Geschichtsforscher richten Blick auf Wissenschaftler im Dritten Reich

Von: ehg
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Ihre Forschungen und Erkenntnisse boten reichlich Stoff zur anschließenden Diskussion: (v.l.) Moderator Dr. Vladimir Shikhman mit den Referenten zum Thema, Dr. Stefan Krebs, Privat-Dozent Dr. Werner Tschacher und Dr. Richard Kühl. Foto: Wolfgang Sevenich

Würselen. Der christlich-jüdische Arbeitskreis hat anlässlich des 77. Jahrestags der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 bei einer Informationsveranstaltung am Beispiel der RWTH Aachen den Fokus auf Wissenschaftler im Dritten Reich gerückt.

Dazu waren vier Geschichtsforscher eingeladen, die sich intensiv mit dieser Thematik beschäftigt zu haben. In Kurzreferaten legten sie dar, was sie ans Tageslicht gefördert haben, nachdem der Literaturprofessor Hans Schwerte im Jahr 1995 als der frühere SS-Hauptsturmführer Hans E. Schneider enttarnt worden war – in dem Jahr, in dem die Aachener Hochschule ihr 125-jähriges Bestehen feierte.

Zur Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit der RWTH wurde 2001 ein Projekt ins Leben gerufen, mit dessen Leitung das Rektorat Dr. Werner Tschacher (RWTH Aachen) und Dr. Stefan Krebs (Uni Luxemburg) betraute. Wie Tschacher darlegte, wurden 146 Biografien von Senatoren und Namensgebern der RWTH Aachen unter die Lupe genommen, die in verschiedenen Archiven aufgestöbert worden waren.

Um Licht ins Dunkel zu bringen, wurden zahlreiche Nachschlagewerke gewälzt. Dabei habe man herausgefunden, dass zehn von 14 Rektoren der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) angehört hatten. Als eines von mehreren Beispielen benannte Dr. Tschacher Wilhelm Fucks, der 1982 das Bundesverdienstkreuz erhielt.

Student der Technischen Hochschule Aachen war Julius Dorpmüller, der als Reichsverkehrsminister den massenhaften Transport von Juden in die Konzentrationslager zu verantworten gehabt habe.

Aus der Gruppe der Helfer von nationalsozialistisch Belasteten hob er Paul Röntgen hervor. Als erster Nachkriegsrektor der RWTH habe er bei der Entnazifizierung „Persilscheine“ ausgestellt. Otto Gruber, 1934 zum Rektor gewählt, sei von Röntgen letztlich sogar zum Verfolgten gestempelt worden. Nicht zuletzt seien sie zu Vorbildern einer ganzen Studentengeneration gemacht geworden. Einer der Namensgeber von Straßen in Aachen sei Historiker Albert Huyskens gewesen, der seit 1933 der NSDAP angehörte und Stadtarchivar in Aachen war. Alle hätten sich dahinter verschanzt, nur der Technik gedient zu haben. Die RWTH habe keine Ausnahme gebildet.

Die Zeit des Wiederaufbaus beleuchtete Dr. Stefan Krebs. Es habe bis 1966 an der Aachener Hochschule „ein kollektives Schweigen“ über die nationalsozialistische Vergangenheit geherrscht. Wie diese Zeit autobiografisch verklärt wurde, veranschaulichte der Wissenschaftler an Beispielen. Erst 1994 habe die Helden-Geschichtsschreibung ein Ende gefunden und sei durch Institutionen-Geschichtsschreibung ersetzt worden. Die Helden von einst seien hinter den Strukturen verschwunden. Erst die Aufdeckung des Erinnerungsskandals von 1995 habe an der RWTH zu einem anderen Umgang mit Geschichte geführt.

Wie sich die NS-Medizin in Aachen vor und nach 1945 darstellte, deckte Dr. Richard Kühl (Uni Tübingen) als Dritter im Bunde der Wissenschaftler auf. Von 40.000 Ärzten in Deutschland hätten zwar „nur“ 350 Verbrechen an der Menschlichkeit begangen. Doch hätten 47 Prozent aller Ärzte der NSDAP angehört. Keine andere Berufsgruppe sei so in der Partei vertreten gewesen.

Der einstige Chefarzt Max Krabbel habe selbst Sterilisierungen und Abtreibungen bei russischen Zwangsarbeiterinnen vorgenommen. Kühl erwähnte aber auch, dass Krabbel entschiedener Gegner der Euthanasie gewesen sei. Doch habe er dagegen nur wenig Widerstand geleistet.

Ergänzend rückte Kühl die Besetzung der Chefarztstellen nach 1945 ins Licht. Die Städtischen Krankenanstalten an der Goethe-straße seien zum „Auffangbecken NS-belasteter Fachgrößen“ geworden. Mit der traditionellen Personalpolitik habe das Krankenhaus erst gebrochen, als es zur Universitätsklinik ausgebaut worden sei.

Die Referate regten nicht nur zum Nachdenken an, sondern boten auch reichlich Gesprächsstoff für die anschließende Diskussion. Moderiert wurde die Veranstaltung von Dr. Vladimir Shikhman (Université catholique de Lovain), der bis 2008 am Lehrstuhl für Mathematik in Aachen tätig war und in Würselen beheimatet ist.

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