Große Sympathie für ersten öffentlichen Muezzinruf

Von: Holger Bubel
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Bevor die muslimischen Glaubensbrüder in der Moschee an der Schweilbacher Straße mit ihrem Imam Ziyadtin Ciplak und dem Auslandsbeauftragten der türkischen Regirung, Kemal Ermenc, den ersten Lautsprecher-Aufruf zum Freitagsgebet feiern konnten... Foto: Holger Bubel
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...zeigten die Würselener auf dem Morlaixplatz Flagge für Toleranz und Glaubensfreiheit. Foto: Holger Bubel

Würselen. „Die kommen doch immer zu spät“, kommentierte eine Demonstrantin auf dem WürselenerMorlaix-Platz vor dem Rathaus. Gemeint waren die Vertreter der so genannten „Bürgerbewegung Pro NRW“, die sich aus dem Rheinland zu einer Wahlkampfkundgebung in der Düvelstadt angekündigt hatten.

Grund: Protest gegen den Muezzinruf, den muslimischen Aufruf zum Gebet, in der Moschee an der Schweilbacher Straße über Lautsprecher. Erstmals fand dieser nach Genehmigung der Stadt Würselen am Freitag öffentlich statt.

Schnell stellte sich heraus, dass sich die 36 rechtsorientierten Demonstranten den Weg aus dem Raum Köln, Leverkusen und Bonn nach Würselen getrost hätten sparen können. Außer der Polizei, die in nicht geringer Anzahl vertreten war, und einigen Anwohnern und Passanten, die aufgrund weiträumiger Absperrungen Umwege in Kauf nehmen mussten beziehungsweise in Polizeibegleitung „eskortiert“ wurden, interessierte sich kein Mensch für die Protestkundgebung der kleinen Gruppe. Etwas verloren standen die Angereisten in der Mitte des unteren Morlaixplatzes und gaben sich lediglich selbst und untereinander kund. Gegen 13 Uhr war deren Wahlkampfkundgebung beendet. „Die Veranstaltung verlief aus polizeilicher Sicht problemlos“, konstatierte der Einsatzleiter der Polizei, Uwe Pasternak.

Deutlich mehr los war zeitgleich unmittelbar vor dem Rathaus. Zur Gegenveranstaltung hatte sich hier ein breites Bündnis gegen Rechts, getragen durch alle im Rat der Stadt Würselen vertretenen Parteien sowie durch Vertreter der Kirchen und zahlreiche, nicht nur in Würselen lebende Bürger formiert.

Für die Kirchen machten die Protestanten Pfarrer Harry Haller, Pfarrerin Dorothea Alsders sowie ihr katholischer Amtsbruder Karl-Josef Pütz deutlich, dass der Versuch, die christliche Kirche für rechte Gesinnung zu missbrauchen, zwecklos sei: „Wir begrüßen ausdrücklich, dass unsere muslimischen Mitbürger zu ihrem wichtigsten Gottesdienst im Wochenverlauf in der ihrer Tradition entsprechenden Form eingeladen werden. Auch unsere christlichen Mitbürgerinnen und Mitbürger werden ja durch das Geläut der Glocken zum Gottesdienst gerufen.“

Als Erster Bürger und Vertreter der Stadt Würselen machte Arno Nelles klar, was er vom Ansinnen der drei Dutzend Versammelten auf dem unteren Morlaix-Platz hält: nichts. „Wir sind Würselen. Und ich bin besonders stolz, dass so viele Menschen hier so relaxed, friedvoll und gelassen zusammenstehen. Das hier heute hat nichts mit Parteipolitik zu tun, sondern wir wollen alle gemeinsam ein Zeichen setzen gegen Rechts und rechte Gesinnung.“

Den Vorwurf der „kleinen Demo-Abordnung“, der Muezzinruf an der Schweilbacher Straße würde die Würselener um ihren Mittagschlaf bringen, kommentierte Nelles durch ein Lachen: „37.000 Würselener machen also Mittagsschlaf und werden durch 90 Dezibel um diesen gebracht...“ Die angeblichen und anonym verfassten Proteste in den Medien bezeichnete der Bürgermeister als „einen Pseudosturm im Wasserglas, von Leuten, die keinen Arsch in der Hose haben, um klare Kante zu zeigen“.

Einem Aufruf der christlichen Kirchen Würselenes, dem ersten Muezzinruf an der Schweilbacher Straße beizuwohnen, folgte dann auch mancher der 250 Teilnehmer und pilgerte zur dortigen Moschee. Dort herrschte Freude und auch ein wenig Stolz, dem muslimischen Glauben durch den Ruf des Muezzins Imam Ziyadtin Ciplak hörbaren Ausdruck zu verleihen. „Wir sind unserem mutigen Bürgermeister sehr dankbar, dass er das möglich gemacht hat. Er und die Politiker in Würselen werden diese Entscheidung nicht bereuen. Wir freuen uns auf das Gespräch mit der Politik und der Öffentlichkeit“, sagte etwa Haldun Aytekin von der Türkisch-Islamischen DITIB-Gemeinde in Würselen.

„Ich betrachte den Glockenklang in der Türkei auch nicht als problematisch. Und so sollte auch der Muezzinruf in Deutschland wahrgenommen werden“, hoffte der Beauftragte der türkischen Regierung für Türken im Ausland, Kemal Ermenc. Er verband mit dieser Toleranz den Wunsch nach gegenseitigem Respekt und Vertrauen zwischen türkischstämmigen Bürgern und der deutschen Gesellschaft: „Verschiedenheit ist auch eine Bereicherung der Gesellschaft“, sagte der Auslandsbeauftragte. Als Zeichen des gegenseitigen Respekts wurden nach dem Ruf des Imam Rosen an die Gäste der Moschee verteilt.

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