Aachen/Baesweiler - Gutachter schwanken: Affekttat oder Mordversuch

Gutachter schwanken: Affekttat oder Mordversuch

Von: Wolfgang Schumacher
Letzte Aktualisierung:

Aachen/Baesweiler. Die psychologische und psychiatrische Bewertung der Person des Täters wie des Tatablaufs ist nicht einfach gewesen. Denn im Fall des versuchten Brudermordes, der Maurice D. (23) aus Baesweiler zur Last gelegt wird und den er ohne Umschweife bereits gestanden hat, präsentierte sich den Sachverständigen eine komplizierte Seelenlage - bei beiden Brüdern, auch bei Sascha D. (27), dem Opfer.

So erkannte Psychiaterin Dina Mörth, dass sie in der jetzt dreitätigen Hauptverhandlung vor dem Aachener Schwurgericht (Vorsitzender Richter Gerd Nohl) ihr ursprüngliches Gutachten ergänzen müsse. Jetzt, da sie beide Brüder gesehen und erlebt habe, könne sich nicht mehr ausschließen, dass die Tat nicht doch in einem von Affekten und Angst des jüngeren Bruders vor dem älteren geschehen sei.

Das bisher festgestellte Tatgerüst sah so aus: Maurice D., der Stille, der nach eigenen Angaben und von Zeugen bestätigt von klein auf von seinem Bruder gehänselt und unterdrückt wurde, machte sich am 29. Juli 2010 gegen 23 Uhr ein Rührei in der Küche des elterlichen Hauses, in dem beide noch wohnen.

Mit dem Küchenmesser

Der ältere kam vorbei, machte wohl wie so oft eine abfällige Bemerkung. Da nahm der jüngere ein Küchenmesser mit hinunter in sein Zimmer, schrie ein Schimpfwort nach oben in Richtung Bruder und knallte eine schwere Türe hinter sich zu. Dann entwickelte sich das Familiendrama. Sascha kam herunter, stieß die Türe auf und wurde von seinem Bruder mit 14 Messerstichen traktiert und beinahe getötet.

„Wenn es tatsächlich so ist, dass Maurice eine tiefe Angst vor seinem Bruder aufgebaut hat, dann ist ein affektähnlicher Zustand nicht auszuschließen.” Der Angeklagte sei geprägt von der Unsicherheit des eigenen Erlebens und habe die Unterdrückung vielleicht zu lange weggesteckt, ohne sich (mit Worten) zu wehren. Bei dem dominanten und auffällig auftretenden Bruder Sascha D. vermute sie krankhafte psychotische Strukturen. Das habe sich aber erst in der Hauptverhandlung ergeben.

Der neuropsychologische Sachverständige Hanns Jürgen Kunert (Düsseldorf) attestierte dem Angeklagten eine hohe Intelligenz bei gleichzeitigen seelischen Störungen. Er habe ein geringes Selbstwertgefühl und tendiere zu depressiven Schüben. Richtig seelisch krank sei er aber nicht.

Auch durch intensives Nachfragen konnte das Gericht keine eindeutige psychiatrische Stellungnahme dazu erlangen, ob der Täter nun im Affekt handelte oder ob er einen heimtückischen Mord beging. Das Verfahren geht am Montag, 31. Januar, weiter.
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