Europäischer Klassenkampf im Klassenzimmer

Von: Holger Bubel
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Konnte einem schon leid tun: Klassensprecher Brüssel, gespielt von Ilias Ouana (M.), versucht zu retten, was von Europa zu retten ist. Das aufmüpfige Finnland (Sarah Ellerbrock, l.) rückt den Klassenkassenschlüssel nicht mehr raus. Jetzt bekommt kein EU-Land mehr Geld . . . Foto: Holger Bubel
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Hinter den Kulissen: Ministerin Schäfer (l.) stattete den Schauspielern vor ihrem Auftritt einen Besuch ab und plauderte mit den Darstellern über die Theaterkunst.
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Stimmten das Publikum rhythmisch mit Auszügen von „Africa meets Europe“ ein: die Schulband mit Unterstützung von Thierry als SIR „T“ (l.).

Herzogenrath. 27 verschiedene Länder gemeinsam in einer Klasse, der Europäischen Union – na das kann ja was werden. Und es wurde was! Eine knappe Stunde zeigten die Projektschüler der Europaschule Gesamtschule Herzogenrath unter der Leitung der Lehrerin und Theaterpädagogin Nicole Jacobi, wie die Fetzen fliegen können, wenn unterschiedliche Nationalitäten, die eigentlich im Haus Europa – in diesem Fall die Klasse Europa – an einem Strang ziehen sollen, das aber nicht so richtig hinbekommen.

Wohin führt der Weg Europas? Wie sind die Befindlichkeiten? Wo sind die Probleme, Unterschiede, wo Gemeinsamkeiten der Länder? Fragen über Fragen, alles sehr kompliziert auf diesem bunten, gar nicht immer einigen Staatenbündnis...

Um sich dieses durchaus anspruchsvolles und äußerst unterhaltsames Theaterstück nicht entgehen zu lassen, war Ute Schäfer, NRW-Ministerin für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport aus Düsseldorf angereist, in Vertretung der verhinderten Ministerin für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien, Angelica Schwall-Düren, deren Ministerium das Theaterprojekt von Europaschulen gefördert hatte.

Gleich, aber doch anders

Zwölf Europaschulen hatten insgesamt an dem Projekt „Voll auf der Kippe – Ein Tag in der Klasse Europa“ teilgenommen, die Herzogenrather Schule war eine von zwei, die sich über den hohen ministeriellen Besuch freuen durfte.

Die Grundlagen für das Stück wurden in einem Workshop, an dem rund 100 Schüler aus NRW beteiligt waren, erarbeitet. Geleitet wurde die intensive Auseinandersetzung mit Europa, in der Assoziationen und Ideen zum Stück entwickelt wurden, von der Schauspielerin und Autorin Katja Hensel. Sie schrieb auch die Textvorlage, die von den einzelnen Theatergruppen weiterentwickelt wurden. So ist jedes Stück gleich, aber eben doch anders.

Zum Inhalt: Die Mitgliedsländer Europas treffen sich als Schulklasse, wollen alle das Beste und schon geht der Streit los. Plötzlich sind die Probleme der anderen sehr nah an den eigenen dran, man geht ja in „dieselbe Klasse“: Zypern ist da der Tischnachbar von Frankreich, Brüssel ist Klassensprecher und versucht den Haufen zusammen zu halten, Bulgarien fühlt sich gemobbt, auf seine Wurst- und Käsespezialitäten reduziert und als „Neuer“ ausgegrenzt, Irland steht als Klassenclown da, Polen bringt einen Stapel Beleidigungsordner mit, die Türkei würde auch gerne in die Klasse, wird aber von allen übrigen abgelehnt – und es gibt Streit um die Klassenkasse. Denn ums Geld geht es irgendwie immer. Ganz wie im wirklichen Leben . . .

Eingebettet in reale politische und gesellschaftliche Konstellationen wird hintergründig-ironisch aufgeräumt mit herrschenden Klischees. Durch die Schauspieler personifiziert werden aber auch Ängste, gewachsene Vorurteile und schlichtweg Abneigungen der Nationen untereinander – zuweilen im Spiel mit der Psychologie des Boshaften – auf die Bühne gebracht. Etwa dann, wenn die Wallonie sich von Flandern nicht verstanden fühlt: „Nein, ich versteh dich nicht. Und ich sage dir auch warum: Wir sprechen einfach nicht dieselbe Sprache“, verweist Flandern auf den seit dem 19. Jahrhundert schwelenden flämisch-wallonischen Konflikt. Oder Bulgarien, das die „blöden Roma“ für seine schlechte wirtschaftliche Situation und sein übles Image verantwortlich macht Finnland wird als „Holzhaufen“ tituliert. Frankreich und Deutschland als arrogante Allesbestimmer. Zum Eklat kommt es letztlich beim Kampf um die Klassenkasse, aus der sich die Nehmerländer bedienen, während die Geberländer dort kräftig einzahlen. Beim Streit um die Kasse wird das Geld zum Fenster hinausgeschmissen und Bulgarien wird fast von den Finanzen erschlagen. Das gewöhnlich zurückhaltende Finnland hat dann doch die Nase voll, nimmt die Kasse, verschluckt den Schlüssel – und Ruhe ist. Irgendwie schafft es das gebeutelte Europa, sich dann doch zusammen zu raufen. Wie lange? Das wird der nächste Tag in der Klasse Europa zeigen . . .

Das Publikum, neben der Ministerin waren auch Norbert Spinrath von der Staatskanzlei Düsseldorf, Bernward Gilles von der Bezirksregierung Köln sowie Bürgermeister von den Driesch, zeigte sich begeistert von Stück und Schauspielern: „Die Schüler haben durch eine tolle schauspielerische Leistung den hintergründigen Humor pointiert vermittelt. Großes Kompliment“, freute sich von den Driesch über einen „tollen Abend“. Stolz auf die Schauspieler und die künstlerische Leitung zeigte sich auch Schulleiter Daniel Bick: „Die hohe Konzentrationsfähigkeit und Textsicherheit der Schüler hat mich beeindruckt. Eine fantastische Darbietung, wofür ich Nicole Jacobi ein ganz großes Lob und Dank aussprechen möchte.“ Auch wenn es (noch) nicht geplant ist, das Stück hat eine Wiederholung verdient.

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