetzung mit der eigenen Stellung in der Gesellschaft und ihrer Geschichte in Gang gebracht werden.

Keine leichte Kost für den Leser. Aber das, wirft Kiefer ein, mache das Thema nicht weniger wichtig. Im Laufe der Zeit sei das Buch so immer politischer geworden. Es beleuchtet das Spannungsfeld vieler Sinti und Roma zwischen individuellen Freiheitswünschen, die oft Pflichten ignorieren und Rechte vehement fordern auf der einen Seite und die notwendige Verantwortungsnahme für ein gesellschaftliches „Wir” auf der anderen Seite.

„Eigentlich könnte ich noch ein zweites Buch über das Thema schreiben”, sinniert Kiefer. Doch er wird es nicht tun. Andere seien jetzt am Zug. „Hommage an die Zigeuner” sieht er hier als einen ersten Schritt. Insofern versteht sich auch der durchaus provokante Titel.

„Political Correctness”, klingt beim Baesweiler Autor immer wieder durch, führe nicht zu offener Aufarbeitung. Zugleich verfolgt Kiefer keinen wissenschaftlichen Ansatz. Er kategorisiert nicht, erstellt keine Listen und Diagramme. „Eigentlich ja etwas typisch Deutsches”, schmunzelt er, und fügt an: „Ich gebe aber nur die Erfahrungen, die ich gemacht habe, weiter.”
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