Würselen - Förderkreis: Gespendete Fahrräder machen Asylbewerber mobil

Förderkreis: Gespendete Fahrräder machen Asylbewerber mobil

Von: Karl Stüber
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Zwei passionierte Mechaniker am Werk: Leo Capellmann und Kevin Onaiwu reparieren eines von vielen gespendeten Fahrrädern, die der Mobilität von Asylbewerbern dienen sollen. Foto: Karl Stüber
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Sie gehören zu den Aktivposten beim „Förderkreis Asyl Würselen“: Brigitte Seidel und Bernd Ohlmeier. Foto: Karl Stüber

Würselen. Kevin Onaiwu aus Nigeria und Leo Capellmann aus Bardenberg reparieren Seit‘ an Seit‘ den Rücktritt am Hinterrad eines älteren Damenrades. Das gespendete Rad wird – wie andere zuvor – für die Nutzung durch Asylbewerber in Würselen hergerichtet. Das Projekt stößt bei ihnen auf Begeisterung.

Was die beiden passionierten Schrauber neben der gemeinsamen Aufgabe „zusammenschweißt“, sind ihre Fähigkeiten. Der 74-jährige Capellmann ist gelernter Schlosser und Schweißer, hat unter anderem 36 Jahre bei Vegla gearbeitet. Er werkelt ohnehin gerne an Rädern herum, repariert sie für Kinder in seiner Nachbarschaft. Capellmann hat sich zur Ausübung seines Hobbys eine kleine Garage gemietet, erzählt er.

Onaiwu hat in seinem Heimatland ebenfalls als Schweißer gearbeitet. „Ich habe auch dort schon immer Sachen repariert“, sagt er. Im Juli 2015 ist er als Flüchtling gekommen. Natürlich paukt er kräftig Deutsch, um die sprachlichen Grundlagen zu schaffen, damit er in Deutschland beruflich Fuß fassen und selbst für sein Ein- und Auskommen sorgen kann.

Sprachkenntnisse erwerben

Unterstützt wird der junge Afrikaner und viele seiner Schicksalsgenossen durch den Verein „Förderkreis Asyl Würselen“, der an der Kaiserstraße eine Begegnungsstätte nebst Geschäftsstelle hat. Dort werden Asylbewerbern auch erste Sprachkenntnisse vermittelt. In einem Schuppen in der Nähe befindet sich die kleine Fahrradwerkstatt.

Brigitte Seidel, beim Förderkreis stark engagiert, ist voll des Lobes und dankbar angesichts der Hilfsbereitschaft. Ein öffentlicher Aufruf, Fahrräder zu spenden, um Asylbewerber mobil zu machen, war auf große Resonanz gestoßen. Über 80 nicht mehr benötigte Drahtesel wurden gemeldet. Manche brachten den fahrbaren Untersatz gleich selbst vorbei, bei anderen holten Seidel und ihr Mann die Sachspenden mit dem Anhänger zu Hause ab. Auf der heimischen Terrasse und im Garten sah es danach wie bei einem Zwischenstopp anlässlich eines Radwandertags aus.

Dass Räder von Würselenern erübrigt werden konnten, hatte verschiedene Gründe: Senioren waren auf E-Bikes umgestiegen und hatten für die bisher genutzten Fahrräder keine Verwendung mehr. Oder die Gesundheit ließ das Radeln überhaupt nicht mehr zu. Da wollten die alten Besitzer, dass ihre Räder noch anderen dienen.

Kinder- und Jugendräder standen in Ecken herum, deren Nutzer längst das Erwachsenenalter erreicht und das Elternhaus verlassen haben, sagt Seidel. „Wir haben zudem beim Abholen der Räder viel Zuspruch für unsere Arbeit erfahren. Die Spender äußerten sich positiv über die Flüchtlingspolitik.“

Asylbewerber konnten sich im zusammengetragenen Fuhrpark fahrbereite Räder direkt mitnehmen, sagt Seidel. Ausgewählte, aber reparaturbedürftige Bikes wurden mit dem jeweiligen Namen gekennzeichnet – dann kamen Kevin Onaiwu und Leo Capellmann ins Spiel. Benötigte Ersatzteile werden mit freundlicher Unterstützung des hiesigen Fahrradhandels besorgt. Bei der Aktion gespendete Roller, kleine Räder und Gokarts wurden Kindern in der ehemaligen Albert-Schweitzer-Schule im Helleter Feldchen geschenkt.

Dass Asylbewerber auf diese Weise mobil werden, hat gute Gründe. Neben der Teilhabe am Leben geht es auch darum, im Rahmen von Praktika überhaupt die Strecke zwischen Unterkunft und Firma zurücklegen zu können, wie Seidel sagt. Jetzt kamen zum Beispiel fünf Praktikanten bei den Kommunalen Dienstleistungsbetrieben Würselen (KDW) unter, drei weitere sollen folgen.

Ebenso sammeln Asylbewerber in ganz anderen Branchen Erfahrungen, so bei einem Optiker und einem Apotheker. Der Förderkreis Asyl sucht ständig Kontakt zu weiteren Firmen, die Praktika ermöglichen können. Seidel sagt: „So manche Firma würde Asylbewerber mit Kusshand als Auszubildende nehmen, wenn es nicht noch Sprachdefizite geben würde.“ Diese würden dem Besuch eines Berufskollegs entgegenstehen.

Und wie kommen die Asylbewerber mit den Rädern im Straßenverkehr zurecht? „Hier hat die Polizei uns Multiplikatorenunterricht angeboten“, sagt Bernd Ohlmeier vom Förderkreis Asyl. „Das läuft.“

Natürlich würde sich der Förderkreis über weitere Unterstützung aus den Reihen der Bürgerschaft freuen, wie Seidel und Ohlmeier sagen. „Dabei muss man nicht Mitglied des Vereins werden. Der Verein ist dazu da, Ehrenamtler zu unterstützen“, sagt Ohlmeier. Gerne können Interessierte, aber natürlich auch Spender mit der Initiative Kontakt aufnehmen.

Arbeit und Unterricht

Übrigens: Ende August fängt Kevin Onaiwu bei Low-Tech in Aachen an. Das Programm dort besteht aus Arbeit und Sprachunterricht, um später den Sprung in eine Ausbildung und ins Berufsleben zu schaffen. Und natürlich wird der Nigerianer mit dem selbst reparierten Fahrrad dorthin fahren. „Das dauert ja nur 20 Minuten“, sagt er.

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