Herzogenrath - Gießerei: Solidarität beim Marsch durch Kohlscheid

Gießerei: Solidarität beim Marsch durch Kohlscheid

Von: Beatrix Oprée
Letzte Aktualisierung:
8512224.jpg
Mit wehenden Fahnen: Den Gießerei-Mitarbeitern schlossen sich Politiker, Gewerkschafter, Vertreter von Verbänden und Bürger an. Foto: B. Oprée

Herzogenrath. „Es wird einem einfach die Basis entzogen, alles, was man sich erarbeitet hat. So stirbt der Mittelstand!“ Sabine Thelenz war mit ihrem Mann Dieter, Formanlagenführer in der Kohlscheider Gießerei, ebenfalls ans Mikrofon auf dem Werkshof getreten, um den zur Protestkundgebung Versammelten aus erster Hand zu berichten.

Sie erklärte, was der monatelange Kampf um Arbeitsplätze für die Familienmitglieder bedeute. Sie berichtete von Existenzängsten, sorgenvollen Nächten und zehrender Ungewissheit. Mit ihrem Sohn und der schwangeren Schwiegertochter beteiligte sie sich am energischen Protest gegen die Pläne des neuen Eigentümers der Schmolz+Bickenbach Guss GmbH, Steffen Liebich. Die sehen die Schließung des Kohlscheider Werks bei gleichzeitiger Sanierung der beiden anderen Guss-Standorte in Ennepetal und Krefeld vor.

„Ein Trauerspiel“

Der vom Betriebsrat zu Rate gezogene Dürener Rechtsanwalt Jörg Zumbaum hatte hingegen einen branchenerfahrenen Kaufinteressenten vermittelt. Belegschaft, Gewerkschaft und mittlerweile auch der Herzogenrather Bürgermeister Christoph von den Driesch sowie parteiübergreifend die örtliche Politik werfen dem Finanzinvestor Steffen Liebich vor, Übernahmeverhandlungen nicht ernsthaft zu betreiben, diese vielmehr hinauszuzögern, bis der Interessent sich wieder zurückziehe.

Der Marsch durch Kohlscheid war der nächste Schritt im Zuge zäher Verhandlungen, die zuletzt in der Vereitelung einer Infoveranstaltung zur Transfergesellschaft durch die Belegschaft gipfelten. „Ich ziehe den Hut vor Eurem Mut und Eurem Einsatz“, rief Martina Weber, IG-Metall-Gewerkschaftssekretärin, den in Arbeitskluft erschienenen Protestführern zu. Ausdrücklich dankte sie Rechtsanwalt Zumbaum, der innerhalb von anderthalb Wochen einen seriösen Kaufinteressenten präsentierte, während Investor Liebich monatelang immer nur behauptet habe, auf der Suche nach einem Käufer zu sein.

Webers Fazit: „Herr Liebich, Sie haben bisher noch kein Versprechen gehalten.“ Als „Trauerspiel“ kennzeichnete der neue IGM-Bevollmächtigte Achim Schyns die Vorgänge im Kohlscheider Werk: „Eigentum verpflichtet“, schrieb er Guss-Besitzer Liebich ins Stammbuch. Doch der wolle nur plattmachen: „Das ist Kapitalismus pur!“ Schyns setzte noch eins drauf: „Jeder Mensch ist mehr wert als alles Gold der Erde!“

„Unheimlich sauer“, sei er, bekundete Ralf Woelk, DGB-Regionsgeschäftsführer, der den Gießerei-Mitarbeitern attestierte: „Ihr macht saugute Arbeit!“ Auch die Tatsache, dass Zumbaum in wenigen Tagen einen potenten Kaufinteressenten gefunden habe, belege, dass man es in Kohlscheid mit einem sehr guten Werk zu tun habe, das bis nach China liefert. Woelk: „Mir fallen keine anderen Worte ein: Wir werden hier nach Strich und Faden verarscht!“

„Schluss mit lustig!“

„Nur unterstreichen“ könne er, was über den Guss-Geschäftsführer gesagt worden sei, sagte Bürgermeister Christoph von den Driesch: Ein Katz- und Maus-Spiel werde hier getrieben, bis der Kaufinteressent drohe abzuspringen. Unterstützung seitens der Stadt sagte er zu, und betonte, die Gießerei sei im Ort fest etabliert, Kohlscheid stehe hinter dem Betrieb: „Es gibt kein Problem mit dem Standort!“ Ausdrücklich dankte er der IGM und Jörg Zumbaum für dessen „unglaublichen Einsatz“.

Dem Betriebsratsvorsitzenden Wolfgang Dreßen oblag es dann noch, Unverständnis über den Guss-Gesamtbetriebsrat zu äußern, der die Sanierungsmodalitäten ausgehandelt habe, ohne das Mandat aus Kohlscheid abzuwarten. „Herr Liebich, jetzt ist Schluss mit lustig!“, verkündete er. Um dann auch festzustellen: „Egal was auch passiert: Wir werden mit erhobenem Haupt vom Hofe gehen!“ Mit wehenden Fahnen und schrillen Pfiffen zogen die Arbeitskämpfer dann über die Kaiserstraße, den Markt, die Weststraße und einen ordentlichen Stau verursachend über die Roermonder Straße zurück.

Vertreter der Parteien, der Kirche, des IGBCE und weiterer Verbände schlossen sich mit Familienmitgliedern und Bürgern dem Protestmarsch an. Mit dabei auch Ruheständler Josef Kever (77), der ob der Entwicklungen nur den Kopf schütteln kann: Um die 30 Jahre hat er in der Gießerei gearbeitet: „Wir hatten harte und schöne Zeiten. Aber wir wussten seinerzeit immer: Es war eine Lebensstellung!“

Der geschäftsführende Gesellschafter der Guss-GmbH war bis Redaktionsschluss telefonisch nicht zu erreichen.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert