Alsdorf - Fünf Leser tragen „Unser Herz für Lampedusa“ im Alsdorfer Cinetower vor

Fünf Leser tragen „Unser Herz für Lampedusa“ im Alsdorfer Cinetower vor

Von: Yannick Longerich
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Ein Gedenkkranz für die Opfer: Vor der italienischen Insel Lampedusa werfen am 5. Oktober 2013 lokale Fischer und Seeleute Blumen ins Meer, um ihre Anteilnahme für die fast 400 Ertrunkenen aus Afrika zu zeigen. Foto: dpa
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Eindringliche Stille: Das Publikum im Alsdorfer O-Club hört gebannt den Lesern zu, die abwechselnd die Erinnerungen vieler überlebender Flüchtlinge der Lampedusa-Tragödie vom 3. Oktober 2013 vorlesen. Fotos (6): Yannick Longerich Foto: Yannick Longerich

Alsdorf. Meeresrauschen hallt aus dem Lautsprecher. Der Projektor wirft einen traumhaften Küstenabschnitt Lampedusas auf die Wand hinter den fünf jungen Menschen auf der Bühne. Das Tor von Lampedusa thront über dem Meer – Pforte Europas, Mahnmal des Verderbens.

Das Meeresrauschen verstummt und Patrick Gredzinski richtet als erster der fünf Leser sein Wort ans Publikum. Durch seine Stimme kommt ein italienischer Fischer zu Wort und erzählt nun seine Erlebnisse des 3. Oktobers 2013, einem Morgen, an dem das kristallklare Wasser vor der Insel voll ist von Menschen, die um Hilfe schreien, von Menschen, die kurz vor dem Ertrinken stehen.

Was dann geschieht, wirkt so unwirklich: Verzweifelte Fischer mit ihren Booten, nicht größer als ein Kleinwagen, zerren so viele Überlebende wie nur möglich aus dem Wasser. Es stinkt nach verbranntem Öl und Benzin. Ein paar hundert Meter weiter berstet das qualmende Flüchtlingsboot an einem Riff.

Fischer selbst waren in Gefahr

„Wir haben einen nach dem anderen aus dem Wasser in unser winziges Boot gezogen, auch wenn wir bereits selbst zu kentern drohten“, wird der italienische Fischer Dominico zitiert. „Alle wollten gleichzeitig hinein. Ich konnte jedoch immer nur einen hochziehen, immer mit dem Wissen, dass für den Nächsten die Hilfe zu spät kommen könnte. Es war fast so, als wäre ich für einen Moment lang Gott. Ich müsse entscheiden wer lebt – und wer stirbt“, heißt es weiter.

Gredzinski und seine Kollegen Nina und Lisa Dziwisch, Orhan Ersoy und Aynur Karakaruk sind trotz ihrer Plätze auf der Bühne selbst Teil des Auditoriums. Auch sie lesen und hören die beklemmenden Geschichten der Augenzeugen Lampedusas heute zum ersten Mal. Das Skript haben sie von der Arbeitsgruppe „Unser Herz schlägt für Lampedusa“ aus Hannover bekommen. Die Texte wurden vom Italiener Antinio Umberto zusammengetragen, die musikalische Begleitung stammt von seinem Landsmann Francesco Impastato.

Eine gute Stunde dauert die szenische Lesung, untermalt von Musik, die die beklemmende Stimmung untermalt. Das Publikum ist vollständig in ihren Bann gezogen. Die zentrale Frage bleibt bei dem Stück unbeantwortet: Wo war Europa an diesem Morgen des 3. Oktobers vor der Küste Lampedusas?

Im Rahmen der achten internationalen Woche gegen Rassismus hatte der Bezirk Alsdorf der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie (IGBCE) zur Lesung geladen. Moderator Bulkan Ersoy, der Vorsitzende des Interkulturellen Arbeitskreises der IGBCE, erläutert: „Die IGBCE ist natürlich sehr interessiert in der Flüchtlingsfrage. Der interkulturelle Arbeitskreis, der Jugendverband und die Frauenorganisation hatten parallele Ideen, die im Vorfeld der heutigen Veranstaltung zusammengeführt wurden. Fortan haben wir gemeinsam den heutigen Abend vorbereitet.“

Gesprächsrunde im Anschluss

Die Organisation der Gewerkschaft hat dem Thema im „O-Club“ des Alsdorfer Cinetowers nun Raum gegeben. Ersoy und sein Kollege Jörg Erkens, der seit 2014 politischer Sekretär der IGBCE ist, wollten den Gästen zusätzlich zur intensiven Leseerfahrung die Möglichkeit zur einer politischen Gesprächsrunde geben. Angeregt vom gerade Gehörten, begann im Anschluss eine mit Herzblut geführte Diskussion unter der Leitung Ersoys. Vertreter der Kommunalpolitik, aber auch die Bürger sprachen angeregt über das, was sie unmittelbar nach der Lesung beschäftigte. Sie waren sich einig, dass das Recht auf körperliche Unversehrtheit und Asyl durch nichts untergraben werden dürfe.

Am Ende eines Abends voller Emotionen, Beklemmung, aber auch Aufbruchsstimmung hallte vor allem ein Zitat des ehemaligen Bundesinnenministers Hans-Peter Friedrich (CSU) aus dem Jahr 2013 nach, in welchem er kurz und bündig zur damals geplanten Neuausrichtung der europäischen Flüchtlingspolitik Stellung bezog: „Dublin II bleibt unverändert, selbstverständlich.“ In der aktuellen „Dublin III-Verordnung“ ist wie im Vorgängermodell festgehalten, dass für die Unterbringung und Asylverfahren von Flüchtlingen jeweils das Land zuständig ist, in dem dieser die EU erreicht hat.

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