Hebammen: Bei Geburten vor die Tür gewiesen

Von: Verena Müller
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Vorsorge und Wochenbett: Darauf reduziert sich die Arbeit von freiberuflichen Hebammen zusehends, seit die Versicherungsprämie für die Geburtshilfe erneut gestiegen ist. Foto: Imago/Imagebroker
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Anna Hulboj und Anja Bartels vom Hebammen-Familien-Zentrum Rundum in Kohlscheid. Foto: Verena Müller
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Anna Hulboj und Anja Bartels vom Hebammen-Familien-Zentrum Rundum in Kohlscheid. Foto: Verena Müller

Herzogenrath. Freiberufliche Hebammen können sich die erneut gestiegene Haftpflichtprämie nicht leisten. Betroffene aus Kohlscheid sehen Beruf vom Aussterben bedroht. Auch Anna Hulboj hat zum letzten Mal eine Frau bei der Geburt begleitet.

„Es war nicht einfach, mich davon zu trennen“, sagt die freiberufliche Hebamme, „schließlich ist die Geburtshilfe der Kern unseres Handwerks.“ Sie hebt leicht die Schultern, öffnet kurz die im Schoß liegenden Hände und legt sie wieder ineinander. Sie hält inne. „Hätte ich das gewusst, hätte ich auf jeden Fall studiert und einen anderen Beruf ergriffen.“ Aber dafür sei es jetzt, mit 54 Jahren, zu spät. Die Haftpflichtversicherung für selbstständige Hebammen ist erneut gestiegen, ob im kommenden Jahr überhaupt noch eine angeboten wird, ist offen. Ohne dürfen Freiberuflerinnen aber nicht einmal bei einer Geburt anwesend sein.

Anna Hulboj ist seit 26 Jahren im Beruf und hat zuletzt im Marienkrankenhaus Aachen als Beleghebamme gearbeitet. Anfang des Jahres hat sie sich dem Hebammen-Familien-Zentrum (HFZ) Rundum in Kohlscheid angeschlossen. Sie war die letzte im HFZ, die noch Geburten machte. Die schlanke Frau mit glattfallendem, schulterlangem dunkelblondem Haar spricht leise und ruhig, wohlüberlegt und gewählt. „Künftig kann ich Frauen nur noch vor und nach der Geburt betreuen“, sagt sie.

Für die werdenden Mütter bedeutet das, ausgerechnet in dem Moment, in dem Unterstützung durch vertraute Menschen am wichtigsten ist, mit einer fremden Hebamme zusammenarbeiten zu müssen. Schlimmstenfalls muss diese zeitgleich mehrere Gebärende betreuen, oder es steht ein Schichtwechsel an.

Die Haftpflichtprämie für selbstständige Hebammen ist zum 1. Juli auf 6274,32 Euro im Jahr gestiegen, wenn diese in der Geburtshilfe arbeiten. Grund laut Versicherer: die gestiegenen Schadenszahlungen. „Wirtschaftlich ist es damit für uns vollkommen indiskutabel, noch Geburten zu begleiten“, sagt Anja Bartels, Leiterin des HFZ. Egal, ob die Frau zu Hause oder im Geburtshaus entbindet oder sich von einer sogenannten Beleghebamme ins Krankenhaus begleiten lässt.

Beim Stichwort Wirtschaftlichkeit muss man wissen, dass Hebammenleistungen pauschal von der Krankenversicherung der (werdenden) Mutter bezahlt werden. Für eine Geburt erhält eine Freiberuflerin 268 Euro, unabhängig davon, ob es eine oder zehn Stunden dauert, bis das Kind auf der Welt ist. Da eine selbstständige Hebamme nicht unbegrenzt Schwangere annehmen kann, um mit einer hohen Geburtenquote die gestiegene Versicherungssumme auszugleichen, stehen Versicherungsprämie und Vergütung in einem Missverhältnis. „Bei mehr als vier, fünf Schwangeren pro Monat wäre das Risiko zu hoch, dass sich Geburten überschneiden“, sagt Anna Hulboj.

Immer weniger freiberufliche Hebammen können also eine durchgehende Betreuung anbieten. In der Städteregion Aachen mit ihren fünf geburtshilflichen Kliniken zählte der Deutsche Hebammenverband nur noch zwei Beleghebammen: am Luisenhospital Aachen. Im Rest der Städteregion und in Düren gibt es gar keine mehr. „Die Geburtskultur hat sich stark verändert“, sagt Bartels. „Die Wahlfreiheit der Mutter, wie sie gebären möchte, ist praktisch abgeschafft.“

Und nicht nur das: Der Beruf der Hebamme wird insgesamt unattraktiver. „Unser Handwerk stirbt aus“, sagt Bartels. „Wir haben jetzt schon eine Unterversorgung.“ Das bestätigt auch Yvonne Oheim, ehemalige Vorsitzende des Hebammenverbands für den Kreis Aachen und Umgebung.

Keine planbaren Wochenenden, ständige Rufbereitschaft, geringer Verdienst – wer macht das schon? „Bei Hebammen wird eine emotionale Bindung vorausgesetzt. Die würden die Frauen nie im Stich lassen“, sagt Bartels. „Vieles, was wir leisten, ist reine Privatinitiative.“ Beispiel: Die Krankenkassen übernehmen in den ersten zehn Tagen nach der Geburt bis zu 20 Besuche der Hebamme, 16 weitere in den ersten acht Wochen und neun für Ernährungs- und Stillberatung. Kalkuliert wird mit 20 bis 30 Minuten pro Besuch, dafür gibt es jeweils 31 Euro, nachts 37 Euro. Braucht eine Mutter zweimal am Tag Unterstützung durch die Hebamme, etwa weil der drei Wochen alte Säugling Koliken hat oder die Mutter einfach nur unsicher ist, und es liegt keine ärztliche Verordnung vor, wird das nicht zusätzlich vergütet.

Zehn Prozent der Neugeborenen in der Städteregion Aachen werden derzeit über das HFZ Rundum betreut. Anja Bartels wollte im kommenden Jahr eigentlich eine größere Praxis mit Anschluss an eine Kita eröffnen. Diese Pläne hat die 43-Jährige über Bord geworfen. Mehr noch. „Wir haben den Mietvertrag geändert. Wir können jetzt jährlich hier raus“, sagt sie. Was sie stattdessen machen würde? „An einer Supermarktkasse sitzen“, meint sie trocken und lacht kurz. Es klingt verbittert. Da würde sie vermutlich mehr verdienen und es bliebe ihr mehr Freizeit.

„Wenn man sieht, wie sich die Familien entwickeln, wenn man eine schwangere Frau, die am Anfang sehr unsicher war, wirklich ,guter Hoffnung‘ und nicht einfach ,in Vorsorge‘ ist, dann gibt einem das eine große Berufszufriedenheit“, sagt Bartels. Und dafür wolle sie sich weiter aufopfern.

So lange es geht.

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