Für Hebammen fehlt immer noch die Planungssicherheit

Von: Beatrix Oprée
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„Die Mitarbeiterinnen von „Rundum“ sind Engel ohne Flügel“, sagt Nicole Kerres (36). Nach einer Fehlgeburt ist sie zum zweiten Mal schwanger. Die Angst vor erneuten Komplikationen lässt sie nicht los. „Doch im Hebammen-Familienzentrum kann ich jederzeit anrufen, sofort wird in die Wege geleitet, dass ich Hilfe bekomme.“ Diese seelische Betreuung sei ihr besonders wichtig, sagt die werdende Mutter. „Ich habe zwar auch eine gute Gynäkologin, aber die hat nicht so viel Zeit, um sich mir über medizinische Dinge hinaus zu widmen.“ Foto: B. Oprée

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Rund um die Uhr im Einsatz: Anja Bartels (41) hat vor 20 Jahren ihr Examen als Hebamme gemacht und arbeitet seit 1995 freiberuflich. Vor acht Jahren übernahm sie das Hebammen-Familienzentrum und hat zusammen mit ihrem engagierten Team viel Energie und Arbeitskraft eingesetzt, um die Einrichtung zu dem zu machen, was sie heute ist. Fünf Hebammen arbeiten hier, dazu fünf Erzieherinnen, eine Arzthelferin und eine Sportlehrerin. Foto: B. Oprée

Herzogenrath. „Hebammen und Krankenkassen einigen sich“ – auf diese Schlagzeile hatten viele Vertreterinnen des Berufsstandes gewartet. Die Haftpflichtbeiträge für Hebammen sind schwindelerregend gestiegen, so dass viele ihren Beruf aufgeben mussten.

Gründe sind gestiegene Kosten für Therapien und andere Aufwendungen für Kinder, die bei der Geburt Schäden erlitten. Aufgrund des medizinischen Fortschritts ist die Lebenserwartung Geschädigter gestiegen, Sozialversicherungsträger und Rentenversicherer erheben ebenfalls Regressansprüche. Nach langem Tauziehen hat der Deutsche Hebammenverband (DHV) jetzt ein Angebot der Krankenkassen auf finanziellen Ausgleich für die hohen Haftpflichtprämien akzeptiert.

Doch für viele Hebammen, unter ihnen die Mitarbeiterinnen der größten freiberuflichen Hebammenpraxis in der Städteregion Aachen, das Hebammen-Familienzentrum (HFZ) „rundum“ an der Kaiserstraße in Kohlscheid, ist dieser Kompromiss keine Lösung. „Rundum“ droht dennoch die Schließung. Im Gespräch mit unserer Zeitung erläutert Inhaberin Anja Bartels die Gründe:

Eigentlich sind Sie aus Überzeugung Hebamme geworden ...

Anja Bartels: Ich bin 1994 kurz vor meinem Examen an der Uni-Frauenklinik Bonn durch ein Externat bei einer freiberuflichen Aachener Beleg- und Hausgeburtshebamme in den Bann der 1:1-Betreuung einer Gebärenden gezogen worden. Das individuelle, von beiden Seiten vertrauensvolle Arbeiten in Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett erfüllt mich mit Freude und Stolz auf „meine“ Familien. Meiner Überzeugung nach liegt Sicherheit für eine natürliche, wo auch immer stattfindende Geburt in einem hohen Personalschlüssel und zugewandtem Fachpersonal. Diese oft turbulente Zeit der Familienwerdung begleiten zu können und das Neugeborene behutsam in die Arme der Eltern zu lotsen, sichert mir meine Berufszufriedenheit. Nun gehört die betriebswirtschaftliche und berufspolitische Seite meines Berufes mittlerweile überdeutlich zu meinem Alltag und ist für mich als reinem Handwerker nur schwer zu bewältigen.

Jetzt gerät Ihr Lebenswerk ins Wanken ...

Bartels: Das HFZ „rundum“ ist in Zusammenarbeit mit meinen Kolleginnen in den vergangenen Jahren stetig und gesund gewachsen. Wir sind das ganze Jahr zu 120 Prozent ausgelastet, so dass wir eine zeitnahe Erweiterung unserer Praxis- und Kursräume in Betracht gezogen hatten. Wir platzen am jetzigen Standort aus allen Nähten. Als Hebamme und Einzelunternehmerin muss ich jedoch längerfristige Mietverträge und die Bindung an meine Angestellten verantwortungsvoll beachten. Es gibt immer noch keine Anschlussversicherung ab 2016 für das ganze Spektrum der Hebammenarbeit. Also keinerlei Planungssicherheit. Niemand weiß, ob es diese Anschlussversicherung für den Hebammenstand und die Geburtshilfe geben wird und was diese dann kostet. Der Ausgleich der Krankenkassen wird dies bei weitem nicht decken. Daher ist das wirtschaftliche Risiko für mich zu groß.

Wie viele Frauen betreuen Sie im Jahr? Zu welchem Entgelt?

Bartels: Wir betreuen im häuslichen Umfeld konstant 250 Familien im Kreis Aachen mit Schwerpunkt Herzogenrath. Noch einmal rund 300 sind es im Kurswesen. Unser Berufsverband geht von einem durchschnittlichen Stundenlohn für eine freiberufliche Hebamme von rund 8 Euro aus.

