Existenzangst raubt Familie den Schlaf

Von: Beatrix Oprée
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Hoffen auf eine gütliche Lös
Hoffen auf eine gütliche Lösung: (v.l.) FDP-Fraktionschef Björn Bock sowie Roger und Nadine Gulpen. Foto: Beatrix Oprée

Herzogenrath. Es war der Traum einer jungen Familie: Wohnen und Arbeiten an einem Ort, im Sinne kurzer Wege - und des dreijährigen Töchterchens. Eine bescheidene Immobilie beinhaltet dieser Traum, neben einer Tankstelle an Herzogenraths verkehrsreichster Straße, mit nüchternem Blick aufs Technologiezentrum.

Rund zwei Jahre hatte das renovierungsbedürftige Gebäude auf Käufer gewartet. Nun ist es zum Albtraum geworden.

Zunächst an der Südstraße

Nadine und Roger Gulpen heißen die neuen Eigentümer. Seit zwölf Jahren leben sie in Kohlscheid, besaßen einst eine Eigentumswohnung und betrieben einen Laden für Computerspiele an der Südstraße. Das Geschäft reichte, um die Familie zu ernähren, ein besser frequentierter Standort hätte es jedoch sein können.

Der schien im vergangenen Sommer an der Roermonder Straße 23 gefunden zu sein. Unten Ladenausbau, oben Wohnung: „Alles passte. Vor dem Zuschlag wollten wir natürlich auf Nummer sicher gehen”, erzählt Roger Gulpen.

Mit dem Geschäftsplan im Gepäck wurde er im Rathaus vorstellig. Er erhielt grünes Licht und schaltete seine Bank ein. „Auch die fragte bei der Stadt nach”, glaubten die Gulpens nun an einen doppelten Boden und ließen sich auf die neue Investition in ihre Zukunft ein. Innerhalb von drei Monaten waren vereinfachtes Baugenehmigungsverfahren und Finanzierung erledigt, im Zuge letzterer auch die Eigentumswohnung verkauft.

Die Eheleute spuckten in die Hände, Monate harter Arbeit lagen vor ihnen. „Alleine 22 Tonnen alte Schieferplatten habe ich herausgeschleppt”, erinnert sich Roger Gulpen. Unter dem Holzboden fand sich blankes Erdreich, morsche Balken und zugige Fenster mussten ausgetauscht werden. Im Januar schließlich war es geschafft, das baufällige Gebäude war kernsaniert, der „Gameshop Kohlscheid” konnte am neuen Standort wieder eröffnet werden.

Das Haus ist heute energetisch auf neuestem Stand. In der modernen Küche zeugen hübscher Osterschmuck und reichlich Spielzeug vom Familienleben, das so fröhlich sein könnte - wenn am Veilchendienstag nicht der Anruf aus der Stadtverwaltung gekommen wäre: Bei der Genehmigung habe es sich um einen Irrtum gehandelt, im schlimmsten Falle müsse das Geschäft geschlossen werden ... „Für uns brach eine Welt zusammen”, sagt Nadine Gulpen. „Wir haben ja alles auf eine Karte gesetzt! Wir sind doch auf die Einnahmen aus dem Laden angewiesen. Ein erneuter Umzug wäre unser Ruin!”

„Zentrenrelevant”

Im Bauamt war aufgefallen, dass das Sortiment des Gameshops - Computerspiele, An- und Verkauf von Handys, Videos - nicht mit der 2. Änderung des Bebauungsplans II/53 „Weiherstraße/Banker Straße” konform geht, der zentren- und nahversorgungsrelevante Sortimente ausschließt. Für die Roermonder Straße 23 erlaubt er Einzelhandel mit Blumen, Pflanzen, Sämereien und Düngemitteln respektive Kunstgegenstände, Bilder, kunstgewerbliche Erzeugnisse, Briefmarken, Münzen und Geschenkartikel auf maximal 50 Quadratmetern Verkaufsfläche.

„Nur Zubehör”

Auf der anhängenden „Herzogenrather (Ausschluss-)Liste” finden sich zudem „Geräte der Unterhaltungselektronik und Zubehör”.

Genau hier sieht Björn Bock, FDP-Fraktionschef im Stadtrat, einen Ansatzpunkt, um den Verwaltungsfehler für alle verträglich zu heilen: „Indem wir den Zusatz ?und Zubehör streichen.” Denn um mehr handele es sich im Laden der Gulpens nicht. Einen entsprechenden Antrag, „lösungsorientiert” zu verstehen, will die Fraktion nun an den Umwelt- und Planungssausschuss (19. April 18 Uhr) stellen.

Bock mit Blick auf die ruinöse Lage der Roermonder Straße: „Wenn es bei der Rücknahme der Genehmigung bleibt, wer soll hier noch investieren?” Komme es im Vorfeld noch zu einer gemeinschaftlichen Lösung, sei die Fraktion bereit, den Antrag zurückzuziehen: „Das wäre uns am liebsten.”

Im Sinne einer Ausnahmegenehmigung, vorbehaltlich der Entscheidung des Stadtrats, habe sich auch Eva-Maria Voigt-Küppers, Landtagskandidatin der SPD, bei Bürgermeister Christoph von den Driesch eingesetzt, wie sie auf Anfrage mitteilt. Die Gulpens hatten sie in ihrer Bürgersprechstunde konsultiert. Der Bürgermeister, zurzeit in Urlaub, habe versprochen, nochmals mit den Fraktionschefs zu beraten.

Klärung durch Gutachter

Die Erste Beigeordnete Birgit Froese-Kindermann verweist indes auf eine gutachterliche Klärung dieser Sach- und Rechtsfragen: Es bleibe zu prüfen, „ob das vorhandene Sortiment tatsächlich nur Zubehör oder nicht doch auch Unterhaltungselektronik im Sinne der Herzogenrather Liste ist”.

Was wäre die Alternative? Eine Entschädigung durch die städtische Versicherung. Doch bis die ausgehandelt ist, könnten Jahre vergehen. Björn Bock: „Und wer will Schaden und Gewinnausfall letztlich genau beziffern?”
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