Alsdorf - Gedenksteine für die Familie Lucas

Gedenksteine für die Familie Lucas

Von: Elisa Zander
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Sie sahen die Verwüstung der Synagoge in Hoengen mit an: Michael und Sophie Lucas mit ihren Kindern Max und Elfriede (rechts hinten), die nach Argentinien flüchtete. Ruth Lucas (hinten links), eine Nichte von Michael Lucas, emigrierte nach Israel. Foto: Michael Jaffé/Familienbuch Euregio

Alsdorf. Max, Elfriede, Sophie und Michael Lucas lebten in der Schillerstraße in Alsdorf. Im Haus Nummer 33, direkt gegenüber der Synagoge, die man auf das Grundstück baute, das Vater Michael Lucas für die Errichtung stiftete. 14 Jahre später, am 9. November 1938, der Reichspogromnacht, brannte die Synagoge nieder.

Michael und Sophie Lucas standen am Fenster ihres Hauses, versteckt hinter zugezogenen Gardinen. Zwei Männer der Sturmabteilung (SA) bewachten ihre Haustür. Die Lucas‘ sahen zu, wie die Versammelten in der Straße mit Äxten und Vorschlaghämmern in das Gotteshaus stürmten. Thorarollen wurden hinausgeworfen, Kinder traten auf das Pergament, auf das die Gesetze Moses geschrieben waren. Männer kletterten auf das Dach der Synagoge, warfen Dachziegel hinunter, zerschlugen Balken. Erste, schwere Steine fielen hinunter auf die Straße, mit denen Menschen die bunten Fensterscheiben zerschmetterten. Kinder zündeten ein Feuer an, das herumliegende Pergament ging in Flammen auf, setzte Bänke und Türen aus Holz in Brand.

So beschreibt der heute in Tel Aviv lebende Eric Lucas, ein Neffe von Michael und Sophie Lucas, in einem Heimatblatt des Kreises Aachen von 1980 jenen Morgen in der Schillerstraße.

Am 9. und 10. November brannten die Synagogen. Organisierte Schlägertrupps plünderten und zerstörten jüdische Geschäfte, tausende Juden wurden misshandelt und verhaftet, etwa 400 getötet. In diesem Jahr jähren sich die Pogrome, die den Übergang von der Diskriminierung und Ausgrenzung der deutschen Juden zur systematischen Verfolgung und Ermordung markieren, zum 75. Mal.

Verfolgt wurde auch Familie Lucas aus Hoengen. Vor ihrem ehemaligen Haus in der Schillerstraße 33 werden am Samstag, auf Initiative des Arbeitskreises „Wider das Vergessen“, Stolpersteine verlegt. Die Patenschaft dafür hat Dr. Wilhelm Flosdorff übernommen – seine Arztpraxis befindet sich in jenem Haus, das einst den Lucas‘ gehörte.

Die Steine sind eine Erinnerung an Menschen, „die aus unserer Mitte vertrieben wurden“, sagt Heinrich Plum, stellvertretender Bürgermeister. Er recherchiert unter anderem mit Dr. Stephan Saffer und Winfried Grunewald die Lebensgeschichten von jüdischen Familien, die in Alsdorf lebten. „Wir wollen ihnen eine Erinnerung schaffen“, sagt Plum. Eine in Form eines Stolpersteins.

Es ist eine von Künstler Gunter Demnig geschaffene Form, mit der an die Opfer der NS-Zeit erinnert wird. Gedenktafeln aus Messing werden an ihrem letzten selbst gewählten Wohnort ins Trottoir eingelassen. Inzwischen liegen 43 000 Stolpersteine in mehr als 500 Orten Deutschlands und in mehreren Ländern Europas. Bei der ersten Verlegung in Alsdorf war der Künstler selbst vor Ort, mittlerweile übernimmt Bürgermeister Alfred Sonders diese Aufgabe. Alle Stolpersteine konnten über Spenden finanziert werden, auch die für Familie Lucas.

Tochter Elfriede Lucas floh 1939 mit ihrem Mann nach Argentinien. Ihre Eltern und ihr Bruder Max wurden 1942 deportiert. Das Schicksal ihrer Familie wird als „unbekannt“ betitelt – „aber die Vermutung liegt nahe, dass sie in einem Konzentrationslager umgebracht wurden“, sagt Plum.

In der Schillerstraße lebten viele jüdische Familien, insgesamt war die jüdische Gemeinde in Hoengen zu der Zeit sehr stark. „Der Bischof im 16. Jahrhundert war sehr großzügig und forderte die Menschen auf, sich mit ihrer Religion anzusiedeln“, erklärt Dr. Stephan Saffer. Familie Keller etwa, die in Haus Nummer 119 wohnte. Auch sie wurden Opfer der Judenverfolgung.

Sohn Ernst Keller hatte einem Nationalsozialisten Prügel angedroht, nachdem der junge Mann Ernsts Schwester beleidigt hatte. Einige Stunden später wurde er gewarnt, Hoengen schnell und unauffällig zu verlassen. Es gelang ihm die Grenze zu überqueren und sich in Holland zu verstecken. Da war er 23 Jahre alt. Er überlebte. Für ihn und seine Familie sind in der Schillerstraße bereits Stolpersteine verlegt.

„Wenn man ein Gesicht hat, hört die Anonymität des Leidens auf“, sagt Heinrich Plum. Mit den Stolpersteinen und seiner Arbeit trägt der Arbeitskreis dazu bei.

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