Faszinierende Träume von Freiheit und Abenteuer

Von: Rudolf Müller
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Faszinierende Fluggeräte: Manfred Fahr (links) führte unsere Leser kenntnisreich durch das „Museum“ der Merzbrücker Oldtimerpiloten, in deren Hallen Dutzende historischer Flugzeuge gepflegt und in Topzustand versetzt werden. Foto: Rudolf Müller
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Großes Interesse bei unseren begeisterten Lesern fanden Maschinen, Motoren und Cockpits, die sie bei unserer Führung in Merzbrück „hautnah“ in Augenschein nehmen konnten. Foto: Rudolf Müller
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Von den Maschinen im „Oldtimermuseum“ begeistert: Unsere Leser erfuhren von Manfred Fahr eine Menge Wissenswertes über die fliegenden Schätzchen in Merzbrück. Foto: Rudolf Müller

Würselen. Fluglärm? „Das ist der falsche Ausdruck. Für uns ist das ein Sound“, sagt Manfred Fahr. Sound, der Oldtimerfans wie Musik in den Ohren klingt. Und daher stört es auch niemanden, wenn das Motorengebrumm Manfred Fahr ein übers andere Mal ins Wort fällt, als er drei Dutzend unserer Leser blech- (oder holz- und stoff-) gewordene Träume vom Fliegen kenntnis-, detail- und anekdotenreich vorstellt.

Manfred Fahr ist Sprecher der Oldtimerpiloten von Merzbrück. Und die pflegen in zwei großen Hallen ein fast einzigartiges Museum der Flugzeughistorie. Einige Dutzend Maschinen aus etlichen Jahrzehnten Fliegereigeschichte füllen die Hallen. Alle in Privatbesitz. Sprich: Es gibt keinen Verein, der als Eigner auftritt.

Aber eine verschworene Gemeinschaft von Piloten und engagierten „Bastlern“. Gewartet werden die Schätzchen gemeinschaftlich. „Der eine versteht sich bestens auf Motoren, der andere auf Holzarbeiten, ein dritter auf Bespannung“, erklärt Fahr. „Unsere Maschinen sind alle im Topzustand.“

So manches spätere Prachtstück aus vergangenen Zeiten kommt in rostigen Einzelteilen nach Merzbrück. Die Oldtimerfans bauen daraus Maschinen, die besser sind als fabrikneu, sagt Fahr: „Den Aufwand, den wir an Akkuratesse und Detailarbeit leisten, kann sich ein Hersteller gar nicht leisten. Das wäre viel zu teuer.“

Nachbau in Handarbeit

Was die „Bastler“ in Merzbrück zu leisten imstande sind, zeigt sich gleich zu Anfang unserer Lesertour durch die Hallen an einer „Klemm 25“. Das stoffbespannte Holzflugzeug aus den 20er Jahren, das damals als sensationell fortschrittlich galt, wurde etwa 600-mal gebaut. Heute gibt es weltweit nur noch ein oder zwei Originale. Das Merzbrücker Exemplar wurde komplett von zwei Mitgliedern der Oldtimertruppe in Handarbeit nachgebaut. Schon das geeignete Holz – astlochfrei und mit bestimmter Maserung – dafür zu finden, ist eine Herausforderung. Bei der Klemm wurden nordische Kiefer und Birkensperrholz verbaut.

Ein Hingucker im Merzbrücker „Museum“ ist auch die Ryan PT 22, der erste Tiefdecker in Diensten des US-Militärs. PT steht übrigens für Primary Trainer, also Anfänger-Schulflugzeug. Eine Maschine, die vor einigen Jahren bei einer Notlandung einen Überschlag hinlegte. Die Insassen – Vater und Sohn – blieben unverletzt. Mit einer 73 Jahren alten Ryan PT 22 legte auch US-Schauspieler Harrison Ford im vergangenen Jahr eine Notlandung hin. Auf einem Golfplatz in Kalifornien. Kommentar eines Lesers: „Logisch, dass der auf einem Golfplatz runtergegangen ist: Da gibt‘s ja die meisten Ärzte!“

Die Ryan, so Manfred Fahr, ist auch kunstfluggeeignet. Und das moderat: „Bei einem Looping bekommt der Pilot hier eine Belastung von 3 G zu spüren, das ist das dreifache des eigenen Körpergewichts. In modernen Kunstflugzeugen beträgt die Belastung bis zu 10 G. Das zieht‘s einem die Backen bis auf die Knie.“

Ein wahres Vergnügen, so berichtet Fahr, sei auch eine Rolle mit der 1952er Stampe, entwickelt von George Stampe, belgischer Pilot in Diensten des englischen Königs. „Die Stampe ist das einzige je in Belgien gebaute Serienflugzeug. Sein Vorteil: Hier ist es nicht so, dass bei einer Rolle die Maschine schon rum ist, während der Magen noch auf der anderen Seite hängt.“

Ungezählte Arbeitsstunden

Beeindruckend ist auch eine Harvard AT (Advanced Trainer) 6 mit ihrem 600 PS starken Triebwerk, in England und Texas geflogen wurde, ehe sie nach Merzbrück kam. „Die kam als Rostlaube im Container hier an. Heute ist sie einer der bestgepflegten Maschinen in Europa.“ Als rostiges Gerüst kam auch ein weiteres Prachtstück per Container aus den USA nach Merzbrück: eine Boeing Stearman der US Coastguard. Noch wird eifrig daran geschraubt; Ende des Jahres soll sie fertig sein und wie aus dem Ei gepellt dastehen. Was so etwas kostet, will ein Leser wissen. Fahr kann‘s nicht sagen: Da müsste nicht nur jedes Schräubchen aufgelistet, sondern auch Hunderte ehrenamtlich geleisteter Arbeitsstunden kalkuliert werden. Immerhin: „Sie würden ein solches Flugzeug nicht unter 250000 Euro kaufen können“, sagt der Experte, der schon seit 1972 auf Merzbrück seine zweite Heimat gefunden hat.

Mehr als zweieinhalb Stundenlang führt Manfred Fahr unsere Leser durch die Hallen, erklärt Motoren und Cockpitausstattungen, taucht in die Geschichte der beeindruckenden Fluggeräte ab und wartet mit zahlreichen Anekdoten auf. Zum Beispiel über die Harvard AT6 mit der Bezeichnung „Out of Africa“, die als Aufklärer 40 Jahre lang in Diensten der US Navy stand und später in Südafrika unterwegs war, ehe sie wieder in die USA zurückging. „Das ist die einzige Maschine, die nicht im Container hierher kam. Die hat ein Wahnsinniger über die Nordpolarroute hierher geflogen.“

Besucher jederzeit willkommen

Fahr stellt die Great Lakes vor, der von den Großen Seen an der amerikanisch-kanadischen Grenzen stammt. Der Doppeldecker ist das einzige Flugzeug der Sammlung, das nicht direkt fürs Militär entwickelt wurde. Und er präsentiert die silbern glänzende Piaggio, das frühere Schulflugzeug der Bundeswehr, das in Lizenz von Focke-Wulf hergestellt wurde und unter anderem über ein Einziehfahrwerk verfügt. Der Grund: „Ein Schulflugzeug darf nicht möglichst einfach sein, sondern möglichst kompliziert. Schließlich sollen die Piloten ja etwas lernen.“ In strahlendem Silber präsentiert sich auch die Pilatus P3 aus dem Baujahr 1952, eine Maschine der Schweizer Luftwaffe, die via Luxemburg und Schweiz nach Merzbrück fand.

Neben all den Oldtimerschätzchen steht in einer Ecke der Halle ein topmodernes Fluggerät: die Stemme S-10 VTX, der Motorsegler, mit dem Luft- und Raumfahrttechniker der RWTH 2014 den 8848 Meter hohen Mount Everest präzise vermessen haben. „Merzbrück ist eben unglaublich vielfältig“, kommentiert Manfred Fahr. Und lädt jeden, der Interesse hat, ein, sich hier umzuschauen: „Jeder Besucher ist uns jederzeit willkommen!“

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