Alsdorf - Gunter Demnig hinterlässt seine Spuren: 20 neue Stolpersteine

Gunter Demnig hinterlässt seine Spuren: 20 neue Stolpersteine

Von: Verena Müller
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Demnig, der sich eher als Bauarbeiter denn als Zeremonienmeister versteht, hat am Donnerstag 20 neue Stolpersteine in Alsdorf verlegt. Foto: Verena Müller
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„Keine Lust mehr zu warten“: Gunter Demnig verlegt an der Jakobstraße 27 den letzten von 20 neuen Stolpersteinen in Alsdorf, für Josef Breuer. Foto: Verena Müller
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Nach der Zeremonie steigt er in seinen roten Transporter und fährt, ohne den offiziellen Teil abzuwarten. Foto: Verena Müller

Alsdorf. Am Ende ist dem Künstler das Warten auf die Honoratioren dann doch zu lang. Zwanzig Minuten sind vergangen, seit er und Mitarbeiter der Stadt die Verlegestelle an der Jakobstraße 27 vorbereitet haben. Gunter Demnig geht wortlos die Straße hundert Meter rauf, kehrt um, kommt zur Verlegestelle zurück, greift zum Stein, kniet sich hin und schließt die Lücke im Gehweg.

Ein kurzes Polieren der Messingoberfläche, dann packt er ohne großes Aufheben sein Werkzeug, schließt die Klappen seines roten Lieferwagens, dankt per Handschlag Roberto Basile und Sven Fabritzius vom Eigenbetrieb Technische Dienste – „gutes Team“ –, steigt ein und fährt davon.

„Just Married“ und ein Herz mit den Initialen K und G sind mit dem Finger in den Staub der Transportertüren gezogen - am 1. April habe er geheiratet, sagt Gunter Demnig. Das ist das letzte, was die Wartenden von ihm sehen. Darunter Angehörige des Euthanasieopfers Josef Breuer, dessen Stein Demnig soeben verlegt hat.

Der Bürgermeister, Alfred Sonders, erscheint pünktlich zur vereinbarten Uhrzeit an der letzten der fünf Verlegestellen in Alsdorf. Da ist Demnig längst auf dem Weg zurück nach Frechen, wo er sein Atelier hat. Dass der Zeitplan in seiner ursprünglichen, gerafften Fassung doch aufging und Demnig eine halbe Stunde eher vor Ort sein würde – wer hätte das geahnt?

Demnig jedenfalls hat ihn damit geschnitten. An anderer Stelle hat er mal gesagt, er verstehe sich eher als Bauarbeiter denn als Zeremonienmeister. Diesem Selbstverständnis ist er am Donnerstag mehr als gerecht geworden. Nicht nur, was sein Äußeres – Cargohose, schwere Gummiclogs und hochgekrempelte Jeanshemdärmel – anbelangt.

Manchmal fahre er drei Verlegestellen am Tag an, hatte er zuvor in einer kurzen Pause bei einem Kaffee erzählt. Am Donnerstag war aber eigentlich keine Eile geboten, Alsdorf war sein einziger Termin.

Ob es sich bei der Menge der Steine – inzwischen sind es rund 55.000 an rund 1600 Orten – nicht teilweise um Fließbandarbeit handele? „Nein“, sagt Demnig. Eine gewisse Routine sei, was das Handwerkliche anbelangt, schon da. „Ich kann auch im Dunkeln verlegen, das habe ich auch schon gemacht.“ Eine Art Gewöhnung an die Schicksale der Opfer trete aber nicht ein.

Auch den Vorwurf der Kommerzialisierung des Gedenkens musste er sich schon gefallen lassen. Er rechtfertigte den Preis für seine Steine (120 Euro) mit Herstellungskosten und Logistik. 60.000 Kilometer legt er im Jahr mit seinem Transporter zurück. „Oft sind es nur einzelne Verlegestellen“, sagt Demnig, auf einer Route durch Norwegen sei er beispielsweise wegen einer einzelnen nach Trondheim gefahren.

Die Idee zu den Stolpersteinen hatte er im Jahr 1990. Damals zog Demnig im Rahmen einer Kunstaktion in Köln mit Farbe eine Linie entlang der Strecke, auf der Sinti und Roma zum Abtransport getrieben worden waren. Eine Frau habe damals zu ihm gesagt, es habe in der Gegend keine „Zigeuner“ gegeben. Nach dieser Begegnung sei in ihm die Idee gereift, die Erinnerung an die Opfer der Nazi-Herrschaft in den Alltag der Menschen zu bringen. Vor deren Haustür.

Das Bundesarchiv „Gedenkbuch“

Demnig recherchiert nicht selbst die Hintergründe der Schicksale, die meiste Vorarbeit leisten diejenigen, die bei seinem Büro einen Antrag für einen Stein stellen. Karin Richert überprüft die Angaben über das Bundesarchiv „Gedenkbuch“, alles weitere Inhaltliche überlässt Demnig den Veranstaltern vor Ort.

In Alsdorf war das der Arbeitskreis „Wider das Vergessen“, dessen Mitglieder Stephan Saffer und Jan Noorhoff auch ein paar Worte zum Gedenken sprachen. Außerdem verlasen die Jugendlichen Felix und Sophia Grunewald, Annika Pütz, Flynn Hermanns und Nils Ley zu den 19 Menschen mit jüdischen Wurzeln und dem einen Euthanasie-Opfer ein paar Zeilen zu deren Geschichte.

Die Familie Grunewald war eine der vielen, die dem Spendenaufruf des Arbeitskreises gefolgt waren. „Unsere Wohnung befindet sich in der Schillerstraße. Das Haus wurde von einem jüdischen Bürger gebaut“, erzählte die Mutter von Felix und Sophia, Hannah Grunewald, am Rande der Verlegung an der Jülicher Straße 203. „Als 2009 die ersten Stolpersteine in Alsdorf verlegt wurden, wurde einer vor unserer Tür eingelassen. Wir unterstützen das und haben deshalb jetzt auch einen gespendet.“

Von der Familie Grunewald ging auch die Initiative für einen Musikbeitrag aus, an dem Schüler des Heilig-Geist-Gymnasiums beteiligt waren. Spontan hatte sich außerdem der Rabbiner der jüdischen Gemeinde Aachen, Mordechai Bohrer, eingefunden. Er appellierte dafür, dass man sich nicht nur an die schönen Dingen erinnert, wie Geburtstage.

Die schlimmen Dinge müsse man genauso wichtig nehmen. Stephan Saffer zitierte den verstorbenen Publizisten und Holocaust-Überlebenden Elie Wiesel: „Die Kinder der Mörder sind keine Mörder, sondern Kinder.“ Pfarrerin Petra Hartmann und Pastoralreferentin Bärbel Schumacher richteten sich ebenso wie der Bürgermeister an die Teilnehmer der Veranstaltung.

Von Demnig waren zu dem Zeitpunkt nur noch die frischen Spuren zu sehen: dunkler, feuchter Zement rundum Josef Breuers Stein. Aber darum geht es dem Künstler ja im Wesentlichen. Spuren zu hinterlassen.

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