Alsdorf - Familie statt reiner „Beheimatung“: Clearingstelle wird zur Wohngruppe

Familie statt reiner „Beheimatung“: Clearingstelle wird zur Wohngruppe

Von: Verena Müller
Letzte Aktualisierung:
Clearingstelle Wohngruppe
Fühlt sich hier sehr wohl: Filmon (18) aus Eritrea in den frisch bezogenen Räumen der SkF-Wohngruppe an der Eckstraße in Alsdorf. Foto: V. Müller

Alsdorf. Sehr lässig schlendern drei Jungs in das Haus an der Eckstraße in Alsdorf. So, wie sie das Haus betreten, ist auch innen die Atmosphäre: entspannt, freundlich, offen. Das Besondere: Es ist die neue (internationale) Wohngruppe, die vom Sozialdienst katholischer Frauen Alsdorf (SkF) betreut wird. Eine Umwandlung der ehemaligen Clearingstelle.

Die Clearingstelle in der alten Hausmeisterwohnung des Gymnasiums in Ofden war so etwas wie der erste Hafen für jugendliche Flüchtlinge, die allein nach Deutschland geflohen waren. Bis „geklärt“ war, ob sie hier bleiben dürfen und wo sich ihre Familien befinden, waren sie vorübergehend dort untergebracht. Nun rücken keine neuen Minderjährigen nach. Die Notwendigkeit, unter 18-Jährigen aus Krisenländern eine Art Ersatzfamilie zu geben, blieb aber. Das sahen SkF und das Jugendamt Alsdorf, das die Gruppe im Rahmen der gesetzlichen Klammer „Heimerziehung“ bezahlt, gleich. Und so wurde zum Jahreswechsel aus der Clearingstelle eine gemischte Wohngruppe.

Neun Plätze hat sie, sieben sind derzeit belegt mit 16- bis 18-Jährigen aus Eritrea (vier), Guinea (einer), Tadschikistan (einer) und einem irakischen Kurden. Ausschließlich Jungs wohlgemerkt, weil sonst höhere Auflagen erfüllt werden müssten. Die zwei offenen Plätze können ab sofort auch mit deutschen Jugendlichen belegt werden, und wie SkF-Geschäftsführer Dieter Forth vermutet, ist das auch nur eine Frage der Zeit. Schließlich beklagt das Jugendamt seit geraumer Zeit einen Mangel an Unterbringungsmöglichkeiten für Jugendliche, die nicht im Familienverband bleiben können – und einen Platz in einer anderen Familie, einer Wohngruppe oder im Heim brauchen.

Der Leiter der Wohngruppe, Klaus Reinartz, sagt, dass er sich zwar im Vorfeld viele Gedanken konzeptioneller Art über die „kulturelle Erweiterung“ der Gruppe gemacht habe, „letztendlich kann man aber wenig planen. Bei allen muss man sehen, wo sie stehen, welche Perspektiven sie haben und ob sie einen realistischen Blick auf den Ist-Zustand haben“.

Das macht er im Team: 5,3 Stellen sind es, die sich neun Mitarbeiter mit Ausbildungsschwerpunkt Soziale Arbeit/Erziehung teilen. Dazu kommen eine Hauswirtschafterin und ein Hausmeister. Zum Kern der Arbeit gehört eine feste Tagesstruktur, vom Frühstück über Schule, Hausaufgabenbetreuung bis hin zu weiterführender Sprachförderung. Für Freizeit muss natürlich auch Luft bleiben.

Ein Gang durch die frisch renovierten Räume: Wo früher die SkF- Geschäftsstelle ihre Büros hatte, befinden sich nun im Erdgeschoss Gemeinschaftsräume, Betreuerschlafraum sowie das Büro und in den beiden Etagen darüber neun Einzelzimmer. Alle sind auf rund zwölf Quadratmetern ähnlich schlicht eingerichtet – Bett, Tisch, Stuhl, Schrank – und wirken doch wegen des verwinkelten Baus und persönlicher Gegenstände der Bewohner sehr individuell.

Bei Filmon (18) aus Eritrea beispielsweise liegt ein Keyboard auf einem Beistelltisch, auf dem Schrank steht ein selbst zusammengeschweißter Lkw. Es ist früh am Nachmittag, gleich muss er noch zum Deutschkurs, an anderen Tagen in der Woche trainiert er im Fußballverein und in einer Gruppe für modernen Tanz von Maria Schneiders. Ob er sich wohlfühle, in dem Haus? „Ja, sehr“, sagt er und lächelt. Seit mehr als einem Jahr gehört er zur Gruppe, und er findet, dass es hier viel besser ist als in den alten Räumen. Ähnliche Resonanzen hört man auch von Siem (17) und Tesfamariam (18), ebenfalls aus Eritrea. Ihre Augen strahlen, wenn sie erzählen.

< Wenn mit der Volljährigkeit ein eigenständiges Leben noch nicht möglich ist, ist in Halbjahresschritten eine Verlängerung des Aufenthalts in der Gruppe möglich. Spätestens mit 27 ist Schluss. Das sind aber eher Ausnahmefälle. Wahrscheinlicher ist eine Weiterbetreuung außerhalb der Gruppe, in den eigenen vier Wänden, einer WG oder einer sogenannten Verselbstständigungsgruppe. Durchs Netz muss also niemand fallen.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert