Handel fürchtet Ausbluten der Innenstadt

Von: Elisa Zander
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In welche Richtung geht es? Der Möbelmarkt hat seine Flächen stark reduziert, 2012 zog bereits ein Supermarkt in das Gebäude mit ein. Was nun in diesem Bereich weiter entstehen kann, da gehen die Meinungen teilweise sehr auseinander. Foto: Elisa Zander
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Mitreden ausdrücklich erwünscht: Einzelhändler und Bürger waren gleichermaßen vertreten, um die Möglichkeiten des Geländes zu diskutieren.

Herzogenrath. Unter dem Strich gingen die Reaktionen zu den Vorschlägen zum Bebauungsplan in eine Richtung: Einwände, Befürchtungen, Gegenargumente. Vorgestellt in einer Bürgerversammlung im Ratssaal wurden die Änderungen des Bebauungsplanes I/16 „Debetz“ auf dem Areal an der Voccartstraße in Straß.

In den vergangenen Jahren ist die Verkaufsfläche des Möbelhauses bereits reduziert worden. Hintergrund ist der hohe Wettbewerbsdruck durch große Anbieter in der Region wie „Pallen“, „Porta“ und „Ikea“, dem Debetz nicht in dieser Form standhalten konnte, wie es in der Versammlung hieß. Flächen wurden frei und ein Supermarkt zog 2012 in die Räumlichkeiten.

Doch dabei ist es nicht geblieben. Weitere Freiflächen sollen nun möglichst nicht leer stehen, sondern mit verschiedenen Fachmärkten gefüllt werden, so die Vorschläge, die aus der textlichen Festsetzung zur Änderung des Bebauungsplanes hervorgehen. Geplant ist seitens der Investoren, die Nutzung der Gebäude neu zu strukturieren. Neben der Vermeidung des Leerstandes verfolgt die Verwaltung damit das Ziel, die Nahversorgung im Stadtteil Straß zu sichern.

Im Januar 2012 legte die BBE Handelsberatung ein Gutachten vor und stellte darin mögliche künftige Einzelhandelsbetriebe fest, die auch Petra Peikert von der Bauleitplanung der Stadt in ihrem Vortrag vorstellte: darunter ein Bio-Supermarkt, Fachmärkte für Bürobedarf, Bekleidung, Spielwaren, Sportartikel, Fahrradzubehör. Verschiedene Märkte wurden dazu untersucht, ihre Einflüsse auf das Umfeld und die Frage nach Konkurrenz gestellt. Das Ergebnis: Im Wesentlichen gibt es keine großen Probleme. Bei vergleichbaren Anbietern könne es zu kleineren Überschneidungen kommen.

Anregungen mitnehmen

„Aus unserer Sicht ist das heute keine Formalie, sondern es geht vor allem darum, Ihre Anregungen entgegen zu nehmen“, leitete der Technische Beigeordnete Ragnar Migenda die Diskussion ein. Ziel der Bürgerversammlung solle es sein, Vorschläge, Anregungen und Kritik zu sammeln, um diese Punkte später im Umwelt- und Planungsausschuss vorzustellen und zu erörtern. Eine Bitte, der die Anwesenden, darunter vor allem Gewerbetreibende aus Herzogenrath, teilweise mit deutlichen Worten nachkamen. „Der Vortrag ist nicht schlüssig“, sagte Wolfgang Vorpeil.

„Wir haben absolute Probleme in der Herzogenrather Innenstadt. Jetzt kommen 15.000 Quadratmeter Verkaufsfläche hinzu“, zählte er auf und stellte die Frage, wer diese mieten solle. In diese Richtungen kam auch der Einwand eines Geschäftsinhabers: „Wenn man sich jetzt nur auf den Bereich Straß konzentriert, was passiert dann mit Mitte? Die Einzelhändler kämpfen um ihre Existenz und je nach Entscheidung werden sie noch mehr bedroht.“

Zweifel am Gutachten wurden geäußert. „Da stimmt etwas nicht“, sagte der eine, „das kann nicht objektiv sein“, schüttelte ein anderer Händler den Kopf. „Ein Gutachten kann man nicht einfach so aus dem Stand infrage stellen“, sagte Stephan Mingers, Fachbereichsleiter Stadtentwicklung und Umwelt. Bei der BBE handele es sich um ein renommiertes Unternehmen. „Wenn da jemand eine andere Auffassung vertritt, muss er das auch untermauern.“ Eine Betroffene nennt ein Beispiel: Sie führe einen Spielwarenladen in Mitte. Würde, wie im Gutachten als möglich ausgewiesen, in Straß ein Spielzeuggeschäft mit 800 Quadratmetern Verkaufsfläche öffnen, „dann kann ich meinen Laden zumachen“.

Ängste nehmen

Stephan Mingers versuchte immer wieder, die Gemüter zu beruhigen und Ängste zu nehmen. „Wir arbeiten an dem Bebauungsplan seit einem Jahr. Unsere Aufgabe ist es, die Interessen zusammenzuführen. Im Bereich Debetz kann es passieren, dass dort eine Brache entsteht. Und das gilt es zu vermeiden.“

Aber wie? Der Lösung zu dieser Frage versuchte die Versammlung stetig auf die Spur zu kommen. Eine eindeutige Antwort gab es nicht. Auch bedingt durch die besondere Stadtstruktur mit drei Hauptzentren und diversen Subzentren, wie Straß eines ist, steht das Gewerbe in einer ohnehin schwierigen Zeit vor großen Herausforderungen.

Und nicht nur die Gewerbetreibenden in Mitte befürchten ein Aussterben der Einkaufsstraße. „Ich kann die Befürchtungen gut verstehen“, sagte Dietmar Heuchel, Apothekeninhaber in Straß. „Denn wenn die Flächen für den Einzelhandel freigegeben werden, kann das bedeuten, dass gewachsene Strukturen zerstört werden.“ Ein zusätzliches Einkaufszentrum, ähnlich dem Hirsch-Center in Aachen, wolle man unbedingt vermeiden.

Auch einige Anwohner waren zu der Versammlung gekommen. Obwohl sie die Bedenken der Einzelhändler teilten, kam auch der Wunsch nach einer gut organisierten Nahversorgung auf. Man komme in ein Alter, in dem man alles zu Fuß erreichen will und muss, sagte ein Bürger, und ein anderer brachte das Argument an: „Das Gebäude steht jetzt einmal, und Leerstand ist immer schlecht.“

Also brauche man neue, innovative Geschäfte, die auch Kunden aus dem Grenzgebiet anziehen. Oder, so ein weiterer Vorschlag, kleinere Produktionsbetriebe, Kanzleien, Büroräume, die die Flächen nutzen. Auch Wohnraumnutzung sei zu überlegen. Schließlich sei die Lage attraktiv mit der guten Anbindung über Kohlscheid nach Aachen und den dort entstehenden RWTH-Campus.

„Mitte ist tot“

Schließlich kristallisierte sich eine ganz andere Sorge der Einzelhändler heraus. Man habe gehört, dass die Investorengruppe um Debetz die gleiche sei, wie die, die am Areal an der oberen Kleikstraße seit Jahren versuche, ein Wohn- und Geschäftshaus zu etablieren. „Ja, das stimmt“, räumte Mingers ein. „Da ist es doch klar, wo das später hingeht“, sagte ein Einzelhändler im Anschluss an die Versammlung. „Die Investoren sind in Herzogenrath-Mitte nicht erfolgreich. Jetzt versuchen sie es in Straß. Und wenn sie es schaffen, dort weitere Mieter für den Einzelhandel zu finden, ist Mitte tot.“

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