Flüchtlinge unterstützen Ehrenamtler

Von: Stefan Schaum
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Listen helfen beim Sortieren und in Gesprächen mit den Kunden: Trotz vieler Aufgaben und mancher stressigen Minute sind die Ehrenamtlerinnen in der Merksteiner Kleiderkammer auch mit Spaß bei der Sache. Foto: Stefan Schaum

Herzogenrath. Pari Sabawoon will nicht fotografiert werden. Sie hat Angst. Davor, dass die Bilder womöglich im Internet landen und die falschen Menschen sie entdecken. Vor allem einer: ihr Schwager. Der Mann, der sie nach dem Tod ihres Mannes dazu zwingen wollte, ihn zu heiraten.

Der sie aus Kabul zu sich in die afghanische Provinz Laghman holen wollte. „Burka“, sagt die 56-Jährige und fährt sich mit der Hand vors Gesicht, deutet eine komplette Verschleierung an. In Laghman, so sagt sie, seien die religiösen Eiferer besonders fanatisch, die Frauen schutzlos. In Afghanistan hätte sie sich dem Zugriff des Schwagers nicht entziehen können. „So ist die Kultur dort. Das versteht man hier nicht.“ So stieg sie vor 14 Monaten mit ihrem Sohn, damals 16 Jahre alt, in Kabul in ein Flugzeug – und wurde zum Flüchtling.

Sie kam nach Deutschland. Dort seien die Menschen sehr hilfreich, so hatte sie es gehört. Und so hat sie es seitdem auch erlebt. Hier in Merkstein, wo sie wohnt. Wo sie selbst hilft. In der Kleiderkammer hinter der Martin-Luther-Kirche an der Geilenkirchener Straße 397. Zwei Mal pro Woche kommt sie, in letzter Zeit auch häufiger. Denn die Anlaufstelle platzt gerade – wenn man das bei einer Kleiderkammer so sagen darf – aus allen Nähten.

Wo vor wenigen Wochen nur zwei Räume gut mit Kleidung bestückt waren, finden sich nun Garderobenständer, Kartons und Stapel überall. Auf Fluren, Treppen, in vielen weiteren Zimmern. Die große Spendenbereitschaft der Menschen, sie hilft sehr. Und stellt zugleich die Ehrenamtler vor schwierige Aufgaben.

All das zu sortieren, unterzubringen, anzubieten – das ist oft Stress pur. Flüchtlinge wie Pari Sabawoon helfen nun denen, die sich seit vielen Jahren ehrenamtlich für die Kleiderkammer stark machen und sie dieser Tage kaum wiedererkennen. Wie ein Bienenstock ist sie zu den Öffnungszeiten, die längst erweitert wurden.

Eigentlich ist dienstags und donnerstags von 9.30 Uhr bis mittags geöffnet. Aber nun heißt es: Ende offen. Wenn Spender kommen, helfen Kunden oft beim Schleppen. Als eine junge Frau vorfährt und den Kofferraum öffnet, laufen zwei junge Männer aus Syrien zu ihr, packen die Kartons, tragen sie bis zur Tür. Eigentlich sind sie hier, um Kleidung für sich zu finden. „No problem“, sagt einer, und setzt die schweren Kartons drinnen auf den Boden.

Wer Kunde ist, wird nicht selten zum Helfer – das galt hier schon immer. Nicht erst, seit die großen Flüchtlingsströme kamen. Heidi Lembcke spricht aus Erfahrung. Seit sechs Jahren besucht sie die Kleiderkammer. Anfangs nur, um das Nötigste für sich selbst zu bekommen. „Ich habe jede Menge Probleme“, sagt die 60-Jährige. Aber sie hat keins damit, sich selbst „einen einzigen Sozialfall“ zu nennen.

Zwar geht sie nicht ins Detail, erwähnt aber eine schwere Kindheit und eine Ehe, die nicht leichter war. Viel Gewalt habe sie immer erlebt, und wohl nicht nur das. Sie leidet unter einer schweren Depression – doch in der Kleiderkammer bleibt ihr keine Zeit, um sich mit sich selbst und der Krankheit zu beschäftigen. Hier ist sie ein wichtiger Teil im Getriebe, der sich auskennt und den neuen Ehrenamtlern, die in großer Zahl auf der Matte stehen, die Orientierung erleichtert. Listen mit Bildern gibt es seit ein paar Tagen. Fotos von Socken, Jacken, Hosen, Schuhen und anderer Kleidung sind darauf. Die werden benutzt, wenn nichts anderes über die Sprachbarriere hinweghilft.

Flüchtlinge tippen auf die Bilder, zeigen, was sie brauchen und wie viel davon. Dann geht es durch das verschachtelte Haus und das Nebengebäude. Alles ein riesiger begehbarer Kleiderschrank. „Am Limit sind wir platzmäßig aber noch nicht“, sagt Heidi Lembcke. „Da geht noch mehr rein.“ Bloß müssen die Helfer langsam schauen, dass vor allem Passendes anlandet. T-Shirts werden jetzt im Herbst nicht mehr gebraucht. Warme Dinge schon – und bitte möglichst klein. „Von den jungen Männern sind manche so dünn und klein, dass sie Kinderkleidung anziehen können. Männersachen in den Größen haben wir kaum“, sagt Lembcke.

Deshalb gilt es mehr denn je, das Brauchbare vom jetzt nicht mehr ganz zu dringend Benötigten zu trennen. Draußen vor der Tür hängt eine Hose. Zerschlissen ist sie und starr vor Dreck. Ein Zettel hängt drüber: „Das brauchen wir nicht.“ Heidi Lembcke hat noch ganz anderes aus Spendensäcken gezogen. Offensichtlich eingenässte Hosen, andere mit deutlichen Kotspuren.

Müll – anders kann man das nicht nennen. Denkt jemand wirklich, dass andere Menschen das anziehen wollen? Dass Flüchtlinge so etwas tragen müssen? Heidi Lembcke zuckt bloß mit den Schultern.

Sie schenkt sich einen Kaffee ein, schaut auf lange Strichlisten mit Dingen, die an diesem Tag reingekommen sind. Dann klopft eine Frau an die Tür, die zum ersten Mal mithilft. Heidi Lembcke steht auf. „Ich muss mich kümmern.“ Der Kaffee wird wohl kalt, das wird er oft in letzter Zeit. Wenn der Kleiderladen schließt, gibt es frischen. Denn dann sitzen sie oft noch zusammen, die Ehrenamtler aus vielen Ländern. An einem Ort, der etlichen hilft – und der ihnen auch selbst viel Kraft gibt.

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