Familie aus Syrien: Integration ist ihr oberstes Ziel

Von: Beatrix Oprée
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Zwischen glücklichen und traurigen Momenten: (v.l.) Abdullah, Naya, Siham, Mido, Samah und Mohamed I. haben viele neue Freunde in Deutschland. Und sorgen sich immer auch um die Menschen in Syrien. Foto: Beatrix Oprée

Herzogenrath. „Heute bin ich besonders froh“, verkündet Naya („noch 12“), und ihre klugen Augen strahlen. Ob es daran liegt, dass die begeisterte Fußballerin mit ihrem C-Jugend-Team der Spielvereinigung Straß tags zuvor 5:0 gegen Ritzerfeld gewonnen hat?

Als Rechtsverteidigerin und einziges Mädchen auf dem Platz hat sie sich gut behauptet. Wieder einmal: Einsatz lohnt sich. Viel hat sich getan bei Familie I., die vor 20 Monaten aus Syrien flüchten musste und in Herzogenrath eine neue Heimat gefunden hat. Längst sind Naya und ihr Bruder Mido mit ihren Eltern Samah und Abdullah aus dem Asylbewerberheim ausgezogen, leben in einer Drei-Zimmer-Wohnung mit hübschem Ausblick ins Grüne und netter Nachbarschaft, wie sie betonen.

„Hier sind alle sehr freundlich, jeder grüßt und man hilft sich“, berichtet Naya. Neben dem Sofa im Wohnzimmer steht eine stattliche Schlingpflanze, eine deckenhoch gewachsene Efeutute. Das Einweihungsgeschenk der neuen deutschen Freunde: „Ich hatte eine solche Pflanze zu Hause in Syrien“, erzählt Samah. „Sie rankte durch das ganze Zimmer.“

Erinnerungen an ein Leben, das wegen der Bedrohung durch den schrecklichen Bürgerkrieg von einem Tag auf den anderen aufgegeben werden musste. Fotos an den Wänden und auf den Regalen zeugen davon.

Der Großvater hat sie geschickt, zusammen mit Geschirr und anderen Dingen, die sich in Kisten packen ließen. Bis auch er selbst endlich nach Deutschland ausreisen durfte. Seine Frau Siham hatte ein Visum und war wie der Rest der Familie vor den Bombenangriffen geflohen. Nur er war im Land geblieben, weil sein jüngster Sohn als Regimekritiker interniert worden war. Dem Sohn gelang die Flucht, über abenteuerliche Wege erreichte er Deutschland.

Bange Ungewissheit

Über ein Jahr hat Familie I. dann in banger Ungewissheit auf den Großvater gewartet, immer wieder Eingaben bei den zuständigen Behörden gemacht. Zweimal ist Mohamed I. zur deutschen Botschaft nach Jordanien gereist, vergeblich. Zweimal dann auch zur deutschen Botschaft nach Beirut, wo ihm letztlich dann doch das ersehnte Papier ausgestellt wurde. Einer seiner Söhne, Arzt am Medizinischen Zentrum der Städteregion, hatte ihn auf die Liste für die Kontingentflüchtlinge setzen lassen, die Deutschland aus humanitären Gründen zusätzlich aufnimmt.

Die Revolution missbraucht

„Zum Schluss haben wir die Sekunden gezählt“, berichtet Naya von seiner Ankunft am Flughafen in Düsseldorf. „Dann endlich konnte ich meinen Großvater umarmen!“ Auch den frischen Geschmack grüner Pflaumen verbindet die Zwölfjährige mit diesem Freudentag. „Meine Lieblingsfrüchte“, sagt sie. „Hier in Deutschland bekommt man die nicht.“ Der Opa hatte sie ihr mitgebracht.

