Gänseproblem im Tierpark Alsdorf: „Wir werden nicht mehr Herr der Lage“

Von: Marie Eckert
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Bevor die meisten Besucher kommen, tummeln sich zahlreiche Wildgänse im Rotwildgehege und zupfen Gras. Später am Tag wandern sie in den Eingangsbereich. Foto: Marie Eckert
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Das Wasser im Floßteich ist sauber, da es komplett gewechselt und die Becken gereinigt wurden. In wenigen Tagen könnte das wieder anders aussehen, befürchten Tierpfleger Richard Wind (l.) und Parkchef Stefan Heffels. Foto: Marie Eckert

Alsdorf. „Wir machen im Tierpark jeden Tag sauber, aber wir kommen einfach nicht mehr hinterher.“ Mit den Händen in den Taschen seiner braunen Arbeitshose steht Stefan Heffels im Alsdorfer Tierpark. Der Tierparkleiter blickt frustriert auf den Fußweg neben dem Rotwildgehege: Gänsekot, so weit das Auge reicht.

Im Rotwildgehege tummeln sich derweil locker 50 Gänse, andere überqueren den Fußweg, eine weitere Gruppe zupft Gras am Wasser auf der gegenüberliegenden Seite. „Wir werden nicht mehr Herr der Lage.“

Die Gänse, das sind wilde Tiere, vor allem sogenannte Kanadagänse, die vor ungefähr 300 Jahren nach Deutschland gekommen sind. Auch Nonnengänse mit schwarz-weißem Gefieder sind dabei. Menschenscheuheit? Fehlanzeige. Schon am Parkplatz und am Eingang des Parks stehen kleine Gruppen der gefiederten Tiere und fressen Gras. „Das tun die eigentlich den ganzen Tag – Kopf runter und zupfen“, sagt Heffels.

Das ist aber nicht das eigentliche Problem. Denn irgendwann im Herbst, so Heffels, wäre natürlicherweise nicht mehr genug Futter da und die Tiere würden weiterziehen.

Wie so oft greift auch im Alsdorfer Tierpark der Mensch in die Natur ein, und zwar in Form von mitgebrachtem Futter. Brot, Chips, Popcorn, Süßigkeiten – die Liste, die Heffels aufzählt, scheint endlos. Daraus entstehen mehrere Probleme, das offensichtlichste: Der ganze Park ist mit Gänsekot verschmutzt, von Fußwegen über die Wiesen bis zu dem Floßteich, in dem sich die Kinder im Sommer eigentlich gern ihre Füße abkühlen.

Tierpfleger Richard Wind kann von den Risiken, die das unerlaubte Füttern mit sich bringt, ein Lied singen. Unerlaubt deswegen, weil im ganzen Park Schilder aufgestellt sind, die das Füttern ausdrücklich verbieten. Auf einigen von ihnen sind sogar tote Enten abgebildet – bisher nicht mit dem Erfolg, den der Park sich wünscht.

Ein Problem ist zum Beispiel das, was die Besucher vielleicht niedlich finden mögen: Die Tiere verlieren ihre Scheu. „Das ist aber Angst, die sie brauchen, da sie wilde Fluchttiere sind“, erklärt Wind. Auch der Instinkt, Futter zu suchen, gehe verloren, genauso wie Nährstoffe, die die Tiere eigentlich brauchten. Auch würden die Gänse wegen des Futterüberschusses oft zweimal jährlich Eier legen, viele überständen dann aber den Winter nicht. „Wenn man von 50 erwachsenen Gänsepaaren ausgeht, kommen über das Jahr dann locker zwischen 600 und 800 Jungtiere dazu“, sagt Wind.

Mit diesen Dimensionen im Kopf und mit dem Fakt, dass, so sagt Wind, eine Gans pro Tag mehrere Kilo Kot absetzt, wird das Problem im Tierpark sehr greifbar. Dazu kommt, dass überfütterte Tiere krankheitsanfälliger sind. Vor zwei Jahren gab es in Alsdorf eine regelrechte Epidemie mit rund 150 toten Tieren innerhalb von zwei Wochen.

„Brot im Wasser führt zu einem zu niedrigen Sauerstoffgehalt und das wiederum zu Algen“, betont Wind. Über das Wasser verbreiten sich Bakterien dann gerade im Sommer sehr leicht, noch schlimmer wird es, wenn Gänse im Gewässer sterben. „Das kann für alle Wild- und Tierparkvögel gefährlich werden, ebenso für Menschen, insbesondere für Kleinkinder“, betont Wind mit Nachdruck.

Das „Gänseproblem“ gibt es aktuell deutschlandweit. Dagegen vorzugehen, ist schwierig, sagt Heffels. „Die einzige Möglichkeit, das in den Griff zu bekommen, ist, die Tiere nicht zu füttern.“

Der Alsdorfer Tierpark erfreue sich einer wachsenden Besucherzahl – das bedeute aber auch, dass mehr Menschen unerlaubt füttern. „Gegen 17 Uhr setzen sich alle Kanadagänse in Bewegung Richtung Ausgang, weil sie wissen, dass dort Besucher kommen, die sie füttern.

„Die Leute meinen es zwar gut, aber wir versuchen, ihnen zu erklären, warum es das nicht ist.“ Würden die Menschen aufhören, unerlaubt zu füttern, würden die Tiere auf den Rasenflächen beim Rotwildgehege bleiben – und den Park eben irgendwann verlassen, so, wie es die Natur vorgesehen hat.

Es ist ein Kreislauf, aus dem der Tierpark aus eigener Kraft nicht herauskommt. Das Füttern der Gänse birgt Risiken und führt zu mehr Gänsekot, die Besucher wiederum beschweren sich über die Verschmutzungen. Auf der Wiese am Floßteich etwa ist es deshalb inzwischen unmöglich, die Picknickdecke auszubreiten – und das, obwohl dort jeden Morgen saubergemacht wird.

Auch die Fußwege fordern mitunter akrobatische Meisterleistungen von den Besuchern ab, die nicht in Gänsekot treten möchten.

Für Kinder, die die Tiere gern mit Leckereien verwöhnen möchten, gibt es am Eingang für einen Euro Päckchen mit Futter. Das besteht aus gepresstem Heu, ist also für die Paarhufer absolut unbedenklich und für die Gänse uninteressant. „Den Rest der Fütterung übernehmen wir, ausgebildete Tierpfleger“, betont Wind.

Es passiere immer häufiger, dass ein Tierpfleger morgens im Gehege ein an Koliken sterbendes Tier vorfindet – erst vor vier Wochen musste der zehnjährige Rothirsch eingeschläfert werden, bevor er qualvoll verendet wäre. Er hat, so Heffels, die Plastikverpackung eines Brotes mitgefressen.

Im Moment ist der Floßteich sauber, das Wasser komplett ausgetauscht und das Gebiet rundherum mit einem Hochdruckreiniger gesäubert. Zwei Tage hat das gedauert, sagt Heffels. Das wird aber nicht lange so bleiben – zumindest, wenn Besucher die zweifelsohne putzigen Gänse weiter unerlaubt füttern.

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