Förderschulen im Nordkreis sind bedroht

Von: Von Karl Stüber
Letzte Aktualisierung:
5660725.jpg
Soll zum Regelfall werden: Trotz aller Kritik seitens der Kommunen und der kommunalen Spitzenverbände an den Rahmenbedingungen hält das Land an der Inklusion, der gemeinsamen Beschulung von Kindern mit und ohne Handicap, fest. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Nordkreis. Inklusion, das heißt die gemeinsame Beschulung von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Handicap in Regelschulen, wird zur Schließung von Förderschulen führen.

Dies wurde den Bürgermeistern der Städteregion und auch den Kommunalpolitikern bereits vor ein paar Monaten seitens der Schulbehörde klar gesagt.

Im bescheidenen Rahmen können die vier Städte im Nordkreis in Gemeinschaft mit der Städteregion Aachen und – teilweise – im eigenen Zuständigkeitsbereich befinden, wie es weitergeht, wenn die jetzt anstehende 9. Änderung des Schulrechtsgesetzes so wirklich vom Landtag mehrheitlich verabschiedet wird. Heute begann eine zweitägige Expertenanhörung dazu in Düsseldorf. Eine weit reichende Abkehr des Landes von diesem Vorhaben ist unrealistisch, denn die rot-grüne Landesregierung beruft sich auf die UN-Behindertenkonvention, die in der Extra-Beschulung von Heranwachsenden mit Handicap Ausgrenzung und Diskriminierung sieht. Dem will das Land per Gesetzesänderung abhelfen (siehe Info).

Schulamtsdirektor Norbert Greuel hat bei seiner Tournee durch die Kommunen erklärt, dass sich alle Kommunen mit der Städteregion an einen Tisch setzen würden, um das weitere Vorgehen zu besprechen (wir berichteten). Was ist daraus geworden? Antwort: ein Arbeitskreis, in dem Würselens Erster Beigeordneter Werner Birmanns die Interessen des Nordkreises, also von Alsdorf, Baesweiler, Herzogenrath und Würselen, vertreten soll. „In kleiner Runde hat es einen ersten Termin gegeben“, sagte Birmanns auf Anfrage unserer Zeitung. Was dabei herausgekommen ist? „Es müssen messerscharfe Zahlen als Grundlage der weiteren Überlegungen her“, sagt Birmanns. Heißt zum Beispiel: Wie viele Schüler mit welchen Einschränkungen werden bereits in Regelschulen betreut?

In Würselen geht es um die Albert-Schweitzer-Schule, eine Einrichtung der Düvelstadt, die die „Förderschwerpunkte Lernen, emotionale & soziale Entwicklung und Sprache“ hat. „Ab 2014/15 soll es mit der Umstellung losgehen“, beschreibt Birmanns das Ziel des Landes, wenn das Gesetz in Kraft ist. Er ist besorgt, dass die bislang mögliche deutliche Unterschreitung der Mindestschülerzahl an Förderschulen (144) wegfallen soll. In seinem Zuständigkeitsbereich würden in Grundschulen bereits recht viele Kindern unter dem Aspekt Inklusion gemeinsam unterrichtet. Problematisch werde es in der Sekundarstufe I.

Die Interessenvertreter der Kommunen, so zum Beispiel der Städte- und Gemeindebund Nordrhein-Westfalen, sind alarmiert und befürchten Schlimmes. Zentrale Kritikpunkte seien nicht ausgeräumt. Das betreffe beispielsweise die zu erwartende Schließung vieler Förderschulen, die gerade in ländlichen Regionen die vom Landtag zugesagte Wahlfreiheit für die Eltern „leer laufen“ lasse. Die Abgeordneten – der Nordkreis wird in Düsseldorf von Eva-Maria Voigt-Küppers (SPD, Würselen) und Hendrik Schmitz (CDU, Baesweiler) vertreten – werden aufgerufen „ihre demokratische Verantwortung einzufordern und wahrzunehmen“. Der Städte- und Gemeindebund befürchtet, dass die Kommunen für die mit der Inklusion einhergehende Umgestaltung der Schullandschaft nicht hinreichend finanziell ausgestattet werden. Der Begriff Finanzierung tauche in der entscheidenden Passage des Gesetzentwurfs gar nicht auf.

