Baesweiler - Fred Michels erzählt eine ganz besondere Geschichte

Fred Michels erzählt eine ganz besondere Geschichte

Von: Karl Stüber
Letzte Aktualisierung:
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Bestimmt kein Märchen zu Weihnachten: Fred Michels liest Enkel Jakob aus seinen Erinnerungen vor. Foto: Martin Michels

Baesweiler. Dass Großeltern zu Weihnachten ihren Enkeln Geschichten erzählen, um die Zeit bis zur Bescherung zu überbrücken, ist Tradition. Zumeist handelt es sich um Märchen der Gebrüder Grimm oder dergleichen mehr – insofern es gelingt, die lieben Kleinen von der Playstation loszueisen.

Im Hause von Fred Michels ist das kein Problem. Der 80-jährige Baesweiler hat weitaus mehr als nur Märchen zu bieten. Schon in der Jugend hat Michels Tagebuch geführt. Mittlerweile hat er sein abwechslungsreiches Leben in vier Bänden auf 1500 Seiten zu Papier gebracht – inklusive rund 600 Illustrationen, zumeist Fotos. Der Titel lautet: „Mein bewegtes Leben“. Das ist bewusst mehrdeutig gewählt. Der Stuckateurmeister Michels ist nicht nur beruflich viel unterwegs gewesen, sondern hat auch als Reise- und Wanderführer viel erlebt.

Mag sein, dass manches darunter ist, das märchenhaft anmutet, wahr ist es aber allemal, wie Michels betont. So auch die Geschichte über das erste Weihnachtsfest, das Fred Michels als Zehnjähriger nach dem Zweiten Weltkrieg und nach Rückkehr aus der Evakuierung im Haus seiner Eltern feierte. Da liegt es nah, nach 70 Jahren genau diese Geschichte dem nun ebenfalls zehnjährigen Enkel Jakob vorzulesen.

Und die geht so: Auf abenteuerliche Weise kehrt der kleine Fred mit seiner Familie aus Altmark in der russischen Besatzungszone im Oktober 1945 nach Baesweiler zurück. Die Nachricht per Brief, das Haus an der Siersdorfer Straße sei schwer zerstört, wird vor Ort leider bestätigt. Ein deutsches Artilleriegeschoss war eingeschlagen. Rund 70 Prozent des Gebäudes sind zerstört.

Die Familie kommt zunächst in der Gaststätte Braun unter, wohnt dort „auf der Kegelbahn“ und in dem angrenzenden Gesellschaftsraum. Da Michels‘ Vater, der im Krieg als Sanitäter diente, auf der Zeche Carolus Magnus sogleich eine Anstellung als Heilgehilfe erhält und auf diese Weise nicht nur an Deputatkohle, sondern auch an Dachziegel gelangt, laufen mit Hilfe eines befreundeten Maurers, der eigentlich schon längst im Ruhestand ist, die Reparaturarbeiten an. Der kleine Fred hilft nach flottem Erledigen der Hausaufgaben kräftig mit. Ziegelsteine werden geborgen und von Mörtel befreit.

Zement ist knapp, Sand und Kalk sind eher zu bekommen. Für Klein-Fred und seine Schwestern ist die Zeit ein großes Abenteuer, wenngleich Lebensmittel knapp sind und das öffentliche Leben nur mühsam wieder in Gang kommt. Der große Bruder kehrt zum Glück schnell aus britischer Kriegsgefangenschaft heim. Das Haus wird wieder bewohnbar gemacht. Das Weihnachtsfest 1946 rückt näher.

Mutter Michels gibt ihrem Mann den Auftrag: „Ja Papp, wo kriegen wir denn ne Weihnachtsboom her?“ Eigentlich ein (relatives) Luxusproblem. Anschaulich beschreibt Fred Michels in seinen Erinnerungen, wie viele andere Zeitgenossen um das Nötigste ringen müssen. Ein Beleg dafür ist der „Hamsterzug“ der Kreisbahn. Die Bahnstrecke führt direkt hinter dem Haus der Eltern vorbei.

Klein-Fred meint zu wissen, „wo Tannenbäume stehen“. Mit seinem Vater, der ein scharfes Beil in seinem umgefärbten Militärmantel versteckt mitführt, macht er sich zu einem Waldstück zwischen Siersdorf und Setterich auf. Sie finden dort einen Panzergraben und abgeschossene Kampffahrzeuge, stoßen zum Glück nicht auf Minen oder Munition, aber leider auch nicht auf geeignete Tannenbäume. Vater und Sohn laufen weiter bis Freialdenhoven und Ederen – vergeblich.

Auch der Hinweis, an Schloss Trips (Geilenkirchen) würden Weihnachtsbäume verkauft, erweist sich als Gerücht. Aber an der Wurm stoßen die zwei Tannenjäger auf eine „einschlägige“ Schonung. Eine Tanne wird erbeutet und daheim mit selbst gebackenen Plätzchen und gebastelten Engeln sowie Nikoläusen geschmückt. Komplettiert mit Kerzen und Schmuck aus Silberstaniol. „Noch heute spüre ich die ergreifende, weihnachtliche Stimmung“, schreibt Michels – und räumt ein, mit seiner kleinen Schwester damals mit Weinbrand gefüllte Schoko-Fläschchen „abgezapft“ zu haben...

Letztlich tragen solche Geschichten dazu bei, das Selbstverständliche schätzen zu lernen, hofft der 80-Jährige. Eines hat über die Jahrzehnte Bestand bei Geschenken zu Weihnachten bewiesen, sagt Großvater Michels: „Das Glänzen in den Kinderaugen ist gleich geblieben, und die freudigen Ausrufe kommen ebenso von Kinderherzen wie bei uns vor 70 Jahren.“ So soll es bleiben.

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