Flüchtlinge sollen zu Freunden werden

Von: Helena Mertens
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Im Dienste der Flüchtlinge: Gemeinsam tauschen sich die Mitglieder des Vereins „Förderkreis Asyl Würselen e.V.“ über bitterernste Themen aus. Foto: Helena Mertens

Würselen. Die Hände zittern, der Körper fühlt sich wie gelähmt an, immer mehr Fragen schwirren durch den Kopf und mit jedem weiteren Schritt steigt die Angst ins Unermessliche. Für Flüchtlinge sind Besuche bei Ämtern nicht bloß ein lästiges Unterfangen, sondern stellen eine regelrechte Zäsur in ihrem Leben dar.

 In nur wenigen Sekunden wird entschieden, ob sie in Deutschland bleiben dürfen oder ihren Zufluchtsort wieder verlassen müssen. Diese schwerwiegende Entscheidung können sie nicht selbst treffen, sie wird ihnen von Dritten abgenommen. Mit den Konsequenzen müssen sie hingegen alleine zurecht kommen.

Was Geflüchtete in solchen Situationen durchmachen und wie verloren sich viele von ihnen in Deutschland fühlen, ist für Außenstehende nahezu unerklärbar. Barbara Thaens ist eine von wenigen, die es ziemlich genau weiß. Seit der Gründung im Sommer 2015 ist die 64-Jährige als ehrenamtliche Helferin für den Verein „Förderkreis Asyl Würselen e.V.“ tätig, unterrichtet Flüchtlingen unter anderem in der deutschen Sprache und unterstützt sie im Alltag.

Mal übersetzt sie ein Anwaltsschreiben ins Deutsche, ein anderes Mal begleitet sie Geflüchtete aus Afghanistan, Nigeria oder Syrien bei Behördengängen. Denn auch mit guten Deutschkenntnissen oder Dolmetschern sind die Flüchtlinge vor, während und nach einer solchen Extremsituation überfordert, verzweifelt und werden schnell depressiv.

„Als der Antrag eines Irakis auf Asyl abgelehnt wurde, hat er sich in seinem Zimmer verbarrikadieren wollen und ließ die Rollos runter“, erinnert sich die pensionierte Lehrerin. In solchen Fällen sei viel Geduld gefragt, doch davon lässt sich die 64-Jährige nicht abhalten.Rund 100 Mitglieder, von denen etwa 40 zurzeit aktiv sind, verzeichnet der Verein „Förderkreis Asyl Würselen e.V.“.

Sie sind in den entscheidenden Situationen für Menschen da, die in Deutschland vollkommen auf sich allein gestellt sind. Als Wegbegleiter erleichtern die ehrenamtlichen Helfer den Alltag der Flüchtlinge und werden zu ihren Ansprechpartnern und Vertrauenspersonen in der wohl schwierigsten Zeit ihres Lebens. „Das Ziel besteht darin, dass man selbst als Wegbegleiter irgendwann überflüssig wird und stattdessen zu einem Freund wird“, erklärt Barbara Thaens.

Samstagsnachmittags trifft sich die 64-Jährige mit sieben jungen Flüchtlingen, die seit 2015 in Würselen und Alsdorf leben: „Für mich und meinen Mann ist das wie Familie. Wir beurteilen den gebackenen Kuchen und trinken arabischen Kaffee. Danach erzählen sie meistens etwas von ihren Eltern oder wir reden über Politik.“ Eine solche Vertrauensbasis hat sich Barbara Thaens über Wochen und Monate hinweg erarbeitet. Denn das Misstrauen vieler Flüchtlinge in Deutschland überwiegt.

„Sie tragen die dramatischen Erfahrungen aus ihren Heimatländern mit sich. Das Wort Freiheit haben sie erst in Deutschland kennengelernt“, so Jürgen Hohlfeld, Vorsitzender des Vereins. Gegenüber Behörden oder der Presse sei ihre Hemmschwelle besonders hoch. Auch den Interviewfragen unserer Zeitung begegnen die Flüchtlinge, mit denen Barbara Thaens seit mehreren Jahren im engen Kontakt steht, überwiegend mit Misstrauen. Zu groß sei die Angst vor dem syrischen Geheimdienst.

Jeden zweiten Dienstag im Monat treffen sich die Mitglieder des Vereins „Förderkreis Asyl Würselen e.V.“ in der Kaiserstraße 118. In lockerer Atmosphäre werden Themen angesprochen, die bitterernst sind und nachdenklich stimmen. „Jeder, der helfen will, ist willkommen“, erklärt der Verein auf seiner Facebookseite. Doch in Wahrheit sehe man kaum neue Gesichter, so Thaens.

„Am Anfang war es modern, ganz nach dem Motto: Ich habe auch einen Flüchtling“, erklärt die 64-Jährige und bedauert die abgeschwächte Willkommenskultur in Würselen. Wie wichtig die Arbeit der ehrenamtlichen Helfer ist, wird auch während ihres anderthalbstündigen Treffen am Dienstagabend deutlich. Einzelne Flüchtlinge warten vor der Tür und hoffen auf den Rat der Helfer.

„Unser Verein steht mit rund 200 Flüchtlingen in persönlichen Kontakt. Insgesamt leben ungefähr 600 Flüchtlinge in Würselen“, erklärt Hohlfeld. Ehrenamtliche Helfer, die Flüchtlinge von ihrem psychischen Druck befreien und ihnen im Alltag eine Stütze sind, werden dringend gesucht. Bestimmte Anforderungen an diese Tätigkeit gibt es nicht. Stattdessen solle man einfach offen sein und helfen wollen, so die einstimmige Meinung der Vereinsmitglieder. „Wir haben viele Alleinstehende, ältere Menschen oder Familien. Und wir suchen Helfer jeden Alters“, betont der Vereinsvorsitzende mit Nachdruck. Schließlich sei Integration kein Selbstläufer und eine Aufgabe, die eine ganze Gesellschaft stemmen müsse.

Der Kontakt mit den Flüchtlingen stellt für Barbara Thaens – trotz vieler Rückschläge, die auf die Wegbegleiter zukommen – eine Bereicherung dar. „Die Arbeit hat meinen Horizont erweitert, es hat mich toleranter und geduldiger gemacht. Ich nehme mich weniger ernst“, berichtet die 64-jährige pensionierte Lehrerin heute. Aus eigener Erfahrung weiß sie, worauf es bei der ehrenamtlichen Arbeit mit Flüchtlingen ankommt: „Du brauchst Neugierde, musst offen sein und ein Stück weit Interesse für andere Kulturen haben. Aber man muss auch seine eigenen Grenzen kennen.“

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