Familienzirkus Amany hält sich mühsam über Wasser

Von: Beatrix Oprée
Letzte Aktualisierung:
12454656.jpg
Sie halten zusammen: Die Neigerts, eine fröhliche Familie, die sich in Zuversicht übt, was ihre Zukunft angeht. Foto: B. Oprée

Nordkreis. Freiheit und Abenteuer assoziieren wohl die meisten mit einem Leben im Schatten eines bunt gestreiften Zirkuszelts. Jenseits der bürgerlichen Gesellschaft ohne festen Wohnsitz jede Woche in einer anderen Stadt ein wohlgesinntes Publikum in Staunen zu versetzen und rauschenden Beifall für atemberaubende Akrobatik oder freche Clownerien zu ernten: Wer hat als Kind nicht davon geträumt?

Die Realität indes hat wenig zu tun mit romantisierenden Vorstellungen wie diesen. Hatte sie wohl auch nie. Vor allem kleine Familienzirkusse kämpfen heutzutage ums nackte Überleben. Im Zeitalter des Internets und einem vorgegaukelten Paradigma von „größer, höher, weiter“ scheinen Artisten in der Manege ihre Anziehungskraft verloren zu haben. Zu Unrecht. Das zum einen.

Immer die Großfamilie

Und zum anderen: Wer im Zirkus geboren wird, kennt keine andere Welt als die der stets zusammenhaltenden Großfamilie. Wie die Neigerts vom Circus Amany. „Es ist sehr selten, dass jemand weggeht“, sagt Virginia Neigert (24). „Aber es kommen immer mal welche dazu.“

Sie selbst stammt aus der sauerländischen Circus-Trumpf-Dynastie. Vor sieben Jahren lernte sie Timo Neigert (heute 21 und Amany-Juniorchef) kennen. Bei einer Klassenfahrt der von der evangelischen Kirche im Rheinland getragenen Zirkusschule. Die jungen Eheleute sind längst stolze Eltern, Leyla heißt der 17 Monate alte Spross, der auch schon im Rampenlicht steht.

Zehn Personen ist der Familienverband um Zirkusdirektor Ludwig Neigert (54) und seine Frau Regina zurzeit stark. Dauerhaft in einer Etagenwohnung zu leben, nein, das kann sich keiner von ihnen vorstellen. Auch wenn es zu Beginn der Saison noch empfindlich kalt war in den selbstgebauten und dennoch komfortabel eingerichteten Wohnwagen. Auch wenn der nahezu wöchentliche Auf- und Abbau des beheizbaren Zeltes und die ständigen Umzüge an neue Standorte echte Knochenarbeit bedeuten. Auch wenn das Geld stets knapp ist und individuelle Wünsche meist hintanstehen müssen.

Bereits im Winter 2009 hatte die Arge des Jobcenters Alarm geschlagen, bei der die Zirkusfamilie aufgrund krankheitsbedingter Einnahmeausfälle Unterstützung beantragt hatte. Den Zirkus, der bis dahin immerhin 19 Menschen ernährte, gelte es unbedingt zu erhalten, argumentierte der Fallmanager seinerzeit auf der Suche nach vorübergehenden Nebentätigkeiten für die erwachsenen Mitglieder.

Vor allem in den Städten Herzogenrath und Alsdorf gab es auch Unterstützung von politischer Seite, die zahlreiche Kooperationen in Sachen Zirkusarbeit nach sich zog. So hat sich der Circus Amany bis heute über Wasser gehalten, steht auch für Schul- und Ferienaktionen sowie Gastspiele zur Verfügung. Doch die alltäglichen Sorgen sind nicht weniger geworden, wie Regina Neigert bei einem Kaffee in der Wohnwagenküche schildert. Enkel Miguel ist wegen schweren Asthmas bei einem Arzt in Laurensberg in Behandlung.

Ehemann Ludwig leidet an einer chronischen und schmerzhaften Stirnhöhlen-Vereiterung und sei bereits dreimal operiert worden. Nun soll eine Spritzenkur Linderung bringen, darauf hofft das Familienoberhaupt, sichtlich niedergeschlagen ob der gesundheitlichen Einschränkung. Dazu kommt die stete Suche nach brauchbaren Plätzen, um die kleine Zirkuswelt immer wieder neu aufzubauen.

Das Angebot schrumpfe von Jahr zu Jahr, auch weil immer mehr Flächen bebaut würden, hat er erfahren. Nun hofft er auf die Kooperation von Kommunen ebenso wie privaten Grundbesitzern, damit sein Zirkus und auch seine Enkel eine Zukunft haben – der zehnjährige Miguel („schon ein klasse Lassokünstler“), die siebenjährige Summer („unsere Eisprinzessin“) und Baby Leyla, das schon auf den Händen des Vaters balancieren kann.

Den größten Auftritt von allen hatte bisher Neigert-Töchterchen Kimberly („eine gute Schülerin und eine tolle Artistin“): Die 14-Jährige trat im vergangenen Jahr in der ZDFtivi-Sendereihe „Held ohne Geld“ auf. „Der Zirkus ist mein Leben“, sang sie voller Herzblut. Und: „ Dieser Weg wird noch steinig und schwer, doch ich möchte ihn geh’n. Leben in einem Zirkus, Leben in einem Traum – auch wenn man nie weiß: Wird dieser Zirkus weiterzieh’n?“

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert