Grubenunglück von Soma: Trauer verbindet über Grenzen

Von: mabie
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Bilder aus alten Steinkohletagen hütet Sadi Ünal wie einen Schatz: Er weiß genau, wie sich Kumpel fühlen. Foto: Markus Bienwald
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Trauern in der Moschee in Übach-Palenberg um die Opfer der türkischen Bergbaukatastrophe: Cemil Cobokco, Faik Kardesseven, Hüseyin Salin, Cengiz Tirkiz, Mehmet Enin Sözer und Nihat Kazakoglu.

Nordkreis. Sadi Ünal bewahrt sie wie einen Schatz, die drei Bilder, die ihn an seine Anfänge im Bergbau erinnern. In leicht verblassten Farben sind dort Männer in typischer Bergmannsausrüstung zu sehen. Mit weißen Hemden, Tüchern, Helmen und natürlich einem schwarzen Gesicht. „Der da bin ich, da war ich 17“, sagt der heute 48-Jährige und tippt auf ein Bild.

Sein Onkel ist auch dabei und viele Kumpel, deren Namen er heute noch im Schlaf herunterbeten kann. Für den gelernten Bergmann, der gleich nach der Schule erstmals auf Emil Mayrisch einfuhr, ist das, was kürzlich im türkischen Soma geschah, nicht viele tausend Kilometer weit weg. Es ist ganz nah, „ich kriege eine Gänsehaut, wenn ich davon lese“, sagt der Alsdorfer. Die Frage nach dem Warum solcher Gefühle ist für ihn keine, denn Ünal weiß von dem Gefühl, das Bergleute mit dem ersten Mal unter Tage gleich verinnerlichen. „Einmal Kumpel, immer Kumpel“, sagt er kurz und atmet tief durch. „Unter Tage hast du das Gefühl, lebendig begraben zu sein“, sagt er, „darum musst du dich auf deinen Kumpel verlassen können“.

Bis zu 1050 Meter tief im Gestein lag sein Arbeitsplatz, ehe er zu seinem jetzigen Arbeitgeber RWE Power in den Tagebau gewechselt ist. „Es ist ein toller Arbeitgeber, aber das Zusammengehörigkeitsgefühl, das unter Tage geherrscht hat, habe ich dort nicht wiedergefunden“, sagt er offen. Es ist die Gemeinschaft, die unter Tage Steiger und Hauer eint. Und genau deswegen fühlt Sadi Ünal nun mit den Angehörigen, mit den Kumpeln der Menschen, die in der Türkei ihr Leben lassen mussten oder unter den Folgen leiden. „Da unten sind alle schwarz“, schließt Ünal und meint damit, dass Herkunft oder Nationalität keine Rolle spielen, wenn im Berg nach dem schwarzen Gold gegraben wird.

Unglücke wie dieses können immer passieren, sagt er auch und ist damit einer Meinung mit den Männern, die sich nach dem samstäglichen Mittagsgebet in der Übach-Palenberger Moschee einfinden. Die wärmende Sonne scheint in den Garten der auch kulturell genutzten Einrichtung. Dennoch lassen ihre Geschichten von Unfällen unter Tage frösteln. Von abgetrennten Gliedmaßen ist die Rede. Von Menschen, deren Einsatz in der Kohle mit dem Leben bezahlt wurde, wissen sie alle zu berichten.

Faik Kardesseven ist heute 83 Jahre alt, er hat damals auch schon im türkischen Steinkohlerevier in Soma gearbeitet, ehe er vor 50 Jahren nach Deutschland gekommen ist. Er lebt inzwischen in Baesweiler, hat auf Carl-Alexander und bei Emil Mayrisch gearbeitet. „Die Kohle in der Türkei ist ganz anders“, sagt er und zeichnet mit seinen Armen dicke Flöze in die Luft. „Sechs Meter dicke Flöze sind da normal“, ergänzt auch Nihat Kazakoglu, der ebenso weiß, dass die Kohle in der Türkei „viel fetter ist“.

„Aber die Probleme im Berg sind dieselben“, ist er sicher. Nie weiß man, was einen im Streb erwartet, stets können Verwerfungen Pläne von schnellem Kohleabbau durchkreuzen. Und auch unsichtbares Kohlenmonoxid, das die Arme schlapp werden lässt wie Butter in der Sonne kennen alle, die einmal unter Tage waren. Dabei sind die Standards, mit denen unter Tage gearbeitet wird, in der Türkei aber nicht anders als in Deutschland. Verstrebungen, Sensoren zur Gasmessung und Maschinen, alles sei auf dem gleichen Level.

„Das war schon so, als ich nach Deutschland gekommen bin“, so Mehmet Enin Sözer, der in Herzogenrath wohnt. Seine Stationen waren die Grube Adolf, Grube Anna I und schließlich Sophia Jacoba in Hückelhoven, wo er bis zum Jahr 2000 aktiv war. Er kennt sich aus im Revier und sagt, dass es in der Türkei ganz ähnlich ist wie in unserer Region.

Solidarität zeigen

Das gilt auch für den Zusammenhalt unter den Kumpeln, die sich – anders als oft heutige Arbeitskollegen – immer aufeinander verlassen können und verlassen müssen. „Das ist unsere Lebensversicherung“, sagt der heute 72-jährige Cemil Cobokco aus Übach-Palenberg. Und genau darum ist ihre Verbundenheit mit den Menschen in der Türkei, die unter dem tragischen Unfall leiden müssen, so groß. Denn das Leben als Bergmann schweißt auch außerhalb der Arbeit zusammen. Dazu gehören das Leben in der Siedlung, Vereine, die Hilfsbereitschaft, der raue, aber ehrliche Tonfall und das Herzliche, das die Menschen im Bergbau eint.

In der politischen Dimension, die das Unglück wie ein Beben nach sich gezogen hat, wollen die Männer aber nicht mitmischen. „Das sind Leute, die immer protestieren“, meint Cengiz Tirkiz nur knapp. Nein, politisch wollen sie nicht sein, die Männer im Garten der Moschee in Übach-Palenberg. Sie wollen einfach nur ihre Solidarität mit den Menschen zeigen, die nun in der Türkei betroffen sind. „Bei unserem jüngsten Friedensgebet kamen mehr als 300 Leute“, sagt Hüseyin Salin von der Moschee. Die offizielle Trauer ging hier mit einer finanziellen Hilfsaktion einher. Denn spontan wurde Geld gesammelt und das gelte auch für die übrigen mehr als 1000 Moscheen und Kulturvereine in ganz Deutschland, die ihre Hilfe nun bündeln wollen.

„Wir haben bis spät in die Nacht vor dem Fernseher gesessen und alles mitverfolgt, wir trauern sehr“, so Salin weiter. Und die Trauer verbindet über alle Landesgrenzen und alle Entfernungen hinweg. Denn auch, wenn die fotografischen Erinnerungen mit der Zeit verblassen: Die Verbindung von Kumpeln untereinander bleibt immer bestehen – und kennt keine Grenzen.

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