Gerlinde Zielinski war die erste Schornsteinfegerin

Von: Anja Klingbeil
Letzte Aktualisierung:
gerlinde1sp
Ihr Arbeitsplatz ist ganz hoch oben: Schornsteinfegerin Gerlinde Zielinski. Foto: A. Klingbeil

Baesweiler. Wenn das mit dem Aberglauben stimmt, dann muss Gerlinde Zielinski jede Menge Glück haben.

Ihr Mann ist Schornsteinfeger-Meister und sie Schornsteinfeger-Gesellin. Doppeltes Glücksprinzip also.

Heute mag der Anblick einer Frau in der typischen schwarzen Kluft nichts mehr Besonderes sein. Doch als die Baesweilerin ihre Ausbildung machte, war sie noch eine Exotin auf den Dächern über Aachen. „Mary Poppins von Aachen” war in ihren Anfangsjahren ihr Spitzname, war sie doch nebenbei noch Schauspielerin am Stadttheater und tanzte Ballett.

Höhenangst ist für ihren Beruf jedenfalls denkbar ungünstig. „Die hatte ich auch nie. Ich bin zwar einmal von der Leiter gefallen, aber auch gleich wieder aufs Dach rauf. Das muss einfach sein”, erzählt die 57-Jährige. Schon als kleines Mädchen stand für sie fest: „Ich will Schornsteinfegerin werden!”

So richtig ernst genommen hat das anfangs keiner. „Wir hatten zu Hause Kohleöfen, über die geheizt wurde. Und dann kam immer dieser vor Glück strahlende Schornsteinfeger zu uns”, erinnert sich Gerlinde Zielinski.

So ist er entstanden, der Wunsch auf fremder Leute Dächer zu steigen, um deren Kamin mit Besen zu reinigen. „Das ist immer noch mein Traumberuf, weil man dabei einfach viel mit Menschen zu tun hat”, sagt Gerlinde Zielinski.

Vor allem jetzt, da sie nicht mehr in Aachen, sondern eher in ländlicher Gegend unterwegs ist. Ihr Kehrbezirk ist Linnich. Dort kennt sie jeden Kamin, jede Heizung. „Ich kann mich zwar schlecht an Namen erinnern, aber die Seriennummer und den Typ einer Heizung vergesse ich nie.”

Die Kontakte zu ihren Kunden pflegt sie gerne. „Die meisten freuen sich, wenn ich zu ihnen komme.” Manche wollen sogar unbedingt, dass die Schornsteinfegerin Gerlinde Zielinski das Neugeborene im Arm hält - des Glückes wegen. Auch das kommt vor.

Sowie etliche Einladungen zu Hochzeiten. Da lässt der Aberglaube grüßen. „Einige denken halt schon, dass wenn man einen Schornsteinfeger berührt, dass das Glück bringt”, erzählt Gerlinde Zielinski. Doch es gibt auch die traurigen Geschichten, die sie von ihren Kunden anvertraut kommt. Von der einsamen Witwe etwa, die ihren Mann vermisst. Oder dass sich eine Frau von ihrem Mann trennen will. „Ich wusste, glaube ich, früher davon, dass sie die Scheidung einreichen will, als ihr Mann.” Die Schornsteinfegerin als Seelsorgerin: „Die Menschen können sicher sein, dass ich so etwas nicht weiter erzähle.”

Sieben Jahre hat sie nicht in ihrem Beruf gearbeitet, der beiden Söhne wegen. „Als ich dann wieder angefangen habe, war das quasi wie eine neue Lehre. Ich musste die aktuellste Feuerungsverodnung lernen, mich auf neue Kehrtermine einstellen.”

Nebenher engagiert sie sich seit vielen Jahren zudem als Übungsleiterin einer Kinderturngruppe für Drei- bis Siebenjährige und als Gymnastiklehrerin. Außerdem spielt sie beim SV Loverich-Floverich Badminton.

„Das erste Mal auf dem Dach, das vergisst man nie. Dieses Gefühl von Freiheit - das habe ich heute noch. Von dort oben sieht alles ganz klein aus.” Und vielleicht ist ja doch etwas dran an dem alten Aberglauben.

Gerlinde Zielinski jedenfalls strahlt jede Menge Glück aus: „Schornsteinfegerin ist ein schöner Beruf. Ich habe nie bereut, ihn ergriffen zu haben. Aber in meinem nächsten Leben da werde ich vielleicht Ballerina oder auch Turnlehrerin.”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert