Grüne nach 35 Jahren keineswegs müde

Von: Karl Stüber
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Vertreter der ersten und der zweiten Generation der Grünen: das Städteregionstagsmitglied Eva Malecha und Horst-Dieter Heidenreich, Mitbegründer der Grünen Alsdorf. Foto: Stüber/Schaum/Bienwald

Alsdorf. Die Partei der Grünen gibt es seit 35 Jahren. Die ökologisch ausgerichtete Friedenspartei hat sich zu einer respektablen und stabilen politischen Konstanten entwickelt. Ihre Akteure haben sich nicht in endlosen basisdemokratischen Debatten aufgerieben, wie ihre Gegner ihnen prophezeit hatten, wenngleich die Grünen auch heute noch mitunter den Hang zur Selbstzerfleischung zeigen.

Dabei lohnt es sich, den Blick nicht nur auf die große Politik in Düsseldorf und Berlin zu richten. „Unterhalb“ von Land- und Bundestag mischen die Grünen in den lokalen Parlamenten kräftig mit, wie etwa das Beispiel Alsdorf zeigt.

Große Erfahrung und frische Kraft

Was brachte Horst-Dieter Heidenreich, Jahrgang 1957, dazu, mit anderen im Mai 1980 im Casino Anna die Alsdorfer Grünen zu gründen? Was hat Heidenreich, der an der RWTH Aachen Germanistik und Politische Wissenschaft studierte, zu einem Grünen gemacht, der bis heute aktiv in vorderster Linie Politik betreibt? Im vergangenen Jahr wurde er für 30-jährige Mitgliedschaft im Stadtrat geehrt. Was hat die 25-jährige Eva Malecha zu den Grünen finden lassen?

Die junge Frau gehört in der zweiten Wahlperiode dem Städteregionstag Aachen an. Sie studiert in Aachen im dritten Master-Jahr Politikwissenschaft und Philosophie. Wie lauten Ihre Ziele, was ist Ihre Motivation? Beide finden sich im Fraktionsbüro der Grünen im Alsdorfer Rathaus zum Gespräch ein. Im Hintergrund hängt das grüne Banner. In einer Stunde beginnt die offene Fraktionsrunde wie an jedem Montagabend.

Seine langen Haare aus Gründerzeiten sind längst Vergangenheit. Der Kahlschlag ist nur rein oberflächlich. Horst-Dieter Heidenreich arbeitet seit Jahren als persönlicher Referent des Landtagsabgeordneten Reiner Priggen in Düsseldorf. Daneben „gönnt“ er sich das arbeitsintensive „Hobby“, die Fraktion (drei Mitglieder) in Alsdorf mit seiner großen Erfahrung zu bereichern.

Er kann sich noch gut an die Basisgruppen der später 1970er und frühen 1980 er Jahre an den Hochschulen erinnern, die ideologiefrei politisch gestalten wollten und mit den etablierten Parteien nichts mehr anfangen konnten. Eigentlich wollte er ja bei den Sozialdemokraten mitmachen, denen er im Jahre 1974 beitrat. Aber die Liaison dauerte nur kurz.

Die SPD in Alsdorf empfand Heidenreich schnell als Klüngelverein. Er fühlte sich angesprochen von der Anti-Atomkraft-Bewegung, ihn trieb und treibt die Sorge um die Umwelt, die Kritik am Kalten Krieg und dem Wettrüsten, aber auch von der offenen Diskussion um politische Alternativen. Heidenreich nahm auf seiner Suche nach politischer Identität und Heimat an einer Veranstaltung des Kreisverbands der Grünen in Würselen teil. Es funkte nachhaltig.

Nach der Landtagswahl im Jahre 1980 war er Geburtshelfer der Grünen in Alsdorf. „Schnell haben wir uns sehr komplexer kommunaler Themen angenommen“, erinnert er sich. Da ging es zum Beispiel um den Erhalt des Jaspersbergs, der alten Berghalde in Mariadorf, die sich im Laufe der Jahre zu einem „Naturparadies“ entwickelt hatte, wie Heidenreich erzählt. „Da sind uns die Leute für den Erhalt der begrünten Halde, die abgetragen werden sollte, heute noch dankbar.“

Auch die schon legendäre Auseinandersetzung um die widerrechtlich in eine Bauschuttdeponie in Blumenrath gekippten Vanforsch-Fässer und deren dann ständig überwachten Verbleib bucht Heidenreich auf die Habenseite der Grünen in Alsdorf. 1984 fuhren die Grünen gut sieben Prozent ein. 1994 war man erst- und bislang einmalig an einer Mehrheit beteiligt – mit dem Partner CDU. Und die SPD wurde in die Opposition geschickt. Davon sind die Grünen derzeit in Alsdorf weit entfernt. Die SPD-Fraktion hat mit 16 Mandaten die Mehrheit im Rat.