Mohamed I. ist 70 Jahre alt, ein höflich-zurückhaltender Mann mit feinen Gesichtszügen. Er lacht gerne. Und hat doch gerade den Tod seines besten Freundes in Syrien zu verarbeiten. „Er war ein gesunder Mann“, erzählt er auf Englisch. „Doch die Sorge um seine Kinder und der vernichtende Krieg haben sein Herz krank gemacht.“ Nur eine kleine Reisetasche hatte Mohamed I. für seinen Flug nach Deutschland gepackt.

Nur zu Besuch wollte er kommen, sehen, ob es der Familie gut geht, und dann wieder in den Nahen Osten zurückkehren. Doch dazu ist es nicht gekommen: Die Lage in Syrien hat sich dramatisch verändert. Menschenverachtende Terroristen, die in Syrien noch als ISIS firmieren, beherrschen mittlerweile den Nordosten des Landes.

„ISIS missbraucht unsere Revolution“, sagt Abdullah I. „Ständig erhalten wir schlimme Nachrichten aus Syrien, von Freunden, Bekannten, ohne dass wir etwas unternehmen können. So schwanken wir jeden Tag zwischen glücklichen und traurigen Momenten.“ Das Vorrücken der islamistischen Terroristen beobachten sie mit Ohnmacht, wem kann man noch trauen im eigenen Land? Der Krieg kann sich noch über Jahre hinziehen, mit ihm die Sorge um Samahs Familie.

So sind die I.‘s fest entschlossen, ihren Teil zur Gesellschaft in ihrer neuen Heimat beizutragen. Oberstes Ziel: möglichst schnell Deutsch lernen. „Das ist der Schlüssel zu allem anderen.“ Intensiv besuchen die Erwachsenen Sprachkurse, die jeweils neuen Vokabeln und Redewendungen samt Übersetzungen kleben auf Spickzetteln an Schranktüren in der Küche, „die auch unser Klassenzimmer ist“, lacht Abdullah. Er und seine Frau können längst bestens auf Deutsch kommunizieren.

Kinder lernen noch schneller, spielerisch, saugen neues Wissen buchstäblich auf. So sprechen Naya und Mido bereits akzentfrei. Der Zehnjährige hat gerade aufs Gymnasium gewechselt, stolz zeigt er sein letztes Zeugnis von der Regenbogenschule mit einem Notendurchschnitt von 1,63. „Meine Lehrerin am Gymnasium konnte nicht glauben, dass ich erst seit 20 Monaten in Deutschland bin“, berichtet er mit berechtigtem Stolz.

Seine ältere Schwester steht ihm in nichts nach: Sie besucht die achte Klasse des Gymnasiums. Auch sie verschwindet im Kinderzimmer und kommt mit ihrem Zeugnis zurück: Notendurchschnitt 1,8. Sich so schnell wie möglich ins neue Lebensumfeld zu integrieren, ist das Ziel aller. Elternabende an den Schulen, Fußballtraining und Musikunterricht gehören deswegen zum Alltag. Naya spielt Querflöte im Schulorchester und in der Harmonie Cäcilia. Mido lernt das Spiel auf dem Cello.

Noch ist das Instrument größer als er selbst. „Ich trage es ihm immer“, schmunzelt seine Mutter Samah. Auch Großmutter Siham, pensionierte Lehrerin, ist musikalisch, hat wie ihre Enkel daheim in Damaskus in einer Chorgemeinschaft gesungen. „Die war übrigens christlich“, erläutert Samah. „Das war bei uns so, wir haben immer gut mit allen zusammen gelebt.“ Gerne würde Siham wieder singen, ob sich ein passender Chor in der neuen Heimat findet?

Jetzt fehlen nur noch zwei Jobs

Viele Punkte fürs erfolgreiche neue Leben sind schon erreicht, vor allem in Sachen Integration. Fehlen nur noch die passenden Jobs. Samah und Abdullah sind studierte Ingenieure. Sie warten zurzeit auf die Anerkennung ihrer Masterabschlüsse, haben Zeugnisse und Unterlagen schon vor Wochen an die Bezirksregierung geschickt. Für eine internationale Firma arbeiten zu können ... ein weiterer großer Schritt wäre damit getan.

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