Folgenschwere Unfälle auf Radweg an der Landstraße 223

Von: Beatrix Oprée
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Wurzelkraft: Rund acht Zentimeter ist diese „natürliche Unebenheit“ auf dem Radweg der L 223 hoch, schon dreimal hatte sie fatale Auswirkungen. Foto: Beatrix Oprée
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Heute kann sie wieder trainieren: Doch schlechte Radwege meidet Simone Otten, wo es geht. Völlig ungeeignet findet sie auch die Ampeln an der Einmündung L 223/Duffesheider Weg. Sie seien nur eine Übergangslösung, bis – irgendwann – der Kreisverkehr gebaut wird, sagt der Landesbetrieb Straßen NRW. Foto: Beatrix Oprée
Einmündung L 223/Duffesheider Weg
Völlig ungeeignet sind die Ampeln an der Einmündung L 223/Duffesheider Weg. Sie seien nur eine Übergangslösung, bis – irgendwann – der Kreisverkehr gebaut wird, sagt der Landesbetrieb Straßen NRW.  Foto: Beatrix Oprée

Herzogenrath. 15 Zentimeter lang ist die Narbe, sie reicht vom Hals ins Dekolleté. Deutlich zeichnet sich eine Metallplatte unter der Haut ab. „Das stört mich gar nicht mal so sehr“, sagt Simone Otten und hebt ihre linke Hand: „Das hier finde ich viel schlimmer!“ Quer über dem Handrücken prangt eine violett-rote Zickzack-Narbe. „Die habe ich immer vor Augen.“

Und erinnert an jenen Abend Ende Mai 2012, als sie ein Radunfall auf dem Weg von Birk in Richtung Herzogenrath für sechs Monate aus dem Alltagsleben riss.

Eine Ahornwurzel, die den Asphalt auf dem Radweg an der Landstraße 223 gesprengt hat, wurde ihr zum Verhängnis. „Ich achte immer auf die Fahrbahn“, sagt die versierte Radfahrerin, seit 14 Jahren Triathletin. „Ob es die Sonne war oder ein Schattenwurf – diese Stelle habe ich einfach nicht wahrgenommen.“ Um teils acht Zentimeter hat der stattliche Baum rund 80 Meter vor der Einmündung Finkenweg die Teerdecke angehoben und mehrere Zentimeter in verschiedene Richtungen aufgerissen.

Das Vorderrad blieb kurz stecken, der Lenker verriss und Simone Otten krachte mit dem Rad schließlich in den rund zehn Meter entfernten Trafokasten. Sie selbst wurde auf die Fahrbahn geschleudert. „Die Klickpedale hatten sich automatisch gelöst, das Rad lag einige Meter von mir entfernt“, erinnert sie sich. Als sie unter Schmerzen versuchte, sich aufzurichten, klaffte ein tiefer, breiter Schnitt auf ihrer linken Hand. „Zum Glück habe ich einen Helm getragen, denn ich bin auch heftig mit dem Kopf aufgeschlagen.“ Zwei Autofahrer kümmerten sich um die Verletzte. Simone Otten ist ihnen heute noch dankbar: „Ich selbst war nicht mal in der Lage, mein Handy zu bedienen.“

Dreifacher Schlüsselbeinbruch

Simone Otten erlitt neben der massiven Handverletzung einen dreifachen Schlüsselbeinbruch, einen Muskelteilabriss am Unterarm, zudem Rippenprellungen und Hämatome am ganzen Körper. Das Schlüsselbein wurde zunächst mit einem Nagel gerichtet, der Bruch wollte aber nicht zusammenwachsen. Ein Spezialist in einer Neusser Klinik setzte ein Stück Knochen von der Größe eines halben Daumens ein, das er aus dem Becken entnommen hatte. Alles wurde mit einer fünf Zentimeter langen Metallplatte fixiert. „Diese Knochenentnahme war besonders schmerzhaft“, erinnert sich die Athletin an Morphiumgaben im Krankenhaus, ohne die sie es nicht ausgehalten hätte. Heute noch hat sie Probleme beim Treppensteigen, kann nicht auf der Seite liegen.

Der Schnitt im Handrücken war zu breit, um genäht zu werden. Über sieben Wochen musste er zusammenwachsen, die Folge war eine breite Gewebewucherung, die zu Bewegungs- und Gefühlseinschränkungen führte. Auf eigene Kosten hat sie die Narbenwulst korrigieren lassen.

