Gemischte Gefühle: Herzogenrather Schüler besuchen Auschwitz

Von: Holger Bubel
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Ein seltener Schnappschuss: Das Tor mit dem Schriftzug „Arbeit macht frei“ ist weltbekannt. Das Besondere am Foto ist, dass in diesem Moment einmal niemand unter dem Tor steht. Foto: Holger Bubel
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Die Todesfabrik von Auschwitz in Bildern: In stillen Augenblicken hatten die Schüler Zeit, die Eindrücke auf sich wirken zu lassen. Foto: Holger Bubel
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Die Führerin vermittelte den Herzogenrather Schülern viel Faktenwissen – das Grauen blieb dahinter leider verborgen. Foto: Holger Bubel
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Nicht nur die Lager wurden besichtigt. Auch eine Führung durch das historische Oświęcim war Teil eines strammen Programms, das die Schüler absolvierten. Foto: Holger Bubel
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In der Synagoge von Oświęcim setzten die Schüler sich in einem Workshop mit der Geschichte jüdischer Einwohner auseinander. Die Ergebnisse wurden präsentiert. Foto: Holger Bubel
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Auch das ist Auschwitz: Plattenbau. Nicht überall wird man an die Gräueltaten erinnert, die sich in Oświęcim ereignet haben. Abseits der Gedenkstätten nimmt das Leben seinen normalen Verlauf. Foto: Holger Bubel

Herzogenrath/Auschwitz. Es geht munter zu, an diesem sonnigen Nachmittag. Bus an Bus reiht sich auf den weiträumigen Parkplatz, Teenager shakern und flirten miteinander, zwei junge Damen in Hotpants schlendern Richtung Eingang. Die Stimmung ist „aufgeräumt“, könnte man sagen.

Nein, was sich dort mitten in der Woche abspielt, an einem ganz normalen Tag im Mai, da hat sich vor sieben Jahrzehnten noch Grauenhaftes ereignet. Es ist der Eingang zum Stammlager Auschwitz. In diesem und im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, nur wenige Kilometer entfernt, wurden von den Nazis im besetzten Polen rund 1,4 Millionen Menschen – Polen, Juden, Sinti und Roma, Kriegsgefangene, Homosexuelle und Andersdenkende – systematisch gefoltert und umgebracht.

Geförderte Studienfahrt

Mitten unter den Wartenden, die in das Innere des Lagers wollen, ist auch eine Gruppe aus Herzogenrath. 20 Schüler, zwei Studenten, eine Referendarin und ein Lehrer haben sich aufgemacht nach Polen, nach Auschwitz, gefördert von der Stiftung „Erinnern ermöglichen“ und dem Deutsch-Polnischen Jugendwerk.

16 Stunden Busfahrt haben die 18-jährigen Schüler der Q1 der Europagesamtschule Herzogenrath „in den Knochen“. An diesem Tag – so weist es am Abend ein Schrittzähler aus – sind sie 25 Kilometer durch ‎Oświęcim (der polnische Name für Auschwitz, die Polen benennen nur die Lager mit dem deutschen Wort) gelaufen und haben Eindrücke gesammelt.

Bilder ertragbar machen

„Mit diesen Eindrücken werden wir die Schüler aber nicht alleine lassen“, erklärt Thomas Wenge. „In Reflexionsrunden besprechen wir die Bilder vom Tag und machen sie damit ertragbarer.“ Der Geschichts- und Religionslehrer hat die Reise organisiert und seine Schüler auch auf Auschwitz vorbereitet – so gut das eben geht.

Denn das Auschwitz von heute hat mit dem vor 70 Jahren, in dem die unfassbaren Verbrechen verübt wurden – ehrlich gesagt – nur wenig gemein. Was ist noch authentisch, was hat die sieben Jahrzehnte überhaupt noch überdauert? Wo hat die Zeit die Spuren des Verbrechens verwischt?

