Furcht vor Verlust von Betreuungsqualität

Von: Elisa Zander
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Pädagogisch sinnvolle Förder
Pädagogisch sinnvolle Förderung: Kinder in U3-Gruppen brauchen eine besondere Betreuung durch speziell geschulte Fachkräfte. Foto: Elisa Zander

Nordkreis. Es ist halb zehn Uhr morgens. Im Rabennest ist es verdächtig ruhig. Frühstückszeit! An zwei Tischen sitzen verteilt die Kinder und lassen sich Wurst- und Käsebrote schmecken, dazu gibt es Apfelschnitze. Während sich die „Großen” ihr Frühstücksbrot schon selbst schmieren, bekommen die Kleineren Unterstützung.

An speziellen hohen Tischen, die an die Größe der Hochstühle und -bänke angepasst sind, sitzen sechs Kinder unter drei Jahren, die von der Erzieherin betreut werden. Es sind zeitintensive aber enorm wichtige Rituale, diese gemeinsamen, regelmäßigen Essenszeiten.

Dass diese vielleicht einmal nicht mehr in dieser Form stattfinden können, will Lena Rongen, Leiterin des AWO-Familienzentrums Helene-Simon in Herzogenrath, nicht erleben. Doch es könnte eine Folge des Vorschlags des jüngsten „Krippengipfels” sein, die Zahl der Kinder unter drei Jahren künftig von zehn auf 15 in einer Gruppe zu erhöhen. Würde dies umgesetzt, wäre der Domino-Effekt an Auswirkungen kaum aufzuhalten.

In der Kita an der Forensberger Straße werden derzeit 23 U3-Kinder betreut. „Wir würden auch mehr nehmen”, sagt Rongen. Sie findet die Entwicklung hin zu mehr Plätzen richtig und zeitgemäß. „Aber das Platz- und Raumangebot muss stimmen. Und das können wir für mehr U3-Kinder leider nicht bieten.”

Beispielsweise für die Betten der Kinder, die in mehreren Räumen untergebracht sind. Die Kapazität reicht gerade. Würde man die U3-Plätze ausbauen, müssten auch mehr Schlafplätze geschaffen werden, „ohne dass das in einen Schlafsaal ausartet, der in der Mehrzweckhalle eingerichtet ist”.

Denn die ist da, um dem Bewegungsdrang der Kinder gerecht zu werden. „Gerade Kinder unter drei Jahren, die zum Teil krabbeln und nicht sicher im Gehen sind, brauchen mehr und gesicherten Raum, in dem sie sich bewegen können.” Dabei bestehe ein Auftrag der Kitas darin, „Kindern in der Motorik Hilfestellung zu geben. Das wäre dann aber kaum noch möglich.”

Mit der Innenraumproblematik einher geht die Diskussion um die Freifläche. Der Krippengipfel hat beschlossen, die offizielle Empfehlung für die Größe der Außenflächen von Kitas von derzeit 300 Quadratmeter pro Gruppe auf 10 bis 12 Quadratmeter pro Kind festzulegen. Speziell Neubauten im Stadtgebiet sollen so ermöglicht werden.

„In der Kita Helene-Simon haben wir das Glück, einen sehr großen Außenbereich zu haben”, sagt Lena Rongen. Die Folgen dessen, dass gerade dieser Teil künftig bei anderen Häusern reduziert werden könnte, sind in den Augen der Leiterin verheerend: „Wenn ich Kindern die Bewegung nehme, äußert sich das. Etwa in Aggression, oder es zieht sich zurück, das nächste wird übergewichtig. Wir können die Kinder nicht immer weiter einengen. Sowohl drinnen als auch draußen müssen wir das Platzangebot der wachsenden Nachfrage anpassen.”

NRW-Familienministerin Ute Schäfer hat konstatiert, dass die Qualität der Kitas nicht leiden soll. Doch selbst wenn das Platzangebot im Sinne der Kinder geregelt werden würde, bleibt immer noch die Frage nach geeignetem Personal. Der Fachkräftemangel im Erzieherberuf ist nicht neu.

Rongen: „Und wenn das Gehalt nicht aufgestockt wird und die Belastungen hoch bleiben, wird die Attraktivität nicht steigen.” In einigen Städten werden bereits Studiengänge für Erzieher angeboten. Ein Schritt in die richtige Richtung, wie Lena Rongen findet. Ob die Lehre in gängiger Ausbildungs- oder Studienform vermittelt wird, findet sie aber zweitrangig. „Wichtig ist, dass die Inhalte an die veränderten Anforderungen angepasst werden.”

Schon vor Jahrzehnten gab es die Form der Ausbildung, die sich auf die Betreuung von Kindern von drei bis sechs Jahren spezialisierte. Heute müssen auch noch Inhalte für Kinder zwischen vier Monaten und drei Jahren thematisiert werden. „Da kann man nicht von der gleichen Qualität reden.”

Über den Vorschlag von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen, Arbeitssuchende in Schnellverfahren zu Kita-Fachkräften umzuschulen, kann die Leiterin nur den Kopf schütteln. „Vor Jahren kam die Diskussion auf, eine bessere Erzieher-Ausbildung zu etablieren. Jetzt gehen wir große Schritte zurück in der Pädagogik, weil Dinge übers Knie gebrochen werden auf Kosten der Kinder.”

Speziell die unter Dreijährigen bräuchten oft mehr Zuwendung und Förderung als die älteren Kindergartenkinder, weiß die Expertin. Einzelförderung und Pflegeaspekte, umgesetzt auf pädagogisch sinnvolle Weise, sollten weiterhin fokussiert werden. Denn darauf und „nicht auf Verwahrung” sollte bei der „Zukunft der Gesellschaft” Wert gelegt werden.
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