Gleitzeit an Schulen: Zum Biorhythmus am Dalton-Gymnasium

Von: Verena Müller
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Für die Produktivität und Lernfähigkeit des Menschen allgemein und von Jugendlichen im Speziellen ist frühes Aufstehen eher hinderlich. Zu dem Ergebnis kommt Chronobiologe Prof. Till Roenneberg. Mit dem Dalton-Gymnasium führt er seine Studien dazu fort. Foto: Colourbox/V. Müller

Alsdorf. Seine Tochter liege ihm in den Ohren, sagt Prof. Till Roenneberg. Ob er die Schuluhren nicht auf 9 Uhr drehen könne, bis sein Enkelkind, gerade zweieinhalb Jahre, eingeschult werde. „Das wird mir nicht gelingen“, sagt Roenneberg beim Vortrag im Alsdorfer Dalton-Gymnasium am Donnerstagabend, was sein Engagement aber in keinster Weise schmälert.

Gerade hat er verkündet, die Studie zum späteren Schulanfang – Stichwort: Gleitzeit – mit den Alsdorfer Schülern fortsetzen zu wollen. Nach wie vor ist das Städtische Gymnasium die einzige Schule bundesweit, die an der Studie teilgenommen hat und weiter teilnimmt. Warum? Ganz einfach, sagt Roenneberg, weil es die vermutlich einzige Schule sei, die durch das flexible Dalton-System die erste Stunde zur optionalen Freilernphase deklarieren kann.

Roenneberg ließ die Chance aber nicht ungenutzt – wenn er schon nicht über die Ergebnisse der ersten Studienphase sprechen durfte, da Kollegen ihm noch bescheinigen müssen, dass seine Resultate wissenschaftlichen Standards genügen – auf die Ursachen und weitreichenden Folgen der fehlenden Kompatibilität von natürlichem Biorhythmus und Arbeits- respektive Schulwelt hinzuweisen.

Wie man in dem ebenso interessanten wie kurzweiligen Vortrag erfahren durfte, hatte Roenneberg selbst einmal in jungen Jahren an einer Studie zum Biorhythmus des Menschen teilgenommen, lange bevor er sich diesem Schwerpunkt innerhalb der Medizinischen Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München verschreiben und er zu einer, wenn nicht der Koryphäe auf dem Gebiet werden sollte.

Damals ging es um die Frage, wie sich Tag und Nacht für den Menschen verteilen, wenn sie kein Tageslicht sehen. Der Titel „Bunker-Versuch“ beschreibt recht treffend den Studienaufbau. Ergebnis: Ohne Licht hat der Mensch einen 25-Stunden-Rhythmus, Tag und Nacht verschieben sich täglich um eine Stunde nach hinten. Bei Blinden könne man das beobachten, sagt Roenneberg.

Nächster wesentlicher Schritt in der Erkenntnisleiter Biorhythmus: Das natürliche (!) Tageslicht stellt die innere Uhr auf den 24-Stunden-Takt. Aber: Der moderne Mensch arbeitet nicht mehr in der Landwirtschaft (wenigstens nicht die Mehrheit) und ist überwiegend Kunstlicht ausgesetzt. Das Signal für die innere Uhr ist zu schwach. Der Umstand, dass in der Dunkelheit Kunstlicht eingesetzt wird, macht es zusätzlich kompliziert. „Wir können also gar nichts dafür, dass unsere innere Uhr spät dran ist“, sagt Roenneberg.

Dann ging es schon ans Eingemachte: Verschiebung der inneren Uhr um vier Minuten pro Längengrad: Den Zahn, sich als ,Land der Frühaufsteher‘ schmücken zu dürfen, habe er den Zuhörern bei einem Vortrag in Sachsen-Anhalt gezogen, erzählt Roenneberg: „Ihr lebt ja auch ein ganzes Stück weiter im Osten, es ist also ganz natürlich, dass ihr früher aufsteht.“ Das sei, am Rande bemerkt, sein erster und einziger Vortrag in dem Bundesland gewesen, erzählt der Schlafforscher und lächelt.

Nächste Vertiefung in sein Forschungsfeld: die Veränderung der Chronotypen nach Lebensalter und Geschlecht. Dass Jugendliche später und länger in den Tag hinein schlafen, dürfte jedem bekannt sein, ab dem 19. Lebensjahr (Frauen) beziehungsweise dem 21. Lebensjahr (Männer) sei der Mensch wieder früher dran. „Es ist also kein Wunder, dass sich Frauen ältere Männer suchen, nur so können sie gemeinsam frühstücken“, witzelte Roenneberg.

Was den Vergleich zwischen Arbeitsalltag und Freizeit anbelangt, könne man den Eindruck erlangen, die meisten lebten in zwei unterschiedlichen Zeitzonen. Wenn man den Menschen ließe, würde er zwei Stunden später aufstehen. „Nur 13 Prozent leiden unter keinem social jetlag“, sagt der Chronobiologe. Woher er das alles weiß? Immerhin hat er die Daten von rund 300.000 Menschen ausgewertet, hat sie Schlaftagebuch führen lassen und sie zu ihrem Gesundheitszustand befragt. Alles in allem kommt er zu dem Schluss: Sowohl für die Gesundheit als auch für das Lernvermögen respektive die Produktivität sollten wir alle später in den Tag starten.

Damit schlug er den Bogen zu Alsdorf, dankte für das Engagement der Schule und Schüler, erklärte die zweite Studienreihe und deren Bedeutung. Knapp formuliert: Je mehr Daten, desto besser. Länger ausgeführt: Roenneberg will das System längerfristig betrachten und unter anderem wissen, ob Schüler nach einem Jahr Gleitzeit und späterem Schulanfang möglicherweise in den alten Rhythmus zurückfallen.

Auf Actimeter, also die Uhren, die die Aktivität der Schüler misst, will der Schlafforscher diesmal verzichten, stattdessen sollen die Teilnehmer jeden Tag online Schlaftagebuch führen. Startschuss ist Freitag, 3. Februar, Ende der 20. März. Also wieder sechs Wochen, diesmal ein kleines bisschen später am Jahresbeginn. Und dann verrät Roenneberg doch noch etwas aus der ersten Studie: „Die Ergebnisse sind sehr sehr spannend.“ Und lächelt vielsagend. Ob sich die Politik nach deren Veröffentlichung den zu erwartenden Fakten beugt, ob also der Schulbeginn landes- oder bundesweit nach hinten verschoben wird, ist dann die nächste Frage.

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