Blende Freisteller

Gesamtschule in Würselen gescheitert: 18 Anmeldungen fehlen

Von: Karl Stüber und Beatrix Oprée
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Pläne gekippt: Es bleibt zunächst alleine bei der Realschule Würselen in den Immobilien am Wisselsbach. Foto: Stefan Schaum

Würselen. Die Nachricht ist ein Paukenschlag – der Nachhall wird Würselen und hier Eltern, Schüler, Lehrer, Politik und Verwaltung noch länger beschäftigen. „Die Gesamtschule wird mangels Anmeldungen nicht realisiert“, teilt die Stadt Würselen nüchtern mit.

Nachdem das Anmeldeverfahren für die neue Gesamtschule in der vergangenen Woche abgeschlossen worden war, steht nun fest, „dass die Schule wegen zu geringer Schülerzahl nicht eingerichtet werden kann“. 100 Anmeldungen seien notwendig gewesen, insgesamt wurden aber nur 81 Schüler für das Schuljahr 2013/14 angemeldet.

Auf Nachfrage unserer Zeitung machte Bürgermeister Arno Nelles deutlich, dass ab sofort im Rathaus mit Hilfe des Schulverwaltungsamts die Kinder  bei anderen Schulen angemeldet werden können. In der Klemme sieht Nelles vor allem  Kinder, die eigentlich die Eignung für die Hauptschule haben und von der Gesamtschule aufgenommen werden sollten. Denn die Hauptschule laufe ja aus. Nelles weiß nicht, ob die Bezirksregierung in Köln bei Bedarf eine Ausnahmegenehmigung zur Bildung einer Eingangsklasse für die Hauptschule erteilen würde. Da sei erst das weitere Anmeldeverfahren abzuwarten. Notfalls müssten Hauptschul-Zugänger aus Würselen in umliegenden Kommunen unterrichtet werden.

Als Politiker auf das Scheitern der Gesamtschulgründung angesprochen, habe Nelles (SPD) „eher das Gefühl gehabt, dass die Nachfrage und Bedarf groß genug sind“. Die Verunsicherung, ausgelöst durch die allgemeine Diskussion, sei offenbar so groß gewesen, dass Eltern wieder Abstand zu dem Gesamtschulprojekt genommen hätten. Nelles hält die Gesamtschule indes weiterhin  „für ein ganz wichtiges Bildungsinstrument neben dem klassischen Schulsystem.“ 

Die Gesamtschule habe für junge Menschen eine große Bedeutung, da hier die Entscheidung über die weitere Schulkarriere heraus gezögert werden könne und für mehr Durchlässigkeit gesorgt werde. Als Bürgermeister fühlt er sich nach wie vor ans Votum des Rates gebunden, der sich ja eindeutig für die Gesamtschule ausgesprochen habe. Das nächste Jahr wolle die Stadt dazu nutzen, noch intensivere Aufklärungsarbeit zu leisten, um gegebenenfalls einen neuen Anlauf zu nehmen. „Ich befürchte, jetzt haben wir eine große Chance verpasst.“

Keinen Grund zu feiern sieht Realschulleiter Lorenz Hellmann angesichts des jetzt gescheiterten Verfahrens, eine Gesamtschule einzurichten. Er sieht in dem Votum über die Gesamtschule allerdings eine Bestätigung für die Qualität der bisherigen Arbeit seiner Realschule, wie er auf Nachfrage sagte. Wäre die notwendige Anzahl von Anmeldungen für die Gesamtschule, die ja von der Realschule hätte aufgenommen werden müssen, zustande gekommen, wäre Hellmanns Einrichtung von fünf auf zwei Züge zurückgefallen.

