Geübt im Umgang mit Dosen und Düsen

Von: Stefan Schaum
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Allein unter Jungs: Sprüherinnen wie die 16-jährige Anastasia sind eher die Ausnahme in der Graffiti-Szene. Auch im Würselener Workshop ist das so. Foto: Stefan Schaum

Würselen. Nacht und Nebel liegen lange zurück. Vorbei sind die Tage, an denen Lars Kesseler vornehmlich im Dunkeln mit der Sprühdose hantierte. Immer auf der Hut, um bloß nicht erwischt zu werden. Gut 20 Jahre ist das jetzt her.

Seitdem ist der Graffiti-Sprayer weit herumgekommen, darf seine Kunst ganz offiziell an die Wände bringen und wird dafür obendrein bezahlt. Längst sind etliche der bunten Bilder auf Beton in der Legalität angekommen und zieren Kunstkataloge. Sie eignen sich sogar dazu, Jugendliche an die Kunst heranzuführen, gar an die Politik. Wie es jüngst bei einem Workshop geschieht, bei dem der 36-jährige Kesseler die Neulinge im Umgang mit Dose und Düse fit macht.

Im Rahmen des Projektes „Generation Jugend” der Jugendämter der Region wird hinter dem Kinder- und Jugendtreff im Würselener Bahnhof frische Farbe aufgebracht. Dabei geht es nicht bloß um knallige Optik. Es geht auch darum, Teenagern ab 16 Jahren die Stimmabgabe bei der Kommunalwahl schmackhaft zu machen.

„Dazu braucht es meist gezielte Motivation”, sagt der Diplom-Sozialpädagoge Christoph Tiemann, der aus Erfahrung spricht. Oft hat er im Treff mit Jugendlichen zu tun, die wenig Lust auf kaum etwas haben, schon gar nicht auf Politik. Das Interesse wachzukitzeln nennt Tiemann deshalb eine wesentliche Aufgabe. „Am Anfang müssen die Jugendlichen spüren, dass sie selbst etwas bewegen können, etwas schaffen.”

Erst mal mit Bleistift

Das geschieht im dreitägigen Graffiti-Workshop, bei dem vier Jugendliche zunächst einmal nicht zur Dose, sondern zu Bleistift und Papier greifen. „Ohne Skizze sprayen selbst die Profis nicht”, sagt Lars Kesseler. Zeichnen - das kann der 17-jährige Claus ganz gut. Kreativ ist der Teenager, doch mit Graffiti hat er noch keine Erfahrung gemacht. Wie auch? „In Aachen gibt es nirgends mehr eine legale Wand, an der man sprühen kann”, sagt er.

Um sich nicht nächtens strafbar zu machen, ist er deshalb aus dem Vaalser Quartier nach Würselen gekommen. Dort muss er feststellen, dass Zeichnen nicht Sprühen ist. „Ganz schön schwer”, sagt er nach den ersten paar Linien, die er mit der Dose auf einer großen Stellwand zieht. „Ist ja eine ganz andere Dimension, der Druck aus der Düse ist auch nicht ohne, da verläuft die Farbe schnell.” Das ist auch eine Frage des Abstandes. Immer wieder gehen die jungen Sprayer ein paar Schritte zurück, um die komplette, gut vier Meter breite Stellwand betrachten zu können. Auch deshalb gilt Graffiti in der Szene als Sport. Kesseler: „Man ist viel in Bewegung. Und wer illegal sprüht, muss oft ganz schön klettern, um an die interessanten Stellen zu kommen.”

Tag und Nacht

Das ist in Würselen nicht der Fall. Hinter dem Bahnhof darf nämlich das ganze Jahr über gesprüht werden, Tag und Nacht. Wer mag, darf sich in aller Ruhe ein Leiterchen hinstellen und loslegen. Ohne Angst. Denn die Rückseite der Lärmschutzwand an der K30 - gut 500 Quadratmeter Fläche am Bahnhof - ist von der Stadt Würselen ganz offiziell als Malfläche freigegeben worden. Für Christoph Tiemann schließt sich da ein Kreis. „Für die Jugendlichen ist das ja auch ein Stück Politikerfahrung: Welche Kommune ist bereit, solch eine Fläche anzubieten - und welche nicht?”

Das bunte Motiv, das jeder der vier Teilnehmer am dritten Tag des Workshops auf die Holzwand bringt, kommt nicht von ungefähr: „Vote” - wähle! Eine Aufforderung, die noch vor der Kommunalwahl auf Reisen gehen soll. Die besprühten Holzwände werden nämlich in den Rathäusern der Region präsentiert. Politisches Bewusstsein hat die Aktion bei Claus im übrigen nicht geweckt. Das hat er bereits. „Ich werde wohl die Grünen wählen”, sagt er. Kein Wunder, dass er dem Spruch von Lars Kesseler zustimmt: „Bei aller Kritik an Graffiti - was ist schlimmer: Die Bilder oder der Beton darunter?”
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