Helfer der Tafel sind in Sachen Bedürftigkeit eine große Familie

Von: Stefan Schaum
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„Arbeit in der Tafel tut meiner Seele gut.“ Müsgan Kösemek engagiert sich hinter der Theke – und steht als Kundin auch davor. Foto: Stefan Schaum
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Früher Konstruktionsmechaniker, heute zuständig für den Kaffeepot: Die Arbeit in der Cafeteria tut dem Selbstbewusstsein dieses Teamers der Würselener Tafel gut.

Nordkreis. Frisörin war Müsgan Kösemek mal, der Job hat ihr viel Spaß gemacht. Schöne Zeit. Lange her. „Zwei kleine Kinder daheim und ein kranker Mann“, sagt sie, „wer will so jemanden denn noch beschäftigen?“ Es sei schon klar, meint sie dann: „Ich bin jetzt halt eine, die die von den Chefs geforderte Flexibilität nicht mehr bringen kann.“ Das klingt ganz schön bitter.

Als Ein-Euro-Kraft hatte die Bundesagentur für Arbeit sie vor einem Jahr zur Würselener Tafel geschickt. So stand sie dann da: Als Helferin hinter der Theke – und anschließend als Kundin davor. „Das tut schon weh.“ Aber die Aufgabe bringe ihr viel. „Hier ist man nicht allein und trifft Menschen, denen es ähnlich geht.“ Es ist die Armut, die sie verbindet. Armut, die auch die 40-Jährige vor allem deshalb so wütend macht, weil sie ihr hilflos ausgeliefert ist.

Sollte sie sich etwa für ihren Kinderwunsch schämen oder für die Krankheit des Mannes? Das sollte sie nicht – aber sie hat es getan. „Wenn du erstmal lange genug zuhause sitzt, frisst du einfach alles in dich rein. Das macht einen fertig.“ Deshalb freut sie sich heute richtig auf die Stunden an drei Tagen pro Woche, in denen sie mal rauskommt. Regale einräumen, Kisten sortieren, das Angebot in der Theke ordnen – sie hängt sich rein, damit die Lebensmittelausgabe ordentlich funktioniert. „Das ist auch Selbstbestätigung“, sagt sie, „ich sehe dann, dass ich was leisten kann.“

Verkäuferin in einem Supermarkt oder dort an der Kasse sitzen: Das ist ein Traum, den sie hat. Und sollte es auch bloß auf 400-Euro-Basis sein. Der Wunsch scheint doch nicht allzu groß. Aber erfüllbar ist er offensichtlich nicht. „Ich hab‘ in den vergangenen Monaten an die 20 Bewerbungen rausgeschickt. Meistens kam noch nicht mal ‘ne Absage zurück.“

„Das bringt doch nix!“

Ein anderer Helfer der Tafel bewirbt sich nicht mehr groß. Wozu auch? Mit 63 Jahren? „Bringt nix mehr“, sagt der Mann, der früher als Konstruktionsmechaniker gut verdient hat und heute für zehn Cent pro Tasse Kaffee aus dem Pott kippt. Er genießt das, was ihm geblieben ist. In der Cafeteria der Tafel schenkt er den Kunden ein. „Die Gespräche hier will ich nicht missen“, sagt er. Sie nehmen ihm auch die Angst, die er hat. Angst vor der Zukunft. „Die Rente wird bei mir nicht reichen“, da macht er sich nichts vor. „Dass ich auch in zehn Jahren noch zu den Kunden der Tafel zählen werde, ist mir längst klar.“ Es hat ganz schön gedauert, bis er dort zum ersten Mal Hilfe angenommen hat. „Ich war ein Jahr lang Helfer hier, bis ich zum ersten Mal eingekauft habe. Ich konnte einfach nicht über diesen verdammten Schamschatten springen.“ Zwischenzeitlich hatte er sogar mal einen Job. Als Ein-Euro-Kraft war er Busbegleiter für Kranke, die allein nicht ein- und aussteigen können. Bis er gemerkt hat, dass es andere gibt, die dafür mehr als 1000 Euro bekommen. „Für dieselbe Arbeit.“ Das sei doch verdammt unfair. Aber fragt danach bei der Armut noch jemand?

Fünf Kandidaten stehen Rede und Antwort

Die Podiumsdiskussion „Armut und Reichtum“, eine Kooperation von VHS-Nordkreis Aachen und unserer Zeitung, beginnt am Freitag, 15. März, um 19 Uhr in der Scheune der Burg Baesweiler, und dauert bis etwa 21.15 Uhr.

Fünf Bundestagskandidaten stellen sich kritischen Fragen: Bettina Herlitzius (Grüne, Herzogenrath), Marika Jungblut (Linke, Baesweiler), Petra Müller (FDP, Herzogenrath), Helmut Brandt (CDU, Alsdorf) und Detlef Loosz (SPD, Alsdorf). Fachleute in der ersten Reihe werden die Diskussion zusätzlich beleben, die vom Leiter der VHS-Nordkreis, Henry Engel, und unserem Redakteur Karl Stüber moderiert wird.

Die VHS bietet weitere Veranstaltungen zum Thema Armut an. So referiert Claudia Schmitz , Verbraucherberatung, am Dienstag, 19. März, ab 19.30 Uhr in der VHS-Geschäftsstelle Alsdorf, Übacher Weg 36, über „Raus aus den Schulden“. „Mindestlohn, Minijobs und Co. – die Zukunft der Arbeitsgesellschaft“ beleuchtet Ralf Welter am Dienstag, 9. April, ab 19 Uhr in der VHS Alsdorf. Um „Generationengerechtigkeit, Demografie und Finanzierung – Der Kampf um die Altersvorsorge“ geht es bei Jochem Loeber am Mittwoch, 13. März, 19.30 Uhr, im Naturfreundehaus Merkstein, Comeniusstraße.

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