Gedenkfeier zur Pogromnacht: An jüdische Wissenschaftler erinnert

Von: ehg
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Sie gestalteten die Gedenkstunde: (v.l.) Rolf Rüland, Priesteranwärter Dr. Dennis Rokitta, Pfarrer Rainer Gattys und Ulrike Strüder. Foto: Sevenich

Würselen. Die Menora (Leuchter) steht auf dem Altar, sieben Kerzen brennen und Steine liegen in einem Korb. In der Kirche St. Sebastian ist alles wohl bestellt für eine würdige Gedenkstunde für alle Opfer der nationalsozialistischen Gräueltaten anlässlich der Pogromnacht am 9. November 1938.

Wie Pfarrer Rainer Gattys in der Gedenkstunde des christlich-jüdischen Arbeitskreises aufzeigte, machte der Rassenwahn vor nichts halt: weder vor Geschäften, Wohnungen, Gotteshäusern, der Kunst, nichts war mehr heilig, auch die Friedhöfe wurden geschändet, die Namen ausgelöscht, die Steine umgestürzt. Nichts sollte einmal mehr an die über 1000-jährige Kultur der Juden in unserem Land erinnern.

Vorher schon hätten Künstler, Musiker, Schauspieler und Wissenschafter das Deutsche Reich verlassen müssen. Deutschland, die einst führende Wissenschaftsnation, sei in das Mittelmaß zurückgefallen. Von diesem Aderlass habe sie sich erst nach Jahrzehnten halbwegs erholen können.

An drei Beispielen wurde in der Gedenkstunde veranschaulicht, wie diese schlimme Entwicklung ablief. Rolf Rüland begann mit Theodore von Kármán, der am 11. Mai 1881 im damals österreichisch-ungarischen Budapest geboren wurde. Nach seinen Studien der Ingenieur-Wissenschaften und seiner Promotion in Göttingen folgte er 1913 dem Ruf an die „Königlich Rheinisch-Westfälische Polytechnische Schule“ in Aachen, heute RWTH Aachen.

Im Frühjahr 1933 teilte ein sogenannter Denunzianten-Ausschuss der Hochschule mit, welcher der Dozenten und Professoren nicht arischer Abstimmung war. Kármán wurde 1934 aus dem Staatsdienst entlassen. In Pasadena (Kalifornien) gründete er das „Jet Propulsion Laboratory“, beriet die US-Airforce, baute eine Luftfahrt-Forschungseinrichtung der späteren Nato auf und entwickelte die „Airjet General Corporation“, ein weltweit führender Hersteller der Raketen-Technologie. Bis heute gilt Kármán als einer der Väter der Aerodynamik. Er starb am 7. Mai 1963 während einer Kur in Aachen.

Ulrike Strüder gewährte Einblicke in das Schicksal der am 14. Oktober 1906 in Hannover-Linden geborenen deutsch-jüdischen Historikerin und politischen Philosophin Hannah Arendt. Vor dem Nationalsozialismus flüchtete sie 1933 aus Deutschland. Sie studierte in Marburg und Heidelberg bei Heidegger, Husserl und Jaspers Philosophie und promovierte bei Jaspers über das Thema „Der Liebesbegriff bei Augustin“. Martin Heidegger habe später bekannt, dass die junge, brillante Studentin die Inspiration für sein Buch „Sein und Zeit“ gewesen sei.

Die Bekanntschaft mit ihrem späteren Mann Heinrich Blücher, ein in Deutschland verfolgter Journalist und KPD-Mitglied, regte sie an, sich mit politischer Theorie und Marxismus auseinander zu setzen. Die Summe ihres Nachdenkens legte sie in dem dreibändigen Werk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ nieder.

Nach großen Anfangsschwierigkeiten arbeitete sie nach ihrer Flucht von Paris über Lissabon in New York als Journalistin und wurde Cheflektorin in einem großen Verlag. Schon bald machte sie sich als politische Philosophin in den USA einen Namen. Die Wiederbegegnung mit Deutschland 1949/50 erfüllte sie mit Trauer. Empfand sie doch den Mangel an politischer Aufarbeitung der vergangenen Ereignisse erschreckend.

Dem am 23. März 1900 in Frankfurt geborenen Erich Fromm, der in einer streng religiösen jüdischen Familie aufwuchs, widmete sich Pfarrer Gattys. Nach der Machtergreifung Hitlers verließ er das nationalsozialistische Deutschland, zog zunächst nach Genf und emigrierte im Mai 1934 in die Vereinigten Staaten, wo er an der Columbia Universität in New York tätig war. 1950 übersiedelte er nach Mexiko-Stadt, wo seine Frau Henny plötzlich verstarb. Schon 1957 beteiligte er sich an der amerikanischen Friedensbewegung, was zu einer Überwachung durch das FBI führte. 1965 erfolgte seine Emeritierung. Er übersiedelte daraufhin nach Muralto im Tessin (Schweiz). Nachdem er mehrere Herzinfarkte erlitten hatte, verstarb er dort.

Erich Fromm gilt als einer der bedeutendsten Humanisten und Psychoanalytiker des 20. Jahrhunderts. Da die 23 von den Nazis ermordeten Würselener Juden kein Grab haben, wurde ihrer gedacht, indem je ein Stein auf den Altar gelegt wurde. Priesteranwärter Dr. Dennis Rokitta sprach auf Hebräisch ein Friedensgebet.

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