Alsdorf - Go better leistet sozialtherapeutische Jugendarbeit

Go better leistet sozialtherapeutische Jugendarbeit

Von: Verena Müller
Letzte Aktualisierung:
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Im sogenannten Produktionsbereich von Go better. Hier werden Backbleche recycelt. Foto: V. Müller
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Olga Martysevic stopft ein selbstgenähtes Kissen. Ab September wird sie ihrem Berufswunsch Drogistin ein Stück näher kommen. Foto: V. Müller
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Ingo Boehm, Projektleiter und Initiator von Go better. Foto: V. Müller

Alsdorf. Die Stoffbespannung vom Backblech lösen, den Rahmen von der Siebfläche trennen, die eckigen Siebe auf Paletten stapeln, festzurren. Fließbandarbeit in der Halle von Go better auf dem ehemaligen Gelände der Grube Maria, wo zuletzt ein Sägewerk ansässig war. Wer hier welchen Status hat, lässt sich auf den ersten Blick nicht ermitteln.

Zu Sozialstunden verpflichtet? Ausbilder? Angestellter? An jeder Station des Arbeitsablaufes geht es konzentriert, zügig und im Kontakt mit anderen freundlich zu.

Einer der jungen Männer war zwei Jahre lang obdachlos, drogenabhängig und in kriminelle Kreise geraten. Er hat im Produktionsbereich von Go better eine Anstellung gefunden. Auch auf den zweiten Blick lässt sich nicht erraten, um welchen der jungen Männer es sich handelt. Was man sehr wohl erkennt: Wie groß die eigenen Vorurteile als Besucher sind.

Go better ist eine Chance für viele. Für manche ist es die erste oder zweite, für andere vielleicht die letzte Chance, in der Berufswelt (wieder) Fuß zu fassen. Nicht nur für die aktuell 75 Jugendlichen, die hier in Betreuung sind, weil sie auf dem Arbeitsmarkt als schwer vermittelbar gelten, weil sie schlechte Noten, gar keinen Schulabschluss haben oder schlicht nicht in den Berufsalltag zu integrieren sind. Bei Go better treffen sie auf Unternehmer, Handwerksmeister, Sozialpädagogen – und Frührentner oder Langzeitarbeitslose, deren Wissen und Erfahrung auf dem Gelände der Immobiliengesellschaft Viva West noch etwas zählt.

Viele der Jugendlichen werden über diverse Maßnahmen des Jobcenters an Go better vermittelt, wo sie ein Jahr lernen, sich an die Abläufe in einem Unternehmen zu gewöhnen. Im Anschluss finden sie in der Regel einen Ausbildungsplatz, das Jahr bei Go better können sie sich anerkennen lassen. Manche Jugendliche fragen selbst nach, ob sie beispielsweise nach dem Ableisten ihrer Sozialstunden bleiben dürfen. In knapp zwei Monaten sind es an die 20, die nicht – wie sonst häufig üblich – Käfige im Alsdorfer Tierpark reinigen, sondern Backbleche von Großbäckereien recyceln.

Gegründet wurde der Verein vor drei Jahren, Initiator und Projektleiter ist Ingo Boehm. Boehm ist Druckermeister, hat lange Zeit in der Druckereileitung eines Behindertenheims gearbeitet und später seinen Schwerpunkt auf die Erwachsenenbildung verlagert. „Aber das war mir zu wenig“, sagt er, und so gründete er mit neun Freunden den Verein. Dieser gehört inzwischen dem Paritätischen Wohlfahrtsverband an und hat viele Kooperationspartner gefunden. Finanziert wird Go better über das Jobcenter der Städteregion Aachen und den eigenen Produktionsbereich.

Darüber, wie sich der Verein entwickelt, haben sich der Bundestagsabgeordnete Helmut Brandt und der Landtagsabgeordnete Hendrik Schmitz, beide CDU, diese Woche einen Eindruck verschafft. Dabei lernten sie auch Gerd Stein kennen. Was vielen der Jugendlichen fehlt, verkörpert vermutlich kaum einer so gut wie er. 58 Jahre ist er alt und leitet seinen eigenen Taekwondo-Verein. geradeaus, ehrlich, direkt. „Ein Jugendlicher kam mal an und meinte: ,Ey komm, mach mal Liegestütze. Ich mach doppelt so viele wie Du!‘ Nach fünfzig hab ich aufgehört und gefragt: ,Machst Du hundert?‘“ So verdiene er sich Respekt.

Aus seinem eigenen Verein kenne er Kinder aus schwierigen Elternhäusern, habe die Erfahrung gemacht, dass im Sport gelernte Disziplin fürs ganze Leben taugt. Und als er von Go better hörte, sagte er sich: „Da fehlst du. Da bist du der richtige Mann für.“ Seit Anfang Juni ist er nun als Personal Trainer an Bord und macht mit den Jugendlichen das, was er am besten kann: Sport. Dabei öffneten sich die Jugendlichen, erzählten von ihren Problemen, sagt Stein.

Go better kümmert sich aber nicht nur um Jugendliche, die bereits Schwierigkeiten haben, sondern kooperiert beispielsweise auch mit der Europa-Hauptschule in Mariadorf. In der Form, mit seinem breiten Spektrum bestehend aus Handwerk, Pädagogik, Sport und Schule, ist der Verein in der Städteregion einmalig.

Eine, die vielleicht bald den Absprung in die „reale“ Berufswelt geschafft hat, ist Olga Martysevic. Die 20-Jährige hat sich aus einem Workshop, bei dem mit dem Werkstoff Beton experimentiert wird, ausgeklinkt. „Das interessiert mich nicht so sehr“, sagt die junge Frau. Stattdessen hat sie sich in die Nähecke zurückgezogen, befüllt gerade einen Kissenbezug. Ihre Ausbildung zur Kinderpflegerin hat sie abgebrochen und möchte lieber als Drogistin arbeiten. Im September beginnt ihr Praktikum. „Ich freue mich schon total“, sagt Olga.

„Wenn ich durch Alsdorf gehe, denke ich mir immer: Wir haben noch viel Arbeit vor der Brust“, sagt Ingo Boehm. Aber er kann auch durch die Räume von Go better gehen und sagen: Diese Jugendlichen werde ich nicht mehr auf der Straße rumlungern sehen.

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