Evangelische Kirche: Dialog mit Muslimen in den Vordergrund stellen

Von: Verena Müller
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Mehr auf Gemeinsamkeiten und Dialog setzen: Die evangelische Landeskirche lehnt das Missionieren an Muslimen ab. Foto: Imago stock&people

Nordkreis. Die evangelische Kirche im Rheinland (Ekir) hat die Basis mit einem interessanten Impulspapier überrascht. Grundtenor: Auf die aktive Bekehrung von Muslimen soll verzichtet und stattdessen mehr auf Dialog gesetzt werden.

Wörtlich heißt es in der sogenannten Arbeitshilfe mit dem Titel „Weggemeinschaft und Zeugnis im Dialog mit Muslimen“: „Eine strategische Islammission oder eine Begegnung mit Muslimen in Konversionsabsicht bedroht den innergesellschaftlichen Frieden und widerspricht dem Geist und Auftrag Jesu Christi und ist entschieden abzulehnen.“

Nur ein Spezialthema für christliche Kirchen in Entwicklungsländern, wo Beispiele ruchbar wurden, in denen Essen und Bildung gegen den „richtigen“ Glauben getauscht wurden? Oder angesichts der unzähligen Flüchtlinge vor unserer Haustür für die Basis, die Kirchengemeinden vor Ort, aktueller denn je?

Harry Haller, Pfarrer in Würselen, spricht von einem „Paradigmenwechsel“, wenngleich dieses Thema den Alltag der Pfarrer im Nordkreis kaum streife – was wenig überrascht: „Wir betreiben keine gezielte Mission unter Muslimen“, sagt er. Dem schließt sich auch Pfarrer Jochen Gürtler von der Kirchengemeinde Baesweiler an, ebenso Pfarrerin Elisabeth Peltner von der Kirchengemeinde Alsdorf. Sie ergänzt, dass es vielmehr darauf ankomme „Glauben zu leben, einen Standpunkt zu beziehen und sprachfähig zu sein“.

Die Nordkreis-Pfarrer begrüßen es, dass die Landeskirche den Dialog stärker in den Vordergrund rückt: „Uns geht es immer sehr ums Miteinander, um gegenseitigen Respekt“, so Haller. Dem stimmt Pfarrer Frank Ungerathen aus Herzogenrath zu: „Von der Haltung Jesu her kann es nicht sein, dass man andere defizitär ansieht. Man muss sich respektvoll und auf Augenhöhe begegnen.“ Und : „Wir dürfen nicht mit der Absicht in ein Gespräch hineingehen, andere Menschen zu verändern.“ Vielmehr solle man darauf vertrauen, dass Gott auf einen zukommt: „Gott will das Heil für alle.“ So sollten wir gemeinsam mit Muslimen nach unserer gemeinsamen Verantwortung aus dem Glauben für gute soziale Prozesse in unserer Heimat und Gesellschaft fragen.

Das klingt abstrakt und vielleicht auch realitätsfern, aber es gibt anschauliche Praxisbeispiele: Für Haller sind die Friedensgebete der Religionen, zu denen in Würselen bereits mehrfach eingeladen worden war, ein gutes Beispiel für glaubenübergreifendes Miteinander. Und Ungerathen hat erfahren, dass manche Flüchtlinge, die dieser Tage im Nordkreis ankommen, eine viel größere interreligiöse Nähe gewohnt sind als wir: „Gläubige Nachbarn in Syrien und in Jugoslawien vor dem Bürgerkrieg haben sich ganz selbstverständlich gegenseitig zu ihren religiösen Festen eingeladen.“

Ungerathen ist seit einem Jahr in Herzogenrath, einer seiner Schwerpunkte ist die Flüchtlingsarbeit.

Was ihn auch überrascht hat, ist das große Interesse am hiesigen praktizierten Glauben: „Ein syrischer Flüchtling hat mich nach einer Bibel in seiner Sprache gefragt, eine Frau wollte eine Bibel auf Farsi, um unseren Glauben besser kennenzulernen“, erzählt Ungerathen. Viele Flüchtlinge identifizierten Deutschland aufgrund seiner Solidarität und Unterstützung stark mit christlicher Nächstenliebe. Ein schönes Kompliment eigentlich.

Hintergrund der Textpassage ist ein gemeinsamer Verhaltenskodex von Katholischer und Evangelischer Kirche, der von der Frage ausgeht, wie die Weltreligionen mit Konfliktaktivisten wie dem IS, die sich auf Religionen berufen, umgehen. Das Papier sei ein Impuls für die Gemeinden zur Vorbereitung der Synode 2018 zum Thema des Zusammenlebens mit Muslimen, der eine Diskussion anstoßen soll, wie sich Mission und Dialog aufeinander beziehen – so erklärt es Ungerathen.

Und laut Haller ist es auch nicht schwer, Zugänge und Übereinstimmungen zwischen den Religionen zu finden. Der muslimische Glaube ist schließlich Teil der abrahamitischen Religionen. Vereinfacht ausgedrückt, gibt es große Gemeinsamkeiten zwischen den heiligen Schriften von Muslimen, Christen und Juden: in Form der hebräischen Bibel (bei Christen unter „Altes Testament“ geläufiger).

In dem Papier der Landeskirche steht auch, dass der sogenannte Missionsbefehl Christi („Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ ; Mt. 28, 20) neu zu interpretieren sei: „Es ist (...) nicht damit gemeint, dass eine Begegnung von Christen mit Menschen anderer Religion grundsätzlich das Ziel der Bekehrung des anderen hat. Gleichwohl haben Christen den Auftrag, in ihrem Handeln Zeugnis darüber abzulegen, was ihren Glauben trägt.“ Die Lesart des „Missionsbefehls“ hat sich, am Rande bemerkt, auch erst im 19. und 20. Jahrhundert durchgesetzt. Also zwischen Höhepunkt und Niedergang des Kolonialismus.

Haller kann sich der modernen Lesart eines Bildungsauftrags sehr gut anschließen: „Wer dialogfähig sein will, muss sich im eigenen Glauben auskennen.“ Man müsse also bei der Mission bei sich selbst anfangen, wenn man so will. Nur so könne man Menschen gewinnen, sagt Haller.

„Was leitet Dich und was hält Dich in Deinem Glauben? Worauf fußt Deine Kraft für Nächstenliebe?“, nennt auch Ungerathen als zentrale Fragen, die man für sich geklärt haben sollte. In den vergangenen 50 Jahren sei die Gesellschaft bunter und verschiedener, Glauben sei persönlicher und individueller geworden. „Deshalb brauchen wir den Dialog auch über Religion nötiger denn je für ein gutes Zusammenwachsen und Zusammenleben in einer bunter gewordenen Gesellschaft.“

Vorrangiges Ziel: Aufklärung

Elisabeth Peltner weiß, dass es beispielsweise in den evangelischen Kindergärten längst Alltag ist, zu reflektieren, wie Feste in anderen Religionsgemeinschaften gefeiert und welche Lieder gesungen werden. Oder dass man sich bei Gemeindefesten darüber Gedanken macht, welches Essen man anbietet. „In erster Linie geht es um Aufklärung, darum, Ängste abzubauen und sich in andere hineinzuversetzen.“ Man könne so viel von anderen über gelebten Glauben und Rituale lernen. Auch für sich selbst.

Im Grunde, da stimmen alle vier überein, ist die Position der Landeskirche kein revolutionärer Einschnitt, sondern „nur“ eine konsequente Fortsetzung eines Wegs, den man bereits seit Jahren gemeinsam beschreitet.

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