Gesamtschule: SPD und CDU wollen endlich entscheiden

Von: Karl Stüber
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„Einfach unvergesslich“: Das dürfte die Realschule Würselen für Generationen von Schülern und Lehrern sein, wenn sie im Jahr 2020 schließt. Schulleiter Lorenz Hellmann rät aber davon ab, in dieser Bildungsstätte die neue Gesamtschule unterzubringen, und rät zum Neubau. Foto: Karl Stüber

Würselen. Werden CDU- und SPD-Fraktion in der Ratssitzung am Dienstag, 29. September, erneut eine Entscheidung über den Standort der neuen Gesamtschule und über Neubau oder Ertüchtigung einer bestehenden Schule vertagen? Die öffentliche Sitzung beginnt um 18 Uhr im Rathaus.

Auf Nachfrage unserer Zeitung fallen die Antworten der beiden Fraktionsvorsitzenden eindeutig aus. Karl-Jürgen Schmitz (CDU) sagt: „Wir werden definitiv am 29. September entscheiden!“ Und Christoph Küppers (SPD) sagt: „Wir wollen absolut am 29. September entscheiden!“ Aber da enden – derzeit – auch schon die Gemeinsamkeiten der beiden Partner der GroKo in Sachen Gesamtschulstandort. Nach Bürgerbefragung und -informationsveranstaltung verharren beide (noch) in ihren unterschiedlichen Einschätzungen.

Während die CDU weiterhin die Ertüchtigung der auslaufenden Realschule an der Tittelsstraße mit Blick auf die städtischen Finanzen bevorzugt, sieht die SPD in einem Neubau die sinnvollere Alternative. Beide Seiten beteuern gegenüber unserer Zeitung, nicht starr an der jeweilige Position festhalten zu wollen, wenn Fakten und Argumente auftauchen, die überzeugend sind.

Das könnte durchaus noch sein – oder eben auch nicht. Hinter den Kulissen ist Bewegung auszumachen. Nach Irritationen bei der letzten Ratssitzung spricht man wieder miteinander – und zwar nicht nur die beiden Fraktionsvorsitzenden. Mehrere Vertreter beider Seiten trafen sich in einem Arbeitskreis. Die beiden Fraktionsspitzen betonen, dass der Austausch sehr sachlich und konstruktiv war.

Bis Freitag soll auf Initiative der GroKo ein von der Stadt beauftragter Wirtschaftsprüfer aus Stolberg nochmals überarbeitete Angaben der Stadt zu benötigten Flächen, den Kosten, der Finanzierung und den haushalterischen Auswirkungen von Neubau der Gesamtschule oder Ertüchtigung der Realschule analysieren.

Beide Seiten geben an, gespannt auf das Ergebnis zu sein. Und die Würselener dürften ihrerseits darauf gespannt sein, was die GroKo daraus macht.

Ach ja, und da gibt es doch noch eine Gemeinsamkeit von CDU und SPD in Sachen Gesamtschule. Sowohl Schmitz als auch Küppers betonen, dass es eines überzeugenden Votums in der Ratssitzung bedarf. Eine knappe Entscheidung würde die Diskussion über falsch oder richtig nicht verstummen lassen.

Dieser Auffassung ist auch Lorenz Hellmann, der Leiter der Realschule an der Tittelsstraße, dessen Einrichtung für die Ansiedlung der Gesamtschule infrage kommt. Zuletzt beschwor Hellmann auch in der Sitzung des Bildungsausschusses am Dienstagabend die Kommunalpolitiker, eine Entscheidung mit nur wenigen Stimmen Mehrheit über den Standort der Gesamtschule zu vermeiden. Ansonsten sehe er die Wahrung des „Schulfriedens in Würselen“ gefährdet.

Eigentlich könnte sich Hellmann gelassen zurücklehnen, um dem Treiben der politischen Entscheidungsträger in Würselen zuzuschauen. Das Aus seiner Schule im Juni 2020 ist mit Blick auf die neue Gesamtschule, die zu diesem Schuljahr im Gebäude der ebenfalls auslaufenden Hauptschule ihren Betrieb mit dem ersten Jahrgang aufnahm, beschlossene Sache. In den nächsten fünf Jahren wird Hellmanns Realschule langsam ausbluten.

Rund 120 Schüler würden bis dahin Jahr für Jahr weniger dort unterrichtet, müssten jährlich mehrere Lehrer an andere Schulen versetzt werden. Derzeit hat die Realschule noch 610 Schüler.

Dieses „Schulsterben“ in Raten wird Hellmann im aktiven Dienst nicht mehr miterleben müssen. Mitte Januar 2016 wird er – kurz vor Vollendung seines 65. Lebensjahres – in den Ruhestand verabschiedet. So setzt sich Hellmann entschieden – vielleicht ein letztes Mal – für seine Realschule und die Schüler und Lehrer dort ein. Sollte sich der Stadtrat am Dienstag nächster Woche für Sanierung und Ausbau der Realschule entscheiden, um die Gesamtschule dort unterzubringen, würden die Umbauarbeiten mit allen negativen Begleiterscheinungen wie Lärm und Dreck im laufenden Betrieb stattfinden.

„Dann wäre die Schule doppelt beeinträchtigt“, führt er an. Ohnehin würde durch die fortschreitende Reduktion von Lehrerstellen die Organisation und die Qualität des Schulunterrichts beeinträchtigt.

Aber Hellmann ist nicht nur aufgrund seiner „Fürsorgepflicht“ gegen diese Lösung, sondern rät auch aus anderen Gründen zum Neubau der Gesamtschule an anderer Stelle. „Als die Realschule hier in den 1960er Jahren angesiedelt wurde, war das Umfeld geradezu ideal“, ruft er in Erinnerung: Hallen- und Freibad in der Nähe, Naturschutzgebiet und Wiesen.

Zwischenzeitlich sind Freibad und damit verbundene Parkplätze Geschichte, ist ringsum hochwertige Wohnbebauung entstanden. Die Auswirkungen einer Gesamtschule mit wahrscheinlich einmal rund 1000 Schülern – vor allem der damit verbundene Verkehr auf einer schmalen Erschließungsstraße – würden für viel Ärger sorgen.

Hinzu kommt aus Sicht des scheidenden Realschulleiters, der seit 20 Jahren am Wisselsbach arbeitet, ein weitere Aspekt: In der Aufbauphase der Realschule fand Pädagogik noch unter anderen Vorzeichen statt, war der Frontalunterricht Trumpf.

Mittlerweile nehmen individuelle Förderung und Unterricht in kleineren Gruppe immer größeren Raum ein – und verlangen eine andere Architektur, sagt Hellmann. Ganz zu schweigen von den Anforderungen der Inklusion – also der damit verbundenen Barrierefreiheit und notwendigen Neben- und Arbeitsräumen. Der Standort der Realschule an der Tittelsstraße ist jedoch mit Blick auf die Hanglage terrassiert.

Hellmann tritt – ganz Pädagoge – für die bestmögliche Lösung für die Gesamtschüler ein: einen Neubau. An der besten Lösung müssten aus seiner Sicht auch die Stadtverwaltung und die Kommunalpolitiker Interesse haben. Er sagt mit Blick auf den Zuzug junger Familien aus Richtung Aachen: „Würselen ist eine Stadt der Kinder und braucht sehr gut aufgestellte Schulen.“

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