Für Behinderte müssen Alsdorf, Baesweiler, Herzogenrath und Würselen – wie andere Kommunen auch – nach Vorstellungen des Landes je eine Schule im Primarbereich (Grundschule) und im Sekundarbereich (mit drei Abschlüssen, also Hauptschul-, Realschulabschluss und Abitur/Hochschulreife) „ausgucken“ und entsprechend ausrüsten.

Wie reagieren neben Würselen die anderen Kommunen im Nordkreis darauf? Der Schulausschuss in Alsdorf hat sich zweimal mit dem Thema befasst und die Verwaltung beauftragt nach Klärung der gesetzlichen Grundlagen das Thema Inklusion bei der Schulentwicklungsplanung zu berücksichtigen und „weiter zu entwickeln“. Dabei sollen geeignete Schulen als Schwerpunktschulen festgelegt werden. Gefährdet ist hier der Bestand der Elisabethschule, eine ausgewiesene Förderschule für Kinder und Jugendliche mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf (Schwerpunkte Lernen, Soziale und Emotionale Entwicklung, Sprache), in die der Schulträger Stadt Alsdorf erst unlängst baulich kräftig investiert hat.

Birgit Froese-Kindermann, Erste Beigeordnete der Stadt Herzogenrath, sorgt sich um den Bestand der von der Kommune getragenen Käthe-Kollwitz-Schule, eine Förderschule im Verbund mit Förderschwerpunkten, wie sie auf Anfrage unserer Zeitung sagte. Die Roda-Schule mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung wird von der Städteregion getragen. Froese-Kindermann betont, dass die angestrebte Gesetzesänderung große Auswirkungen auf Rodas Schulen haben wird: „Da kommen erhebliche Umwälzungen auf die Eltern zu.“ Und: „Allen Eltern soll freistehen, welche Unterrichtsform sie wählen, also etwa den gemeinsamen Unterricht zu bevorzugen.“ Das müssten dann die Schulträger entsprechend organisieren. Derzeit wird in Roda Bestandsaufnahme der Schullandschaft gemacht, um herauszufinden, welche Einrichtungen sich für die gemeinsame Beschulung besonders eignen, um den Aufwand in Grenzen zu halten. „Die räumliche Ausstattung ist sicherlich wichtig, aber wie steht es um die Standards?“, sieht sie wichtige Fragen seitens des Landes nicht beantwortet. Das gelte auch für die Finanzierung. „Die Kommunen fühlen sich da allein gelassen“, kritisiert sie. Grundlegende Bedeutung für das Gelingen von Inklusion ist auch die entsprechende Eignung bzw. Fortbildung von Lehrern.

In Baesweiler betreibt die Städteregion die Martinus-Schule mit dem Förderschwerpunkt Sprache. Beigeordneter Frank Brunner betont, dass das Thema Inklusion „uns stark beschäftigt“. Großer Wert lege die Stadt Baesweiler darauf, ihren Beitrag zum Gelingen der Inklusion leisten zu wollen, allerdings dürfe am Ende keine schlechtere Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Handicap herauskommen. Um die bestmögliche Versorgung zu gewährleisten, muss aus seiner Sicht das Land „ausreichende sachliche und personelle Voraussetzungen schaffen“. Brunner: „Das Land darf die Kommunen nicht alleine lassen!“

Gregor Jansen, bei der Städteregion Aachen Dezernent für Schule, Gesundheit, Sicherheit und Ordnung, sagte auf Anfrage: „Was derzeit in den Schulen stattfindet, ist Integration.“ Mit Einführung der Inklusion sei oberstes Ziel, „kein Kind zurückzulassen“. Die Qualität von Beschulung und Betreuung dürfe nicht darunter leiden. Ziel sei es, im Konsens mit den entsprechenden Schulträgern, Schulen und politischen Gremien eine Gesamtlösung zu finden, wie Inklusion organisiert werden kann. Im Arbeitskreis sei dazu erst einmal „der erste Aufschlag“ gemacht worden.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert