Haus Bindels wird bald dem Erdboden gleichgemacht

Von: Sigi Malinowski
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So sah es mal aus: Marlies und Gerd Bindels mit einem Foto der traditionsreichen Gaststätte aus dem Jahr 1910. Bald wird auch das modernisierte Haus, das sie selbst führten, Geschichte sein. Foto: Sigi Malinowski

Herzogenrath. Marlies Bindels sucht nach Worten. Während ihre Hände sich an die Tischplatte klammern und die Augen den Gastraum durchstreifen. „Ich weiß gar nicht, wie ich das in Worte fassen soll“, sagt sie leise. „Das“ sind ihre Kolleginnen. Das Personal des Hauses. Die fünf Stammkräfte sitzen nebenan und haben sich Kaffee und Kuchen aufgetischt. Es ist, im übertragenen Sinne, ein „Leichenschmaus“.

Denn bald wird die Abrissbirne kommen und das Haus Bindels erst platt und dann zur Geschichte machen. Doch an diesem Tag sitzen sie alle noch mal zusammen und schwelgen in Erinnerungen. Chefin Marlies Bindels, ihr Mann Gerd und fünf weitere gute Seelen in Person von Anni Schiffgens, Heike von Ameln, Veronika Sommer, Yvonne Rauch und Bozena Kruk. Jede von ihnen ist und war das Haus Bindels. Was sie gerade empfindet, wenn diese Gemeinschaft bald gesprengt ist, wird Köchin Bindels gefragt. Dann kommt die Antwort.

„Jede Einzelne für sich ist so lieb, ich mag gar nicht an Abschied denken und weiß momentan nicht wie ich ihnen für die vielen Jahre ihres Daseins für uns danken soll“, sortiert Marlies Bindels ihre Gefühle. Es ist alles ein bisschen emotional in diesen Tagen. Denn das Gasthaus wird abgerissen. Geschlossen ist es bereits seit dem 20. Juli. Nachdem kein Nachfolger für die fast schon zum Kult gewordenen Bindels gefunden wurde. „Wir haben unser Alter erreicht“, begründet Gerd Bindels den Rückzug, der zum endgültigen Abschluss mutierte. Ja gut, man hätte noch das eine oder andere Jährchen dranhängen können. Aber die müden Knochen wollen nicht mehr.

Schützen, Taubenzüchter, Sportler wie die Kohlscheider Schwimmer, Politiker, Sparer, Narren, Freunde des Frühschoppens oder der gutbürgerlichen Küche: Hier waren alle zu Hause. Wer einmal da war, kam wieder. Nicht nur einmal. Denn Gerd und Marlies Bindels sind nicht nur Gastwirte. Sie sind aufmerksame Zuhörer, zuverlässige Freunde, Originale – beide für sich. „Ich hab‘ ja in all den Jahren nicht soviel gesehen und mir ist so manches Schnitzel durch die Hände gerutscht“, lacht Marlies Bindels.

Von den 40 Jahren – seit sie das gute Haus mit ihrem Mann 1974 übernommen hatte – hat sie gefühlte 37 Jahre an den Töpfen gestanden und die ausgezeichnete Küche mitgestaltet. Zusammen mit ihren „Mädels“. So lobt sie dann auch: „Wir haben gutes Personal gehabt.“ Den Tränen nah sagt sie das. Während ihr Gerd rastlos durch die Räume schlendert. Hier streichelt er eine Schützenfahne, dort zupft er das alte Bild vom ersten Haus heraus. Er rückt einen Blumentopf gerade, hängt den Schlüssel ganz akkurat am angestammten Platz auf. Obwohl das gar nicht mehr nötig wäre. Aber noch vermittelt das Haus den Eindruck, wenn jetzt jemand käme, könnte innerhalb von Stunden wieder alles hergerichtet sein. All das, was dieses Haus ausgemacht hat und ihm seinen Charme gab.

Die Bindels-Söhne Jörg und Axel sind andere Wege gegangen. Das schildern die Eltern vorwurfsfrei. Und andere Nachfolger hat man nicht gefunden. Und dann konkretisiert der Chef auch die Gründe der Aufgabe. Es ist nicht nur das Alter, auch die Geschäftslage hat die Familie zu diesem Schritt geführt.

Den genauen Tag kennt Gerd Bindels noch nicht. Aber im September wird das Haus eingestampft. Danach geht er aber immer noch nicht so ganz in Ruhestand. Denn Gerd Bindels wird Bauherr. Auf dem Grundstück wird ein Sechsfamilienhaus hochgezogen. Dann werden nur noch die Geschichtsbücher, viele Festschriften oder Zeitungsartikel an den Familienbetrieb erinnern. 1910 hatten Gerhard Bindels und seine Frau Therese (geb. Rütters) den Betrieb gegründet. Josef und Adele Bindels haben das Unternehmen übernommen, bis 1974 Gerd und Marlies Bindels einstiegen. Vier Jahrzehnte haben sie den Menschen gedient. Manchmal auch als Seelsorger und ganz, ganz oft bei Familienfeiern. Dort, wo sogar eine Beerdigung in gewisser Weise „schön“ war. Und nun muss man selbst loslassen...

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