Fähigkeiten nach Schlaganfall konsequent zurückerobern

Von: Karl Stüber
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Gezielten Tests folgt gezieltes Training: Neuropsychologe Dr. René Vohn arbeitet mit dem Patienten an der Rückgewinnung von eingeschränkten oder verlorenen Kompetenzen. Foto: Medizinisches Zentrum

Würselen. Was hat ein Doktor der Geisteswissenschaften und diplomierter Psychologe mit der Behandlung von Schlaganfällen zu tun? Sehr viel! Ausführlich wird das Dr. René Vohn beim Forum Medizin des Medizinischen Zentrums Würselen (MZ) und unserer Zeitung zum Thema Schlaganfall darlegen.

Die von der Stadt Würselen unterstützte Veranstaltung beginnt am Dienstag, 24. November, um 19.30 Uhr im Alten Rathaus Würselen. Schlagartig eintretende Verstopfung von Arterien durch Thromben schädigt nicht nur Gewebe im Gehirn, sondern geht im wahrsten Sinne des Wortes auf den Geist oder – anders ausgedrückt – reduziert geistige Fähigkeiten oder zerstört sie sogar, verursacht körperliche Bewegungseinschränkungen oder gar -verluste. Aber wenn einen der Schlag getroffen hat, ist je nach Fall nicht alles verloren, sondern kann manches bis vieles gegebenenfalls wieder reaktiviert werden.

Dienstleister für das MZ

Dabei ist die Einbindung von Vohn in die Arbeit des Schlaganfallszentrums (Stroke Unit) des MZ etwas Besonderes. Er betreibt am Standort Marienhöhe eine eigene Praxis mit weiteren bei ihm angestellten Psychologinnen und Fachpersonal. „Ich bin praktisch Dienstleister für das MZ.“ Per Kooperationsvertrag ist sichergestellt, dass Vohn aufstocken kann, wenn der Bedarf beim MZ nach neuropsychologischer Leistung für die Patienten zunimmt. Derzeit zählt Vohns Praxis acht „Köpfe“. Dabei arbeitet er nicht ausschließlich für seinen Auftraggeber MZ, Patienten „von außen“ werden ebenfalls betreut.

Der Neuropsychologe ist im Rahmen der Erstversorgung an der Diagnostik beteiligt, geht den mit dem Schlaganfall verbundenen Auswirkungen auf den Grund und leitet noch im Krankenhaus individuell zugeschnittene Behandlungen ein. Das hat den Vorteil, dass die Zeit im Krankenhaus genutzt wird, um durch gezielte Therapie Fähigkeiten möglichst wieder zu reaktivieren. Weiteres Plus: Bei der in speziellen Einrichtungen folgenden Rehabilitation brauchen die Medizinerkollegen dort nicht bei Adam und Eva anfangen, sondern bekommen direkt ein umfangreiches „Begleitpakt“ als Basis an die Hand, worauf sie die weitere Behandlung aufbauen können. Auch nach Rückkehr aus der Reha können die Patienten weiter bei Vohn im MZ behandelt werden.

Nach dem Schlaganfall betreibt Vohn zunächst eine aufwändige Anamnese. „Da geht es vielleicht auf den ersten Blick um seltsam anmutende Fragen, um den Hintergrund, um die Qualifikation sowie die Lebensumstände des Patienten vor dem Schlaganfall zu verstehen.“ Vohn ermittelt eine Art prämorbiden Intelligenzquotienten. Ohne diskriminierend wirken zu wollen, ist die Bewertung der Beeinträchtigungen abhängig etwa vom Berufsbild. Heißt, ein Professor hat andere Fähigkeitsschwerpunkte als ein Facharbeiter. Überprüft wird etwa die (noch vorhandene) Aufmerksamkeitsleistung, wobei Vohn klarstellt, dass dies nicht mit Konzentration gleichzusetzen ist. Konzentration, also die Filterfunktion, ist nur ein Teilbereich von Aufmerksamkeit.

Zudem geht es um Beeinträchtigungen des Gedächtnisses, der visuellen Wahrnehmung oder Störungen beim Planen sowie Problemlösungen und der Verhaltenskontrolle. Vohn betont, dass ohne entsprechende neuropsychologische Untersuchungen solche Defizite oft nicht bemerkt werden. Häufig sind Depressionen und Angststörungen die Folge.

Auf Basis der ermittelten Einschränkungen und deren Bewertung geht es bei neuropsychologischer Therapie darum, die gestörten kognitiven Fähigkeiten gezielt zu trainieren. Es werden Strategien vermittelt und erlernt, um diese Defizite zu kompensieren. Dabei kommen auch computergesteuerte Verfahren zum Einsatz.

„Schlafende“ Zellen animieren

Der Patient absolviert also Programme am Bildschirm. „Wichtig ist herauszufinden, ob Zellen im Gehirn wirklich abgestorben sind oder nur auf Grund der Durchblutungsunterbrechung praktisch schlafen und wieder animiert werden müssen“, sagt Vohn.

Der Fachmann fasst die Behandlungsmöglichkeiten in drei Gruppen zusammen. Da ist die restitutive Therapie zu nennen. Hierbei geht es um die Wiederherstellung von Fähigkeiten, etwa bei Gesichtsfeldverlusten. Die kompensatorische Behandlung zielt darauf ab, dass anstelle von abgestorbenem Gewebe andere Regionen den Gehirns Funktionen lernen und übernehmen. Bei der adaptiven Behandlung müssen im Umfeld des Patienten Hilfsmittel eingesetzt werden, um verlorene Fähigkeiten zu kompensieren. So ist es zum Beispiel grundsätzlich möglich, bei Gesichtsfeldverlusten im Auto ein Kamerasystem zu installieren, das die Bilder auf Seiten des ausgelöschten Gesichtsfeldes in das noch gesunde projiziert. Nach Schulung und bestandenem Test kann sich der Patient wieder selbst ans Lenkrad setzen.

Aber wie beim Muskeltraining will auch das Trainieren von Gehirnfunktionen wohl dosiert sein. „Falsches Training kann zur Verschlechterung beitragen“, sagt Vohn und nennt als Beispiel einen Schlaganfallpatienten, der sich daheim zu intensiv mit der Playstation beschäftigte. „Da muss man ganz vorsichtig sein, um nicht die eigenen Schaltkreise zu überfordern“, so der Neuropsychologe.

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