Geburten nehmen Sie nicht mehr vor. Wie kam es dazu?

Bartels: Im Frühling hatten wir die letzten Geburten. Ich habe immer in Vollzeit freiberuflich mit intensiver Dauerrufbereitschaft gearbeitet. Der Hauptteil meiner Kolleginnen kann jedoch nur Teilzeit arbeiten. Um die Wirtschaftlichkeit in der Freiberuflichkeit herzustellen, brauchen sie eine zu hohe Anzahl an zu betreuenden Frauen im Monat. Ich arbeite konstant 70 Stunden und mehr in der Woche. Die Betriebskosten sind in Voll- oder Teilzeit gleich. Nur nicht die Einnahmen. Für Hebammen, die nur wenige Stunden arbeiten können, geht das schnell in den wirtschaftlichen „Hobbybereich“. Geburtshilfe ist vom Zeitaufwand nicht planbar. Eine Vertretung für eine durchgeschlafene Nacht oder ein freies Wochenende könnte die Wirtschaftlichkeit nie erreichen. Ich bin wütend darüber, dass uns Freiberuflerinnen der wichtigste Bereich, nämlich die Geburtshilfe, langsam entzogen wird. So brauchen wir über die gesetzlich verankerte Hinzuziehungspflicht einer Hebamme zu jeder Geburt nicht mehr lange zu diskutieren. Es gibt jetzt schon zu wenige aktiv arbeitende Hebammen.

Mit welcher Begründung hat die Versicherung gekündigt?

Bartels: Die kleine Berufsgruppe der Hebammen kann über ihre Beiträge die Schadenssummen nicht erwirtschaften, ist somit kein lukrativer Partner für Versicherungen. Hebammen generell ist daher für die freiberufliche Betreuung gekündigt worden – das sind auch Stillbetreuung und Wochenbettpflege etc. Für Haftpflichtversicherer ist die Geburtshilfe ein schwer zu kalkulierendes Risikogeschäft. Betroffene Familien können noch Jahrzehnte Ansprüche in Millionenhöhe geltend machen. Dies betrifft übrigens nicht nur für freiberufliche Hebammen in der außerklinischen Geburtshilfe. Wir sind nur der erste Berufsstand, der diesem bedrohlichen strukturellen Problem in der Absicherung der Geburtshelfer zum Opfer fällt. Haftpflichtschäden in der Geburtshilfe gehören zum Teuersten im Versicherungswesen. Dabei steht außer Frage, dass geschädigten Kindern oder Müttern jede Unterstützung zusteht.

Die Betreuung Schwangerer ist wichtig. Was umfasst Ihr Angebot?

Bartels: Wir können unser Angebot mit dem Feststellen der Schwangerschaft beginnen, mit dem ersten Herzton. Hebammenleistung ist noch eine Kassenleistung. Jede werdende Mutter entscheidet selbst, wie intensiv sie betreut werden möchte. Jede Schwangere ist willkommen. Eine Familienhebamme rundet unser Angebot ab. Schwangerenvorsorge und die Betreuung auch schwieriger Schwangerschaftsverläufe ist unser tägliches Brot. Wir stellen der Schwangeren eine Hebamme als Ansprechpartnerin zur Seite und sind im Team 365 Tage im Jahr erreichbar. Nach der Geburt an unterschiedlichsten Geburtsorten betreut die Hebamme das häusliche Wochenbett. Unser Kurswesen umfasst Schwangerschaftsgymnastik, Geburtsvorbereitung, Yoga für Schwangere, Trageberatung, Wochenbettgymnastik, Zumba, Pilates und Spielgruppen für Säuglinge sowie Beikostkurse.

Was fordern Sie, damit der Hebammenberuf gerettet werden kann?

Bartels: Dieses strukturelle Problem bedarf einer generellen politischen Lösung. Wir dürfen die Absicherung von Grundbedürfnissen wie Geburt nicht der freien Marktwirtschaft überlassen. Es ist erwiesen, dass eine kontinuierliche und vertrauensvolle Betreuung der Gebärenden die mütterliche und kindliche Gesundheit fördert und Komplikationen verhindert sowie eine absurd hohe Kaiserschnittrate senken kann. Schon aus diesem Grund müsste es eine Stärkung des Berufsbilds geben. Prävention verhindert hohe Folgekosten und unnötige Behandlungen. Im Moment scheint sich jedoch eine intensive Apparatemedizin und hohe Operationsbereitschaft zu lohnen! Steht die Wirtschaftlichkeit einer Praxis und Klinik auch über den Bedürfnissen der Patienten nach menschlich zugewandter Pflege? Nicht nur der Hebammenstand hat das Problem, dass die tatsächlich nötige Betreuungszeit in keinem Verhältnis zum Honorar steht. Ich sehe auch Kinder- und Frauenärzte unter hohem Druck. Die Diskussion dieser Problematik durch eine breite Öffentlichkeit begrüße ich sehr und freue mich über das Engagement und den Kampfesmut unserer Familien.

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