Hochzeitsreise nach Auschwitz

Von: Holger Bubel
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Überlebte das Grauen und kann
Überlebte das Grauen und kann heute darüber reden: der 90-jährige Jude Pavel Stransky. Foto: H. Bubel

Würselen. Am Ende blieb ein beklemmendes Gefühl in der Brust, im Zwiegespräch mit der Hoffnungsbotschaft, die ausgerechnet der Urheber dieses Drucks den Zuhörern mit auf den Heimweg gab: „Die Hoffnung darf man niemals im Leben aufgeben, mit ihr und einem guten Freund oder der innigen Liebe zu einem Menschen, meistert man jede Situation - und überlebt am Ende.”

Pavel Stransky hat diese Erfahrung gemacht. Der heute 90-Jährige hat als junger Mann das Vernichtungslager überlebt, dessen Name auch heute noch an die entsetzlichen und unmenschlichen Taten der Nazis erinnert: Auschwitz.

Den Oberstufenschülern des städtischen Gymnasiums Würselen, die ins Alte Rathaus zu seinem Vortrag gekommen waren, erzählte der Tscheche im feinsten Deutsch von den furchtbaren Jahren in den Konzentrationslagern, vom Tod und der Vernichtung, aber eben auch von der Hoffnung und - wenn man das im Zusammenhang mit Auschwitz und dem Holocaust überhaupt sagen darf - von einem kleinen, ganz persönlichen Happy End.

Seit 1997 reist Pavel Stransky durch Deutschland oder Österreich, erzählt Schülern aus seinem Leben, hält Vorträge in England, den USA oder in Finnland. „Ich habe diese schrecklichen Jahre lange Zeit versucht zu vergessen, habe nicht darüber geredet, mit niemandem, nicht einmal mit meiner Frau, die mein Schicksal teilte.” Erst auf das Drängen eines Soziologen hat er sich geöffnet, „als Bote der sechs Millionen Opfer, die in den Konzentrations- und Vernichtungslagern oder bei den Todesmärschen ihr Leben lassen mussten”.

Als junger Mann wurde der Prager Pavel Stransky zunächst nach Theresienstadt und von dort aus nach Auschwitz deportiert. Gemeinsam mit seiner Jugendliebe Vera und deren Mutter ging es im Zugwaggon in das Lager nach Polen. „Damit Vera und ihre Mutter mit durften, haben wir am Tag vor der Deportation geheiratet. Nur enge Verwandte durften sich nämlich freiwillig zur Mitreise melden. Unsere Hochzeitsreise führte also nach Auschwitz”, erklärt Pavel Stransky.

Dort ging es genauso zu, wie die Schüler es aus dem Geschichtsunterricht, den vielen TV-Dokumentationen oder literarischen Aufarbeitungsversuchen von KZ-Überlebenden kannten: der Empfang am Bahnhof mit wütend bellenden Hunden und Befehle schreiendem SS-Wachpersonal, Tätowierung der KZ-Nummer („Eine Nummer tötet man leichter als einen Menschen mit Namen.”), Hunger, Selektion, Gaskammern und Krematorien. Letztlich erzählt Pavel Stransky auch vom Todesmarsch, der ihn als halbwegs arbeitsfähigen Juden” wieder zurück nach Theresienstadt führen sollte. Nach vielen weiteren Unwägbarkeiten und leidvollen Erlebnissen fand Stransky zurück zu seiner Frau Vera - ein seltener glücklicher Ausgang.

„Diese Fakten zum Nationalsozialismus und zum Holocaust sind ja bekannt, aber das von jemandem zu hören, der dabei war, das ist beeindruckend und tief berührend”, sagen die Zehntklässlerinnen Lisanne vom Schlemm und Anna Carduck. Viele Fragen hatten die Schüler. Auch eine durfte nicht fehlen: „Haben Sie Hass auf die Deutschen?” Pavel Stransky braucht nicht lange überlegen: „Wenn ich dieses Gefühl im Herzen hätte, wäre ich heute nicht hier.” Und er mahnt: „Ihr seid nicht verantwortlich für das Handeln eurer Vorfahren. Ihr habt aber die Verantwortung für eine bessere Welt.”
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