Große Jungs stehen auf ihre kleinen Flitzer

Von: Stefan Schaum
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Männer, lasst uns ein paar Runden dreh‘n! Auf der Slot-Car-Bahn haben vor allem die großen Jungs ihren Spaß. Foto: Stefan Schaum

Herzogenrath. Die Sache mit dem ersten Schienenverkehr ist für Bernd Watzlaw doppelt dumm gelaufen. „Als Kind wollte ich unbedingt eine Carrerabahn – aber mein Vater hat mir bloß seine alte Eisenbahn geschenkt. Und mit der durfte ich dann nicht mal richtig spielen, weil sie für ihn so kostbar war.“ Nein, sagt der heute 49-Jährige, das sei gar nicht schön gewesen.

Seinen Kindheitstraum hat er sich erst viel später erfüllt – dafür aber so richtig. In einem leerstehenden Ladenlokal in Merkstein hat er sich eine Jungs-Fantasie in XXL gebaut: sechs Spuren, 66 Meter lang, prima Kurven, ordentlich Gefälle. Klar, dass auf so einer Edel-Bahn auch andere losbrettern wollen.

Meist stehen sie dort zu sechst nebeneinander, die großen Jungs. Es sind Männer um die 30 oder noch einige Jährchen älter. Kinder schauen eher selten mal rein, Frauen so gut wie nie. Gesprochen wird hier nicht allzu viel, die Oberkörper halten sie meist starr, bloß die Köpfe drehen sie hin und her, um alles im Blick zu behalten. Wer hier fährt, braucht volle Konzentration, sagt Watzlaw, „die Bahn hat es echt in sich“.

Knapp einen Meter hoch über dem Boden hat der Mechaniker die Schienenteile auf Tischen befestigt, aber in ein paar Kurven schießen die Wagen bis auf gut zwei Meter empor und flitzen knapp unterhalb der Decke wieder runter. Da braucht es schon Fingerspitzengefühl, damit die Plastikautos an diesen Stellen nicht von der Bahn fliegen.

Gut 500 Arbeitsstunden

Gut 500 Arbeitsstunden hat Watzlaw in den Aufbau gesteckt. Die Schienen sind übrigens nicht von der Marke, die er als Kind haben wollte, sondern vom spanischen Hersteller „Ninco“. Den kennt man in der Slot-Car-Szene. „Ab einem gewissen Level braucht man richtig gutes Material“, sagt Watzlaw. Schließlich fahre man hier ja nicht bloß „auf ‘ner kleinen Kinderbahn unterm Weihnachtsbaum rum“.

Es steckt Geld in diesem Hobby, einiges sogar. Wie viel er im Lauf der Jahrzehnte in die im heimischen Wohnzimmer Stück für Stück gewachsene Bahn investiert hat, kann Bernd Watzlaw so genau zwar schon gar nicht mehr sagen, aber ein Auto allein liegt bei etwa 45 Euro. Aufwärts, versteht sich. Und Bernd Watzlaw hat ganz schön viele davon. In einer Hinterkammer stapeln sich die Kartons mit Fahrzeugen bis unter die Decke. Einige davon können Fahranfänger leihen – Profis bringen ohnehin ihre eigenen mit –, andere verkauft er. Und manche bleiben für immer im Karton, weil sein Herz dran hängt.

Die, die es auf die Strecke schaffen, sind nie im Originalzustand, oder „Out Of The Box“, wie Profis sagen. Die Magnete, die eigentlich helfen sollen, die Wagen in der Spur zu halten, werden als erstes abmontiert. „Die machen die Autos nämlich auch langsamer.“ Dann werden die Schräubchen der Motorhalterung leicht gelöst. „Wenn die locker sind, kann die Karosserie besser arbeiten“, sagt Watzlaw. Fachchinesisch, das sie an der Bahn natürlich alle verstehen. „Ich bin oft hier“, sagt Axel Granigg. Oft heißt bei ihm: eigentlich jeden Tag. Und seine Frau? Na ja, „die akzeptiert das“. Er brauche das einfach. „Das hat was Entspannendes, ist fast schon meditativ. Wenn du losfährst, dann bist du voll drin in einer komplett anderen Welt!“

Wie ein Tanzbär

Anstrengend kann das Fahren durchaus werden. Neulich haben die Jungs ein 150-Runden-Rennen gemacht. „Hat ‘ne gute Dreiviertelstunde gedauert, danach waren alle komplett fertig“, erinnert sich Bernd Watzlaw. Er ist froh, dass die Bahn seit ein paar Wochen aus seinem Wohnzimmer raus ist. „Da konnte ich zum Schluss gar nicht mehr richtig durchgehen. Ich bin immer wie ein Tanzbär rüber bis zur Couch gehüpft.“ Der Mann ist Single, das sollte nicht weiter überraschen. Ob er auch Kind geblieben ist? „Sowieso, das sind wir doch alle“, sagt er und schaut zu den anderen rüber. Einstimmiges Kopfnicken an der Bahn. Dann fliegt ein Auto aus der Spur, liegt quer auf der Bahn. Ein anderes rauscht voll rein. „Kein Problem“, sagt Watzlaw, „die Dinger sind richtig robust“. Große Jungs brauchen eben haltbares Spielzeug.

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