Hobby-Historiker Jürgen Karla rettet die Lesung über „Neutral-Moresnet“

Von: Margret Nußbaum
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Die rettenden Engel vor begeistertem Publikum bei der ausgefallenen Lesung in der Scheune der Baesweiler Burg: Wirtschaftsprofessor und Hobby-Historiker Jürgen Karla aus Herzogenrath, der auf die Idee kam, den Podcast „Zeitsprung“ herunterzuladen, mit Bücherei-Leiterin Elke Tetz und Catharina Scholtens, der Vorsitzenden des Baesweiler Geschichtsvereins. (v.l.n.r.). Foto: Margret Nußbaum

Baesweiler. Kurz nach 19 Uhr: Immer mehr Menschen nehmen in der Scheune der Burg Baesweiler Platz. Sie kommen zur angekündigten Lesung des Buchautors Philip Dröge über „Niemands Land“, der unglaublichen Geschichte des Mikro-Landes „Neutral-Moresnet“ – eine Veranstaltung innerhalb der Woche der Senioren.

Bange Blicke auf die Uhren von Elke Tetz, Leiterin der Städtischen Bücherei, und Catharina Scholtens, Vorsitzende des Baesweiler Geschichtsvereins verheißen jedoch nichts Gutes: Steckt Philip Dröge etwa in einem Stau? Hat er sich verfahren? Oder ist gar etwas Schlimmeres passiert? Der wiederholte Griff zum Mobiltelefon deutet darauf hin, dass der Autor nicht erreichbar ist.

Und dann passiert etwas, das sich als absoluter Glücksgriff herausstellt. Jürgen Karla aus Herzogenrath, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Niederrhein, ist nicht nur historisch interessiert, sondern auch auf dem neuesten Stand der Technik. Kurzerhand zückt er sein Mobiltelefon und bietet an, den Podcast „Zeitsprung“ herunterzuladen, in dem Daniel und Richard, zwei sympathische Österreicher, über das Buch von Dröge sprechen und einiges aus der höchst interessanten Geschichte des Niemandslandes reflektieren.

Ein Segen für die Veranstalter! Denn nun lief alles wie am Schnürchen. Die Technik stand, und die Gesichter von Elke Tetz und Catharina Scholtens wirkten schon viel entspannter, als das Publikum die spontane Idee und Jürgen Karla mit einem Riesenapplaus bedachten.

Umsichtig und unerschrocken

Karla, Tetz und Scholtens waren die Helden des Abends. Die Umsichtigkeit und Unerschrockenheit, die sie an den Tag legten, verdienten mehr als ein dickes Kompliment. Eine Dreiviertelstunde lang konnten die Zuhörer einiges aus der Geschichte von Moresnet erfahren. Über 100 Jahre existierte das knapp vier Quadratkilometer große Niemandsland im heutigen Südostbelgien – unweit von Aachen und Maastricht. Entstanden war es nach dem Wiener Kongress 1816.

Die Delegierten des Wiener Kongresses fühlten sich von Kaiser Napoleon bedrängt. Als sie in aller Eile mit einem dicken Stift neue Grenzen zogen, passierte es: Zwischen Preußen und den Niederlanden klaffte eine etwa vier Quadratkilometer große Lücke – sozusagen ein Niemandsland mit anfangs etwas über 250 Einwohnern. Später waren es einige Tausend. Ordentlich Geld wurde hier verdient. Denn Moresnet verfügte über eine der größten Zinkminen Europas. Da sich weder Preußen noch die Niederlande zurückziehen wollten, handelte man einen Kompromiss aus.

Moresnet wurde neutral. Also waren die Menschen, die dort lebten, staatenlos und erhielten Sonderrechte. Junge Männer ersparten sich so den deutschen, niederländischen oder belgischen Militärdienst. Zahlreiche illegale Schnapsbrennereien ließen sich in Neutral-Moresnet nieder und produzierten weit über ihren Bedarf hinaus.

Die gewieften Moresneter fanden Mittel und Wege, den Schnaps über die offene Grenze zu schmuggeln – abgefüllt in Wasserflaschen. Und abends ging hier richtig die Post ab. In vielen Hinterzimmern und Kneipen wurde gezockt. Zwielichtige Gestalten, aber auch Idealisten und Abenteurer kamen hierher.

Eigene Landessprache

Einer von ihnen erfand sogar eine eigene Landessprache: Esperanto. Doch diese Idee konnte sich nicht durchsetzen. 1915 wurde Neutral-Moresnet deutsch – und fünf Jahre später belgisch. Wer wollte, durfte deutsch bleiben, musste das Gebiet aber binnen zwei Jahren verlassen. Dass Moresnet reichlich Stoff für die neuere Geschichte geliefert hat, davon konnte sich das Publikum in der Baesweiler Burg überzeugen.

Der ausgefallene Termin mit dem Buchautor Philip Dröge soll übrigens möglichst bald nachgeholt werden. Wann, steht allerdings noch nicht fest.

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