Alsdorf - Heimatkunde auf der Halde Noppenberg

Heimatkunde auf der Halde Noppenberg

Von: Karl Stüber
Letzte Aktualisierung:
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„Gipfelstürmer“: Im Rahmen unserer Leserreihe ABOplus sahen sich diese Teilnehmer unter sachkundiger Anleitung auf der Berghalde Noppenberg um. Fotos (2): Karl Stüber Foto: Karl Stüber
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Sachkundig: Harald Richter, Geschäftsführer der Energeticon gGmbH, führte unsere Leser auf die Berghalde Noppenberg. Foto: Karl Stüber

Alsdorf. Heimat ist beruhigend vertraut, kann aber auch interessant anders sein. Einblicke dieser Art ermöglicht die Veranstaltungsreihe ABOplus unserer Zeitung. Davon haben sich jetzt Leser überzeugen können, die den Spuren des Bergbaus und den beiden sachkundigen Führern Harald Richter und Jürgen Kohlhöfer in Alsdorf folgten.

Es ging in zwei Gruppen hinauf auf eine Landmarke der besonderen Art – die Halde Anna (Noppenberg), gut 100 Meter hoch. Zwei Drittel des Gebietes gehören schon zu Herzogenrath, ein Drittel ist noch Alsdorfer Stadtgebiet. Diese künstliche Erhebung ist die einzige von insgesamt drei Halden am Rande des ehemaligen Betriebsgeländes des Verbundbergwerks Anna, die nicht mehr „heiß“ ist und aus der Bergaufsicht „entlassen“ worden ist.

Ihre beiden Schwesterhalden Anna I und Anna II sind keine gute Adresse für einen Aufstieg, wie Richter, Geschäftsführer der Energeticon gGmbH, warnt. Schwelbrände im Inneren dieser beiden Halden sorgen für heißen und nicht sicheren Boden. Beim Aufschütten dieser Halden war wohl die Kohlewäsche nicht „sauber“ genug. Die Glut frisst sich seit Jahrzehnten durch die brennbaren Bestandteile der Relikte des Bergbaus. Bis zu 30 Prozent Kohle werden in dem Abraum vermutet.

Historischer Ausgleich

Da ist die Halde Noppenberg ganz anders. Noch ist das Jahr jung und Bäume und Sträucher, die „im Auftrag der Natur“ von dem verlassenen Terrain Besitz ergriffen haben, sind noch ohne tarnendes Grün. Eine Schranke, die die Zufahrt verwehrt, ist schnell überwunden. Auf den Wegen sollen die Teilnehmer der Führungen bleiben, denn es ist Naturschutzgebiet, durch das der Aufstieg führt. Richter spricht von einem historischen Ausgleich und Wandel zugleich.

Der von Menschenhand aus der Tiefe geholte Abraum des Bergbaus ist vom gravierenden Eingriff in die Natur zu einer ganzen Reihe von Biotopen geworden. „Aus Abraum ist schützenswerte Natur entstanden“, sagt Richter. Dabei wechseln sich Geländemodulationen mit Launen der Wiedereroberung durch Flora und Fauna ab. Richter spricht von „Selbstinszenierung der Natur“. Am Fuße der Halde werden große Grünflächen von einem Landwirt bewirtschaftet.

Kleine Wasserflächen weisen dicht bewachsene Ufer auf, sind zur Lebenswelt von Vögeln und Insekten geworden. Rotwild weiß die einsamen Flächen zu schätzen. Niederwild fühlt sich daheim. Hege und Pflege macht das notwendig. „Hier ist die Luft viel sauberer als am Kaiserplatz in Aachen. Da ist Smog“, sagt der Energeticon-Geschäftsführer.

Es ist nur noch zu ahnen, wie stark die Umwelt belastet wurde, als schwere Lkw mit dem Ankippen von Material begannen. Dann wurde auf einem Förderband nicht Verwertbares aus der Tiefe herangeführt – im Spülbetrieb. Hierbei wurde der Abraum mit Wasser besprüht, um die Staubentwicklung in Grenzen zu halten.

Während bislang der Weg stetig moderat nach oben führte, ist das letzte Teilstück ambitionierter. Das Plateau der Halde Noppenberg ist ringsum durch einen Wall geschützt, um als Schutz den Wind zu brechen. Eine kleine grün gestrichene Station mit Funkmasten ist längst nicht mehr in Betrieb.

Wer nicht so gut zu Fuß ist, umrundet den Kopf der Berghalde auf einem bequemen Weg, der bereits weiten Ausblick gewährt.

Fred Michels, der den steilen Weg entlang der ehemaligen Trasse der Bandstraße mit sicherem Tritt und locker bewältigt hat, verbindet mit der Besteigung der Halde viele Erinnerungen. Der passionierte Wanderführer aus Baesweiler, Jahrgang 1936, erzählt von seinem Vater. Der Bergmann Josef Michels verschlief an jenem 21. Oktober 1930, weil der Wecker nicht funktionierte. Ansonsten wäre er unter den Kollegen der Frühschicht gewesen, als sich um 7.29 Uhr die größte Katastrophe in der Geschichte des Bergbaus in Alsdorf ereignete.

Aus dem Eduard-Schacht auf Anna II entwickelte sich eine gewaltige Feuersäule. Die danach aufsteigende riesige Rauchwolke war bis Baesweiler gut erkennbar. Michels‘ Vater, ausgebildeter Sanitäter, gehörte mit zu den ersten, die nach Überlebenden suchte, erzählt sein Sohn beim Spaziergang auf dem Haldenplateau.

Der Blick geht ringsum frei über eine Landschaft, die wie ein gut gedeckter Teller aussieht. Zopp und Busch liegen wie zwei Spielzeugdörfer an den Haldenfuß angeschmiegt. Merkstein und Herzogenrath sind gut zu erkennen. Der Blick geht weit ins Niederländische hinein. In Gegenrichtung liegt das Kraftwerk Weisweiler mit einer gerade aufsteigenden Dampfsäule gut im Licht.

Mit Blick auf das Naturschutzgebiet soll die Bergehalde nicht durch Tourismus in Leidenschaft gezogen werden, sagt Richter. Führungen soll es aber weiterhin in überschaubarer Zahl geben. Ein Projekt könnte hierbei erdgeschichtlichen Anschauungsunterricht der besonderen Art ermöglichen. Ein 400 Meter langer Geostrahl auf der Trasse der längst abgebauten Bandstraße könnte mit entsprechenden Markierungen die Erdgeschichte verdeutlichen.

„0,2 Millimeter des Zeitstrahls stünden dann für rund 200 Jahre industrielle Nutzung von Kohle“, sagt Richter. Dagegen habe es rund 360 Millionen Jahre gedauert, bis aus Biomasse Steinkohle geworden sei. „Wir wollen aber nicht moralisieren und belehren, sondern nur das Bewusstsein sensibilisieren und für einen verantwortungsvolleren Umgang mit den Ressourcen der Erde werben“, sagt der Energeticon-Geschäftsführer beim Abstieg und zum Abschied.

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