Zur Vorbereitung auf die Besuche in den Lagern wurde daher den Schülern auch zunächst ein Film über die Befreiung von Stammlager und Birkenau durch Sowjettruppen gezeigt. Die Schüler sind betroffen, die Schultern der gerade erst 18-Jährigen hängen herab beim Betrachten dieses Films aus Schwarz-Weiß-Bildern. Darüber mit den Pädagogen reden möchte im Anschluss aber keiner.

„Mehr erwartet“ von den Lagerbesuchen an den folgenden Tagen hatte sich demnach ein grübelnder Schüler. Er hatte mit mehr „Originalem“ gerechnet und nicht mit einem „Museum“. Allgemein zeigten sich die Schüler anfangs weniger als vielleicht erwartet beeindruckt von den Gedenkstätten, von „kam nicht schlimm rüber“ bis zum Eindruck eines „Ferienausflugs“ wegen der „Massen an Besuchern“.

„Irgendwie wurde man da durch das Lager gejagt. Zeit zum Reflektieren oder Nachdenken hatte man nicht“, brachte ein Schüler zum Ausdruck, was in Gesprächen untereinander häufiger zu hören war. Was nicht zuletzt auch mit der polnischen Führerin der Gruppe, Ewa Pasterak, in Zusammenhang hat stehen können. Sie tat mit monotoner Routine und stark ausgeprägtem Akzent ihre Fakten kund. Seit 30 Jahren führt die Historikerin Besuchergruppen durch das Stammlager und durch Birkenau.

Nicht traurig, aber wütend

Der Führerin gelang es den Schülern dann aber doch, so etwas wie eine Ahnung von dem zu erfahren, was sich an historischer Stätte ereignet hatte. Etwa „in der halben Stunde, die wir für uns hatten“ oder bei einem zweiten Besuch, als die 18-Jährigen auf eigene Faust das Stammlager und die Länderausstellungen zu den Gräueltaten in den Gebäuden besichtigen konnten.

Zu diesen Zeiten waren kaum Besucher in der Gedenkstätte; und Gebäude, Zäune, Gaskammer und Krematorium „wirkten“ auf die jungen Deutschen. In kleinen Grüppchen fanden sie noch die Ruhe, sich mit einzelnen Aspekten des Lagers auseinander zu setzen und zu reflektieren.

Manche drückten auch ihre Empfindungen aus: „Ich bin nicht traurig über das was ich gesehen habe. Aber ich bin unglaublich wütend über die Täter“, bemerkte etwa ein Schüler. „Vieles kannte man von Bildern, Filmen. Aber wenn man den Berg von Haaren sieht, die den Häftlingen abgeschnitten wurden oder die Kinderschuhe und beschrifteten Koffer, mit denen die Menschen im Lager angekommen sind, dann bekommen diese Bilder ein menschliches Antlitz. Das ist sehr bedrückend“, erklärte eine Schülerin. Beklemmung empfanden die meisten beim Betreten der Gaskammer im Stammlager, in der tatsächlich Menschen ermordet wurden.

Die ganz persönlichen Eindrücke haben die Schüler jeder für sich selbst mitgenommen. Verarbeiten konnten sie sie auf der 16-stündigen Heimfahrt von Auschwitz nach Herzogenrath. In einem Projekt haben sie diese zusammengefasst.

Der Öffentlichkeit präsentiert werden sie am kommenden Freitag, 4. Juni, in der Europagesamtschule Herzogenrath.

Hinweis: In einer früheren Version dieses Artikels war für einige Stunden die Formulierung zu lesen, die Schüler hätten das „polnische Vernichtungslager Auschwitz“ besucht. Dies war ein schwerer Fehler, den wir umgehend korrigiert haben und für den wir uns entschuldigen. Das Lager wurde während des Nazi-Besetzung Polens im Zweiten Weltkrieg von Deutschen gebaut und betrieben.

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