Eva Malecha wurde praktisch mitten in die Grünen hineingeboren und wuchs als Zeugin entsprechender politischer Aktivitäten auf. Ihr Vater ist Hartmut Malecha, Gründungsmitglied der Grünen in Würselen und nun seit Jahren ein Aktivposten der Grünen in Alsdorf. Ihre Mutter engagiert(e) sich im sozialen Bereich.

Die zweite Generation

Eva Malecha ist behindert. Sie macht ihren Weg dennoch oder gerade deshalb sehr gradlinig. Im Jahre 2006 gehörte sie zu den Gründern der Grünen-Jugend im Kreis Aachen, war drei Jahre lang deren Sprecherin. Sie ist Vorsitzende des Inklusionsbeirat der Städteregion, Vorsitzende der Landes-Arbeitsgemeinschaft Hochschulpolitik der Grünen und Interessenbeauftragte für behinderte und chronisch kranke Studierende an der RWTH Aachen. Sie steht für die „zweite Generation der Grünen“, wie Heidenreich sagt. „Frauen helfen Frauen Aachen“ hat sie für einen Preis vorgeschlagen.

Die Grünen in Alsdorf wurden bei der Ratsarbeit noch vor Jahren oft abgeblockt, wenngleich ihre Ideen und Anregungen nicht selten zeitversetzt von anderen Parteien aufgegriffen wurden, erinnert sich Heidenreich. „Mag sein, dass wir nicht mehr so viele Anträge stellen, wie in den ersten Jahren“, sagt der Altgediente. Aber der Umgang mit den Grünen hat sich spürbar entspannt.

„Was kaum ablehnbar ist, wird auch nicht mehr so ohne weiteres abgelehnt, weil man ansonsten dämlich aussehen würde“, freut sich Heidenreich. Aus seiner Sicht – und bestätigt von Malecha – sind viele klassische Themen der Grünen in der Mitte der Gesellschaft und bei den länger etablierten Parteien längst fast selbstverständlich relevant. „Bio ist beim klassischen Bürger angekommen. Man muss dafür längst nicht mehr alternativ sein“, freut sich die junge Grüne.

An Themen wird es nicht fehlen

Eva Malecha hat eine Studienarbeit über die Gründungsphase der Grünen geschrieben mit dem interessanten Ergebnis, dass die Ur-Grünen mehrheitlich bürgerlich ausgerichtet waren und sich erst später links orientierten. Heidenreich, der den Kriegs- bzw. Wehrdienst im Rahmen des damals üblichen Prüfverfahrens verweigert, schmerzt es als bekennenden Pazifisten, dass seine Partei auf Bundesebene zusammen mit der SPD die erste „Kriegsbeteiligung“ Deutschlands nach Ende des Zweiten Weltkriegs beschlossen hat. „Ich sehe das wirklich als allerletztes Mittel, dass im Einzelfall genau geprüft werden muss.“

Heidenreich befürchtet beispielsweise angesichts des IS-Terrors, dass weitere schwierige Entscheidungen auch auf die Grünen zu kommen können. Eva Malecha ergänzt, dass wir uns „leider in Europa nicht mehr wirklich sicher fühlen können.“ Hatte man sich gestern noch an den Frieden gewöhnt, ist die Kriegsgefahr heute schon wieder eine durchaus reale geworden. Gefordert fühlt sich die Grüne auch beim drängenden Gegenwarts- und Zukunftsproblem Terrorismus, also der Inneren Sicherheit.

Und bei der immer weitere auseinandergehenden Schere zwischen Arm und Reich. Damit nicht genug. Angesichts der Problematik städtischer Haushalte drohen kommunale Netzwerke Opfer des Sparens zu werden. Das wäre aber fatal. Ebenso bei Schulen und der Inklusion. „Da können wir einfach nicht kürzen“, sagt sie. Die Themen werden den Grünen auch nach 35 Jahren nicht ausgehen.

Entschieden tritt Heidenreich dem Eindruck angesichts vieler Beteiligungen an Regierungen landauf landab entgegen, die Grünen würden auf den Spuren der FDP wandeln. „Wir streben nicht der Mehrheit willen nach Koalitionen, sondern um grüne Politik nach vorne zu bringen.“ Das sieht Malecha genauso und verweist auf das Zusammenwirken mit der CDU im Städteregionstag. Da sind aus ihrer Sicht fast sehr große Teile des Wahlprogramms der Grünen geflossen.

Heidenreich freut sich, dass die Grünen weiter für junge Leute attraktiv sind. Aber er bedauert, dass viele wieder „verloren gehen“, weil sie wegen ihres Studiums oder mit Blick auf Jobs Alsdorf wieder verlassen. Die Grüne Eva Malecha, Gewächs der Alsdorfer Grünen, ist nach Aachen „abgewandert“, wird aber den Grünen sicherlich erhalten bleiben. 50 Jahre Grüne plus x sind drin.

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