„Dann hätten wir viele von den Angeboten nicht mehr aufrecht erhalten können“, sagte er. Schon jetzt werde erfolgreich mit dem Gymnasium kooperiert. Und schon jetzt, so Hellmann weiter, könnten an der Realschule verschiedene Abschlüsse erworben werden. Der Leiter der  Realschule bezweifelt, ob es Sinn macht, im nächsten Jahr einfach wieder den Versuch zu unternehmen, in Würselen eine Gesamtschule einzurichten. „Im Umkreis von nur zehn Kilometern existieren bereits sechs Gesamtschulen“, gibt er zu Bedenken. Das seien aus seiner Sicht zumutbare Entfernungen. Zudem würde eine Gesamtschule in Würselen auch die beiden Gymnasien der Düvelstadt unnötig unter Druck setzen. „Wir  müssen uns grundsätzlich neu an den Tisch setzen“, setzt er auf Dialog. Bereits jetzt sei  nach Karneval ein Treffen beim Bürgermeister vereinbart worden.

Kann die Realschule helfen, Kandidaten für die Schulform Hauptschule aufzufangen und ihnen eine Beschulung in einer anderen Kommune ersparen? Hellmann sieht die Realschule dafür durchaus gerüstet. Ohnehin sei die Verbindlichkeit der Grundschulgutachten „gefallen“. Die Eltern könnten also die Schule wählen. Bereits vergangenes Jahr habe Hellmanns Bildungseinrichtung Kinder aufgenommen, denen Hauptschul-Eignung per Gutachten zugemessen worden war. Der Pädagoge verweist darauf, dass immer mehr auf individuelle Förderung Wert gelegt werde.

Dies könne die Realschule leisten. Hellmann bedauert, dass zwar einerseits auf politischer Ebene, also im Landtag, der Schulstreit beendet worden sei, aber dafür der „Schulkrieg“ in draußen im Lande ausgebrochen sei. Dies zeige unter anderem der Streit, der bei Einführung der Gesamtschule für Linnich und Aldenhoven mit der Stadt Jülich ausgebrochen ist. Der Schulpflegschaftsvorsitzende der Realschule, Michael Holtz, sagte auf Anfrage: „Wir sind froh, dass eine so gut funktionierende Einrichtung weitermachen kann.“ Das Votum der Eltern sei „ein Schlag ins Gesicht der Stadt“. Von den 81 Anmeldungen für die Gesamtschule stammten zudem nur 76 aus Würselen. 

„Ich glaube nicht, dass die Anmeldungen für die Gesamtschule größere Auswirkungen auf unsere Schule gehabt hätten“, sagt Lydia Becker-Jax, Direktorin des städtischen Gymnasiums an der Klosterstraße. Wie in den vergangenen Jahren rechnet sie wieder mit rund 120 Bewerbungen für ihre Schule  im Zuge des Anmeldeverfahrens, das am 18. Februar beginnt. Wer unbedingt zur Gesamtschule wolle, wäre ohnehin auch an andere Standorte gegangen, etwa nach Kohlscheid oder Herzogenrath.

„Ich finde das bildungspolitische Anliegen der Stadt, eine Gesamtschule zu errichten,  allerdings sehr berechtigt: Nach Auslaufen der Hauptschule sollen weiterhin alle Bildungsangebote vorgehalten werden. Aber das Modell, die Gesamtschule im Gebäude der Realschule unterzubringen, hat die Eltern offenbar nicht so überzeugt. Dazu kommt, dass die Realschule in Würselen ein sehr gutes Ansehen genießt, das gute Angebot dort gerne angenommen wird. Die Situation ist jetzt nicht einfach für Würselen“, sagt die Gymnasial-Direktorin und rät zum Dialog  – und einer eventuellen Kooperation mit Nachbarkommunen.

Mit konstanten Anmeldezahlen – rund 120 Schüler in vier Klassen – rechnet auch Christoph Barbier, Direktor des Heilig-Geist-Gymnasiums trotz der 81 Gesamtschulbewerber, die nun neu verteilt werden müssen. Noch bis Dienstag läuft in Broich die Anmeldefrist. Bei jeder Schulform gibt es Gründe dafür und dagegen“, wünscht er sich trotz des propagierten Schulfriedens im Land endlich einen tatsächlichen Frieden in der Schullandschaft, „damit die Schulen sich auch in Ruhe entwickeln können“. Denn noch herrsche offensichtlich große Verunsicherung bei den Eltern, welche Schulform den richtigen Weg für ihre Kinder darstelle.

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