Von den Schmerzen und körperlichen Beeinträchtigungen abgesehen, erlitt Simone Otten einen finanziellen Schaden von 2800 Euro: Das Rad musste repariert werden, Helm, Radschuhe und Sportuhr waren kaputt. Zudem hatte sie 700 Euro Startgelder für den Iron Man Frankfurt gezahlt, an dem sie sechs Wochen später hatte teilnehmen wollen. Die Hand-OP kostete 400 Euro.

Doch was folgte, war eine weitere schmerzliche Erfahrung: die Reaktion des Landesbetriebs Straßen NRW auf ihre Bitte um Schadenersatz. Dessen Versicherung verwies auf ein Schild „Achtung unebene Fahrbahn“ als ausreichend. Dieses jedoch steht nicht am Gefahrenpunkt, sondern weit davor rechts an der Kraftfahrspur, zu der es auch schräg ausgerichtet ist. „Damit bezieht es sich eindeutig auf den Autoverkehr“, sagt Simone Otten. An der L 223 gibt es auch Schilder, die auf Radwegschäden hinweisen, allerdings je nachdem, woher der Radfahrer kommt, nicht für alle erkennbar. „Aufwölbungen mit kleinen Aufbrüchen“, so die Versicherung weiter, stellten zudem „keinen verkehrswidrigen Zustand“ dar. In der Nähe von Bäumen müsse ein „sorgfältiger Radfahrer“ mit „naturbedingten Unebenheiten“ rechnen. Die Geschädigte hätte den Unfall „gänzlich vermeiden können“, wenn sie das unter anderem das „Sichtfahrgebot“ beachtet hätte ... Simone Ottens Anwalt prüft nun weitere rechtliche Schritte.

Komplizierter Unterarmbruch

Die Ahornwurzel indes blieb offenbar unangetastet. Und gut ein Jahr später ereignete sich an genau derselben Stelle wieder ein folgenschwerer Unfall: Wolfgang Koerver war mit seinem Rad Richtung Herzogenrath unterwegs, als ihm eine Spaziergängerin mit einem Schäferhund ins Auge fiel. „Natürlich habe ich auf die beiden geachtet, um eine Kollision zu vermeiden“, berichtet er. Auch sein Vorderrad schlug beim Queren der aufgerissenen Teerdecke unter dem Ahornbaum um, Koerver schleuderte über den Lenker rund sechs Meter weit auf den harten Untergrund. Der Arm, mit dem er sich auffangen wollte wurde mehrfach gebrochen. „Dabei habe ich viel Blut verloren“, sagt Koerver. Der dunkle Fleck ist am Rand des Straßengrüns noch zu erkennen.

Zehn Tage hat der 64-jährige Rechtsanwalt aus Herzogenrath im Krankenhaus verbracht. Noch immer ist sein Arm eingegipst, kann er nicht Auto fahren. Dankbar ist auch er den Ersthelfern. „Das war bei allem Übel eine sehr positive Erfahrung“, berichtet er, der viel und gerne mit dem Rad unterwegs ist. „Eine Frau hat mich sogar im Krankenhaus besucht.“ Auch zwei ihm unbekannt gebliebene Männer haben geholfen, denen er im Zuge dieser Berichterstattung ebenfalls danken möchte.

Was Koerver besonders ärgert, ist, dass stets gerne und werbewirksam neue Radwege und Straßen ausgewiesen würden, der Bestand hingegen allzu oft sich selbst überlassen werde. „Die zuständigen Stellen müssen ihren Verpflichtungen nachkommen!“, möchte er die Verantwortlichen aufrütteln. Damit nicht noch mehr schwere Unfälle passieren.

Dabei gebe es einfache Methoden gegen die naturbedingten Unebenheiten, verweist er auf Beispiele andernorts, wo Wurzeln auf Wegen einfach abgehobelt worden seien: „Fehlt denn hier Lust, Laune und Kleingeld dazu?“, fragt er mit Blick auf den zuständigen Landesbetrieb Straßen NRW. Entsetzt ist er über die Antwort, die Simone Otten erhalten hat: „Das verdeutlicht die Nonchalance, mit der unsere Behörden auf solche Dinge reagieren.“ Er ist überzeugt: Es gibt noch viel mehr Opfer. Gerne können sie sich bei ihm melden: Telefon 02406/6047.

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